Elektroautos sind unsere Rettung. Ruhig und sauber gleiten sie durch die Stadt. Sie lassen den ökologischen Fußabdruck schrumpfen - von Skischuhen auf Kleinkindersandalen, ohne Verzicht einzufordern. Autofahren bedeutet schließlich auch Freiheit, sagt man. Die ist nun umweltschonend zu haben, so die Erzählung von Industrie und Politik. Studien würden die hervorragende Ökobilanz der Fahrzeuge belegen.

Auch die Wiener Stadtregierung setzt auf E-Mobilität. Am Montag feierte sie die tausendste E-Ladestelle der Stadt. Anfang Juni ging die letzte Ladestelle des sogenannten Ladenstellen-Ausbauprogramms in Betrieb. Seit Herbst 2017 arbeitet die Wien Energie im Auftrag der Stadt daran. "Für den Klimaschutz ist umweltfreundliche Mobilität ein entscheidender Faktor", sagte Wirtschaftstadtrat Peter Hanke (SPÖ) bei einem Pressetermin. "Die Forcierung von Elektromobilität ist ein wichtiger Beitrag zur Mobilitätswende und Erhaltung der Lebensqualität in unserer Stadt", schloss sich die Stadträtin für Stadtplanung und Mobilität Ulli Sima (SPÖ) an. "1.000 öffentliche E-Ladestellen wirken wie ein Katalysator für den Umstieg auf umweltfreundliche Mobilität", sagte auch Michael Strebl, Vorsitzender der Wien Energie-Geschäftsführung. In ganz Österreich gibt es 96 öffentlichen E-Ladestationen pro 100.000 Einwohner - mehr als doppelt so viele wie noch im Jahr 2019. Damit liegt Österreich in Europa an siebenter Stelle und deutlich über dem EU-Schnitt von 57 Stationen.



 

Mit der Infrastruktur kommen auch ihre Nutzer. Die Offensiven der vergangenen Jahre wirken. Der Stromantrieb gewinnt auch in Österreich an Fahrt. Freilich ist sein Anteil gemessen an der Gesamtzahl der Fahrzeuge noch gering. Laut Statistik Austria waren in Österreich am 31.12.2020 rund fünf Millionen Pkw zugelassen. Jährlich werden es um etwa ein Prozent mehr. 44.507 davon waren Elektroautos. Das ist etwas weniger als ein Prozent. Doch die Richtung stimmt. Ein Blick auf die Neuzulassungen zeigt, das E-Auto holt rasant auf. Vor allem in diesem Frühjahr machte es Boden gut. Von Jänner bis Mai 2021 wurden 11.733 Elektroautos zugelassen. In Jahr davor waren es im selben Zeitraum nur 3.720. Das ist ein Anstieg von 215,4 Prozent. Der Anteil an benzinbetriebenen Autos nahm im selben Zeitraum nur um 10,8 Prozent zu. Autos mit Dieselmotor wurden sogar um 15,7 Prozent weniger zugelassen.

Wien liegt im Bundesländervergleich etwa im Durchschnitt, hinter der Steiermark, Ober- und Niederösterreich. Zum Jahreswechsel gab es in der Bundeshauptstadt 6.245 Elektroautos. In Niederösterreich sind 9.369 Elektroautos unterwegs.

"Politik der Feigheit"

Die Tendenz ist klar. Elektroautos werden mehr. Doch sind sie tatsächlich Heilsbringer - oder Marketingtrick der Autoindustrie? Ein Vorteil von Elektroautos ist unbestritten. Sie sind sauber im Verbrauch, stoßen also beim Fahren keine giftigen Stickoxide, Benzol oder Kohlenmonoxid aus. Doch auch Elektroautos sind nicht unbelastet. Sie verpesten die Luft indirekt. Der Strom, mit dem sie laufen, ist nicht zur Gänze sauber. Noch immer kommen 15,5 Prozent des österreichischen Stroms aus der Verbrennung fossiler Energieträger. Elektroautos verursachen durch den Abrieb von Bremsen und Reifen Feinstaub. Bei der Produktion der Batterie entstehen Emissionen, etwa beim Schürfen der Rohstoffe, die in einer Batterie verbaut sind. Das deutsche Fraunhofer-Institut für Bauphysik berechnete, dass Elektrofahrzeuge in ihrer Herstellung höhere Umwelteinwirkungen aufweisen als der Verbrennungsmotor. Laut einer Studie des Instituts für Energie- und Umweltforschung im deutschen Heidelberg haben große Elektroautos diese Ökoschuld erst nach 100.000 Kilometer abgestottert.

Und natürlich ändern auch Elektrofahrzeuge nichts an der Zersiedelung der Städte, der Versiegelung der Böden (rund 15 Prozent der gesamten Fläche Wiens sind Verkehrsflächen), den vielen Verkehrstoten (im Corona-Jahr 2020 waren es laut Innenministerium 338 in Österreich, davon zwölf in Wien), den Staus und verstopften Straßen. Die Stadt Graz kämpft dieser Tage mit einer völligen Überlastung des Verkehrssystems. Verkehrsexperten wie Bernd Cagran-Hohl sind sich einig: Nur der Verzicht auf den Pkw kann sie Situation lösen.

"Man sollte das Auto infrage stellen, nicht dessen Antrieb", sagt der Wiener Verkehrswissenschafter Hermann Knoflacher gegenüber der "Wiener Zeitung". Die Forcierung der E-Mobilität ist für Knoflacher eine "Politik der Feigheit oder der Unkenntnis". Der elektrische Antrieb von Autos sei nichts anderes als ein Geschäftsmodell der Autoindustrie. Die Politik spiele mit und forciere den Umstieg. Dabei gerät das eigentliche Problem in den Hintergrund: Es fahren zu viele Autos auf den Straßen.(wint)