Vor 92 Jahren, am 11. Juni 1929, wurde sie im texanischen Galveston zur schönsten Frau des Universums gekürt: Die Wienerin Lisl Goldarbeiter errang als "Miss Universe" einen wahrhaften Jahrhunderttitel. Denn auch spätere Schönheitsköniginnen aus Österreich, wie Eva Rueber-Staier (1969) und Ulla Weigerstorfer (1987) schafften "nur" die weltliche Dimension einer "Miss World". Der überirdische Rang der "Miss Universe" wurde zumindest im Rahmen von Misswahlen bis heute keiner anderen Österreicherin zugesprochen.

Schon vor 92 Jahren verteilte Lisl Goldarbeiter Autogrammkarten. - © picturedesk / ÖNB
Schon vor 92 Jahren verteilte Lisl Goldarbeiter Autogrammkarten. - © picturedesk / ÖNB

Lisl (eigentlich Liesl-Elisabeth) Goldarbeiter wurde 1909 in Wien geboren. Der jüdische Vater, ein Galanteriewarenhändler, stammte aus Ungarn und wurde knapp vor Kriegsende 1945 von den Nationalsozialisten in Mauthausen ermordet. Gemeinsam mit Mutter Aloisia wohnte die kleinbürgerliche Familie in der heutigen Vivariumstraße 11, Stiege 3.

Lisl hatte ihr ganzes Leben lang einen glühenden Verehrer. Ihr Cousin Marczell (Marci) Tenczer filmte und fotografierte seine große Liebe von Kindesbeinen an. Um sich das Geld für das Filmmaterial zu haben, lief er zu Fuß durch Wien, um sich das Geld für die Straßenbahn zu ersparen. Er war von ihr so begeistert, dass er Lisl zunächst ohne ihr Wissen zu Miss-Wahlen anmeldete, die sie der Reihe nach gewann. So wurde sie als amtierende Miss Austria auch nach Galveston geschickt und siegte im Miss-Universe-Bewerb. Sie war die erste Nicht-Amerikanerin und es gibt noch Filmaufnahmen von diesem Ereignis, wo sie etwas verlegen für ihr Heimatland Österreich wirbt (https://vimeo.com/51056779). Die heimische Presse stand kopf. Die "Wiener Allgemeine Zeitung" triumphierte auf der Titelseite über die "Die schönste Frau der Welt". Sie habe den Sieg "ohne Schminke und ohne Lippenstift" errungen.

Folgende Angebote aus Hollywood und der ganze Glamour interessieren die junge Frau aus Wien aber wenig. Sie kehrt nach Österreich zurück und heiratet 1930. Aber nicht den schmachtenden und ewigen Lisl-Fan Marci, sondern den Krawatten-Fabrikanten Fritz Spielmann. Doch Spielmann weigerte sich im Jahr 1938, Lisls Vater zu helfen, als dieser in der Reichspogromnacht in seiner Wiener Wohnung schwer misshandelt wird. Das führt zum totalen Bruch der Ehe. Über Preßburg emigriert Lisl Goldarbeiter nach Ungarn. Ihre Familie wird von den Nazis vernichtet,

Lisl überlebt irgendwie und landet schließlich in Budapest. Dort heiratet sie 1949 endlich ihren großen Verehrer Marci Tenczer. Sie leben gemeinsam im kommunistisch gewordenen Ungarn. 1996 stirbt Lisl mit 88 Jahren. Sie wird auf dem Farkasréti Friedhof in Budapest beerdigt.

Marczell überlebt sie um sieben Jahre und bewahrt ihr nach Kräften ein fotografisches und filmisches Denkmal. Knapp vor seinem eigenen Tod steht er dem Dokumentarfilmer Péter Forgács für ein filmisches Porträt seiner großen Liebe zur Verfügung. "A Queen aus Wien" wurde schließlich 2006 uraufgeführt und besteht weitestgehend aus faszinierendem Archivmaterial über die österreichische Miss Universe, die unspektakulär und still den Großteil ihres Lebens und Alters in Ungarn verbracht hat.

Der berührende, 70 Minuten lange Film unter anderem mit dem Interview von Marczell Tenczer und vielen Filmdokumenten wurde bei der Viennale 2006 im Wiener Gartenbaukino gezeigt. Die preisgekrönte Dokumentation ist im Verleih der Mischief Films in Wien erschienen.