Der Tod eines zehn Wochen alten Babys am Wochenende hat das Thema Schütteltrauma auf tragische Weise in Wien wieder aufs Tapet gebracht. In Deutschland läuft derzeit die Kampagne "Schütteln tötet", die auf das Problem aufmerksam macht. Von der API Kinder- und Jugendstiftung vorangetrieben, soll deutschlandweit die Aufklärung über Folgen des Schütteltraumas fester Bestandteil des Mutter-Passes (Mutter-Kind-Pass) werden. Die "Wiener Zeitung" hat mit einer der Initiatorinnen, Dragana Seifert, vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gesprochen.

"Wiener Zeitung": Eltern schützen eigentlich instinktiv ihre Kinder. Warum kann es trotzdem dazu kommen, dass manch einer sein Kind schüttelt?

Dragana Seifert: Man geht davon aus, dass das Schütteltrauma andere Ursachen hat, als die klassische Misshandlung, bei der das Kind geschlagen wird. Es ist oft eine Situation der Überforderung. Besonders betroffen sind sogenannte Schreikinder, die ihre Eltern aus dem normalen Ruherhythmus bringen. Das ist aber selbstverständlich keine Entschuldigung.

Wie kommt man ausgerechnet aufs Schütteln? Kinder werden ja, wie Sie erwähnt haben, auch geschlagen.

Besonders gefährdet sind Kinder von der Geburt bis zum ersten Lebensjahr und die werden von den Eltern in Armen und mit den Händen gehalten. Man kann sich das bildlich so vorstellen, dass das Kind an den Armen oder am Brustkorb gehalten wird und der Elternteil sich dann so verhält, als wolle er jemanden wieder zu Sinnen bringen. In der Art von: "Jetzt hör doch endlich einmal auf, zu schreien!"

Dragana Seifert ist Professorin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und leitet dort die Klinische Rechtsmedizin.  - © UKE Hambug
Dragana Seifert ist Professorin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und leitet dort die Klinische Rechtsmedizin.  - © UKE Hambug

Was passiert eigentlich bei einem Kind, das geschüttelt wird? Bei Erwachsenen hat das ja nicht so schlimme Auswirkungen.

Kleinkinder haben im Gegensatz zu Erwachsenen keine feste Nackenmuskulatur, die den Kopf halten kann. Auch ist der Kopf im Vergleich zum Körper sehr groß und schwer. Wenn Sie dann so ein Kind massiv schütteln, kommt es zu einer unkontrollierten Kopfbewegung; von vorne nach hinten, von vorne nach hinten - wie Peitschbewegungen. Dadurch wird das Gehirn geschädigt.

Inwieweit?

Es kommt zum Abriss von Brückenvenen, das sind ganz feine Venen auf der Hirnoberfläche. Des weiteren sind Risse in der Gehirnsubstanz die Folge des Schüttelns und auch Blutungen im Augenhintergrund, weil dort auch die Gefäße reißen. Der weitere Verlauf ist dann ein wenig so, wie wenn man sich irgendwo stößt: Man bekommt einen Bluterguss und das Ganze schwillt an. Für das Gehirn bedeutet das, dass es nicht mehr gut mit Sauerstoff versorgt werden kann. Das macht die Sache auch so wahnsinnig gefährlich, denn dadurch entstehen irreparable Schäden.

Sie haben als Rechtsmedizinerin des öfteren mit solchen Fällen zu tun. Macht Ihnen das nicht zu schaffen?

Natürlich nimmt einen das mit. Jeder einzelne Fall ist tragisch. Die Kinder kommen gesund zur Welt, haben alle Voraussetzungen für ein normales, gesundes Leben. Und dann wird dieses Leben innerhalb weniger Sekunden zerstört. Oder es bleiben schwere Behinderungen: Das Augenlicht kehrt nicht zurück, oder das Kind liegt auf der Pflegestation, wird künstlich ernährt, wird künstliche beatmet und bekommt nichts mehr mit. Es ist fürchterlich, wie Eltern, die sich einen Moment nicht unter Kontrolle haben, ein Kindesleben zerstören.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Schütteln von Kindern und mangelnder Aufklärung über das, was passieren kann?

Ja, deshalb haben wir in Hamburg auch eine entsprechende Kampagne gestartet, die diesen Sommer noch einmal forciert wird. Es ist wichtig den Eltern vorher zu erklären, wie sie mit so einer Ausnahmesituation umgehen können. Wir bitten die Ärzte, Eltern aktiv bei der Vorsorgeuntersuchung darüber aufzuklären, dass es nur Sekunden sind, die über Leben und Tod entscheiden.

Kann man, wenn es passiert ist, noch etwas machen?

Es ist wichtig, dass die Eltern, sobald sie zur Ruhe gekommen sind, sofort ein Krankenhaus aufsuchen und den Mut fassen, die Wahrheit zu sagen. Rückgängig kann man das Geschehene nicht machen, aber sehr wohl noch im Sinne des Kindes handeln. Die Symptome des Schütteltraumas können sehr unspezifisch sein: Das Kind trinkt nicht mehr oder das Kind erbricht sich. Wenn der Arzt über das Geschehene nicht informiert ist, denkt er vielleicht an eine Darmgrippe. Es vergehen manchmal Tage, bis die richtige Diagnose gestellt wird und dann ist es für alles zu spät. Sagen die Eltern die Wahrheit, könnten wir das eine oder andere Kind retten oder zumindest das Leben erträglicher machen.

In Deutschland läuft eine Aufklärungskampagne zum Thema Schütteltrauma. - © API Kinder- und Jugendstiftung
In Deutschland läuft eine Aufklärungskampagne zum Thema Schütteltrauma. - © API Kinder- und Jugendstiftung

Welchen Tipp haben Sie, wenn einem bei einem Schreikind drohen, die Sicherungen durchzubrennen?

Sofort dem Partner das Kind geben, auch wenn es einem etwa leidtut, ihn zu wecken. Oder, wenn das nicht möglich ist, das Kind sicher ablegen, zum Beispiel im Bett oder auf dem Boden, jedenfalls so, dass es nicht gefährdet ist, beispielsweise allein zu ersticken. Und dann geht man raus, holt tief Luft, sieht zu, dass man wieder zur Ruhe kommt und zeitnah wieder zurück zum Kind geht.