Helene wurde die Bank unter dem Hintern weggezogen. Über Nacht war sie einfach verschwunden. Im Stadtpark, vor dem Nobelrestaurant Steirereck, standen Parkbänke. Helene und ihre zwei Kinder saßen fast täglich hier. Unter den üppigen Kronen der Bergahorne rasteten sie auf dem Weg zum Spielplatz, tranken einen Schluck Wasser, aßen eine Laugenstange. Sie waren nicht die Einzigen. Die Bänke waren hoch frequentiert. Junge Punks, Pensionisten, Familien hockten an warmen Tagen nebeneinander.

Seit der Jahreswende sind sie weg. Immer wieder hätten Passanten Bänke verschoben und weggetragen, heißt es aus dem Büro des Bezirksvorstehers der Landstraße, Erich Hohenberger (SPÖ). Der Bezirk zog die Reißleine und entfernte sie vom Vorplatz des Restaurants. "Um Sicherheit zu gewährleisten." Auch am Vorgartenmarkt in der Leopoldstadt fehlen seit Monaten Bänke. "Die Parkbänke mussten aufgrund zahlreicher Beschwerden von Anrainern verstellt werden. Während des Lockdowns hatten Gäste vom Markt Essen geholt und auf den Bänken verspeist. Es mussten zusätzliche Reinigungen durchgeführt werden, um einer Rattenvermehrung vorzugreifen", heißt es hier von den Zuständigen von Wiener Wohnen.

Es ist ein auffälliges Phänomen - werden Parkbänke genutzt, kommen sie weg. In der ganzen Stadt mehren sich Fälle verschwindender Bänke. So banal eine Bank auch ist, so hoch ist auch ihr Potenzial für Aufregung. Parkbänke sind ein sensibles Thema. Stehen sie unter dem Schlafzimmerfenster, glühen die Telefonleitungen der Behörden. Machen sie dem benachbarten Gastgarten Konkurrenz, ebenso. Werden sie zum Treffpunkt von Obdachlosen, erst recht. Parkbänke sind mehr als ordinäre Sitzmöbel. Über Parkbänke kann die Stadtverwaltung steuern, wo sich Menschen im öffentlichen Raum aufhalten - und wo nicht. Sie sind ein wichtiges Instrument der Raumplanung. Sie fördern soziale Teilhabe, sie kennen keinen Status. Sie sind für alle da. Jeder kann sich hinsetzen, ohne gleich einen Kaffee bestellen zu müssen. Werden Parkbänke aufgestellt, füllen sich Plätze. Werden Parkbänke entfernt, leeren sich Plätze.

Neue Ungemütlichkeit

2012 eröffnete der neue Bahnhof Wien Mitte samt Shoppingcenter im 3. Bezirk. Sein riesiger Vorplatz wird täglich von tausenden Menschen passiert. Er bietet kaum konsumfreie Sitzgelegenheiten. Die Poller sind angespitzt, Stufen gibt es keine, Bänke genau drei. Sie wurden nicht vergessen, ihre Absenz folgt der Intention, den Platz für Obdachlose und Jugendliche so unattraktiv wie möglich zu machen. Das degradiert den Platz im Herzen der Stadt zum Durchzugsgebiet ohne Aufenthaltsqualität. Experten sprechen von defensiver Architektur. Sie widerspricht der Idee einer lebendigen Stadt, die für alle Gruppen der Gesellschaft Platz findet - auch für Randgruppen. Sie widerspricht dem demokratischen Grundsatz, wonach der öffentliche Raum allen gehört.

"Defensive Architektur ist seit Jahren gängige Praxis", sagt Katharina Kirsch-Soriano, Leiterin der Stadtteilarbeit der Caritas Wien. Vor allem um Bahnhöfe und in U-Bahn-Stationen wird defensiv geplant. Die Bänke in den neuen U-Bahn-Stationen der Wiener Linien sind dafür charakteristisch. Die Sitzflächen in der neu renovierten U4-Station Pilgramgasse sind durch Armstützen getrennt. Die Barrieren verhindern, dass Obdachlose hier schlafen können. Die Wiener Linien sehen sie als "Aufstehhilfe" für ältere Fahrgäste.

Auch am Praterstern ist die Parkbank verschwunden. Nur eine Handvoll Sitzgelegenheiten haben es in die Pläne für die Neugestaltung im Jahr 2010 geschafft. Die meisten haben keine Lehnen, sie sind unterteilt und schmal. Sie sind nicht bequem, sollen sie auch nicht sein. Die Bank soll ihre ureigenste Funktion - gemütliches Sitzen - nur bedingt erfüllen. Kurzes Rasten, ja. Langes Verweilen, nein. Neben dem Alkoholverbot sind sie die zweite repressive Maßnahme gegen Obdachlose. "Paradoxerweise sind genau diese marginalisierten Gruppen am meisten auf die Parkbank angewiesen. Für Menschen, die keine Wohnung haben oder in beengten Wohnverhältnissen leben, ist das Bankerl auch Wohnzimmer", sagt Kirsch-Soriano. Verschwindet sie, verschwindet das Wohnzimmer, verschwindet Geborgenheit. In gewisser Weise verlieren Wohnungslose ein zweites Mal ihr Zuhause. "Der öffentliche Raum wird für Obdachlose enger." Und natürlich fallen getilgte Bankerl auch auf andere Gruppen zurück. Wird eine Parkbank entfernt, um Obdachlose zu verdrängen, kann sich auch die Oma am Weg zum Markt hier nicht mehr ausruhen.

