Perrine Schober (37) ist eine findige Tourismusexpertin mit sozialer Ader. Die Tochter einer Französin und eines Österreichers hatte 2015 die Idee, Schattenfiguren der Stadt in den Blickpunkt von Besucherinteressen zu rücken. Bisherige Randfiguren wurden mit ihrer Geschäftsidee nicht nur zu Hauptdarstellern. Für einige Obdachlose, Flüchtlinge und Drogensüchtige wurde die Initiative auch zur Grundlage für ein neues Leben.

"Shades Tours" bieten in Wien spannende Rundgänge mit Blick hinter die Kulissen der Stadt, in der sich auch Gestrauchelte zurechtfinden und leben müssen. Das Besondere an den Touren durch die Schattenwelt sind weniger die Orte als die Tourguides, die Schober ausgesucht hat: Es handelt sich um Betroffene, die das Schicksal von Armut, Obdachlosigkeit, Flucht und Drogensucht am eigenen Leib erlebt haben.

"Ich dachte mir, dass darüber niemand so authentisch erzählen kann wie die Menschen, die das selbst erleben und erlebt haben", erzählt Schober. Für ihre Guides bilden die Führungen meist "die letzte Station auf dem steinigen Weg heraus aus sozialen Randsituationen". Der Job bei "Shades Tours" mit der Möglichkeit, Geld zu verdienen, ist meist ein Weg zurück in ein geregeltes Leben.

Wenn dieser schließlich gelingt, "ist der Abschied von jemandem, mit dem man länger gut zusammengearbeitet hat, schon auch sehr traurig", erzählt Schober. Die Guides gehen schließlich "weg, in einen neuen Abschnitt, wenn es ihnen am besten geht". Die Experten sagen "Top up" zu einem solchen Ausstieg. Schober kann sich da gut abgrenzen: "Ich verstehe, dass ich für Guides vielleicht ein Symbol ihrer Obdachlosigkeit sein kann, das man hinter sich lassen will." Meistens bleibt sie aber mit ihnen befreundet. Und holt sich die nächsten Mitarbeiter ins Unternehmen. Bei ihren "Recruiting-Gesprächen" arbeitet sie mit Sozialeinrichtrungen wie der Gruft zusammen.

Das bekannte Wiener Obdachlosenquartier hat sie aus nächster Nähe kennengelernt, weil sie immer wieder in diesem Notlokal für rund 300 Gestrandeten kochte. Dort traf sie auch auf ihre ersten Mitarbeiter für ihr Tourismusprojekt. Durch die Arbeit als Guides wuchsen bei ihnen die Hoffnung und der Glaube an eine Zukunft mit neuen Möglichkeiten. Schober beobachtete so "den psychischen Wert von Arbeit - die Kombination aus Struktur und Gehalt hilft bei der Bekämpfung persönlicher Dämonen".

Seit 2016 führt sie nun ihr Unternehmen "Shades Tours". Die Nachfrage nach Rundgängen explodierte seither. Im ersten Jahr kamen bloß 1.600 Teilnehmer, inzwischen sind es jährlich fast 16.000. Die Lockdowns brachten vorübergehend alles zum Erliegen. Doch jetzt läuft das Geschäft wieder. Rund 18 Euro zahlt man pro Person für eine zweistündige Führung. Die Hälfte der Besucher bilden Schulgruppen. Fast alle Interessierten kommen aus Wien.

"Tourismus als volkswirtschaftliches Instrument zur Verringerung von Armut" lautete der Titel von Schobers Diplomarbeit im Jahr 2009. Dieses Prinzip setzt die Tourismusmanagerin nun mit derzeit sieben Mitarbeitern in Wien um. Die diplomierte Betriebswirtin arbeitete einst für den Entwicklungsdienst der Niederlande. Für ihn lieferte sie schon früh Grundlagen für Tourismuskonzepte in Vietnam.

"Wasser ist mein Lieblingselement", sagt Schober und meint damit tauchen, baden, reisen. Sie liebt heimischen Wein und - wohl wegen ihrer Abstammung - "guten Käse aus Frankreich."