Verschwinden Parkbänke, geschieht das meist auf Drängen von Anrainern, Gastronomen, Passanten, die sich nicht sicher fühlen. Gleichzeitig wollen die Wiener mehr Bänke. Laut einer Umfrage des Mobilitätsreports der Stadt fanden 2019 68 Prozent der Bürger, dass es in Wien zu wenige Parkbänke gibt. Wie viele es insgesamt sind, ist ein gut gehütetes Geheimnis. Ein Register aller öffentlicher Bänke innerhalb des Stadtgebiets existiert nicht. Bankerl stehen überall. Im Beserlpark, in Wäldchen, in Straßen, bei Gemeindebauten, auf Bahnhöfen und Märkten. Die Zuständigkeiten reichen von der MA 28 (Straßenverwaltung) über die MA 42 (Stadtgärten) bis zu Wiener Wohnen und den ÖBB. Laut MA 42 stehen in den Park- und Grünanlagen der Stadt rund 20.000 Bänke, 760 Tisch-Bank-Kombinationen und 620 Sessel. Der internationale Vergleich zeigt, zumindest in Straßenzügen schneidet Wien dürftig ab. Laut einer Studie der Boku Wien aus dem Jahr 2017 gibt es in Wien lediglich in drei von zehn Straßen Sitzplätze ohne Konsumzwang. Im Rotterdam sind es acht, in München fünf.

Hürden der Lokalpolitik

"Zu wenig", findet Hanna Schwarz. Die Mitgründerin der Initiative "geht-doch.wien" setzt sich seit Jahren für die Interessen des Fußgängers ein. Sie will Menschen vom Auto auf den Gehsteig bringen. In ihrem Plan spielt die Parkbank eine entscheidende Rolle. "Die Qualität des Zufußgehens steigt mit der Anzahl der Bänke", sagt sie. "Je mehr Parkbänke es auf einer Route gibt, desto mehr Menschen verzichten auf das Auto und gehen selbst." Oft scheitert Schwarz am Henne-Ei-Problem. Fordert sie für einen Straßenzug mehr Bänke, schlägt ihr das Argument entgegen, dass hier sowieso kaum jemand gehen würde. "Es ist schwierig zu vermitteln, dass eben die Parkbank genau das ändern würde." Vor allem ältere Menschen brauchen Orte, an denen sie rasten können. Gibt es die nicht, fahren sie mit dem Auto. Die Initiative fordert alle 300 Meter ein Bankerl. Die Distanz entspricht einer Gehzeit von zehn Minuten einer mobilitätseingeschränkten Person. Im Jahr 2019 sammelte Schwarz dafür Unterschriften. Die Petition schaffte es in den Petitionsausschuss der Stadtregierung. Dort sprachen sich alle Parteien einstimmig dafür aus. Mehr Bänke gibt es trotzdem nicht.

"Grundsätzlich sind die Intentionen der Stadt gut", sagt Schwarz. In ihren Konzepten und Studien werde das Problem erkannt und Lösungen würden vorgeschlagen. So sieht etwa der aktuelle Stadtentwicklungsplan eine deutliche Aufstockung der Anzahl von Parkbänken vor - und ist dabei noch radikaler als die Initiative der Fußgänger selbst. Alle 250 Meter soll es bis 2025 eine Sitzbank geben.

In der Alltagspraxis der Lokalpolitik scheitern die Bestrebungen oft. Prallen in einem Grätzel die Interessen von Anrainern, Passanten, Lokalbetreibern aufeinander, gewinnt die Gruppe mit der stärksten Lobby und dem größten Einfluss auf die Bezirksvertretung. Die Konzepte der Expertise sind dann nicht mehr viel wert. Rechtlich bindend sind sie ohnehin nicht. Vorgaben, wo die Bankerldichte wie hoch sein muss, gibt es auch nicht. Im Zweifel werden Parkbänke entfernt oder umgestellt.

Konflikte der Zukunft

"Kommt es zu Klagen von Anrainern, werden Bänke schnell geschleift", sagt Petra Jens, Fußgängerbeauftragte der Stadt. "Oft kämpfen Bürger jahrelang für eine Parkbank. Nach zwei Beschwerdeanrufen ist sie dann wieder weg." Der Konflikt werde sich in Zukunft noch zuspitzen. "Die Sommer werden heißer, die Aktivitäten der Menschen verlagern sich in die Nacht und auf die Straße. Trinken Jugendliche abends auf einer Bank im Wohngebiet Bier, sind sie natürlich nicht leise. Konflikte sind vorprogrammiert. Am Ende verliert die Parkbank." Immerhin würde die Stadt mit Standorten und Bankformen experimentieren. "Es gibt auch viele positive Beispiele für nutzungsoffene Sitzmöbel, etwa Holzdecks in Parks. Aber natürlich, mehr könnten es immer sein."

Die Pandemie hat uns gezeigt, wie existenziell öffentlicher Raum in der Stadt ist. Als in diversen Lockdowns Geschäfte, Theater, Kinos, Lokale, Beiseln, Gastgärten und Grenzen dicht waren, hockten die Bürger aller Schichten daheim - und auf der Parkbank. Der öffentliche Raum wurde wiederentdeckt. In der ganzen Stadt ist er bis heute voll. Nur vor dem Steirereck sitzt niemand mehr.