Es ist schön, sagt der Mensch, wenn die Sonne scheint. Es ist schiach, sagt der Mensch, wenn es regnet. Die Terminologien könnten sich ändern. Der Sommer ist noch jung und zeigt uns schon, wie schiach Sonnenschein sein kann. Da freuen wir uns den ganzen trüben Winter auf herrliche Sommertage, auf lauschige Grillabende, auf Eis am Stiel, Sonnen- und Freibäder - und plötzlich ist es so heiß, dass wir uns hinter heruntergezogenen Jalousien in unsere Wohnungen verkriechen.

Die Hitze hat Wien mit voller Wucht getroffen. Am Dienstag verzeichnete die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik den bereits fünften Hitzetag in Folge, also Tage, an denen das Thermometer auf über 30 Grad steigt. Bis Donnerstag wird sich daran nichts ändern.

Die erste Hitzewelle des Jahres ist kein statistischer Ausreißer, kein besonderes Wetterphänomen. Sie ist Normalität. Das Klima hat sich geändert. Die Sommer sind schiach geworden. Und so werden sie auch bleiben. Die Tendenz zeigt in Richtung noch schiacher. Ein Blick auf die Statistik zeigt, die Zahl der Hitzetage und Tropennächte ist im vergangenen Jahrzehnt sprunghaft angestiegen. Gab es in Wien im Jahr 2008 etwa noch acht Hitzetage, waren es von 2017 bis 2019 jeweils um die 40 - und damit doppelt so viele als im langjährigen Mittel. Auch in der Nacht kühlt es kaum mehr ab. 2018 hatte es in 46 Nächten immer über 20 Grad. Die Durchschnittstemperatur stieg in Wien in nur vier Jahrzehnten um satte zwei Grad.

Im Jahr 2019 sorgte eine Studie er ETH Zürich für Aufsehen. Sie prognostiziert Wien einen Temperaturanstieg von satten 7,6 Grad bis zum Jahr 2050. In Wien würde dann ein Klima wie heute in Skopje in Nordmazedonien herrschen. Laut Studienautoren ist Wien besonders betroffen. Andere europäische Metropolen heizen sich deutlich weniger auf.

Warum die Temperaturen ausgerechnet in Wien so rasant steigen, ist laut Michael Beisenherz ungewiss. "Städte sind für Hitze besonders anfällig", sagt der Meteorologe des Wetterdienstes Ubimet. Hitzewellen treffen Städter wesentlich öfter als Landbewohner. Der Temperaturunterschied zwischen urbanem und ruralem Gebiet kann bis zu zehn Grad betragen. In der Stadt gibt es weniger Grünflächen und Bäume, die einerseits Schatten spenden und die Luft durch Verdunstung kühlen und anderseits Kohlenstoff - dem maßgeblichen Verursacher der Erderwärmung - speichern. Zwischen den Betonblöcken drückt die Hitze. Die Luft staut sich über den versiegelten Straßen. "Die Zunahme der zubetonierten Flächen wirkt sich natürlich auf die Temperatur aus", sagt Beisenherz. "Gebäude blockieren die kühlen Frischluftschneisen aus dem Wienerwald. Über dem heißen Betonboden erhitzt sich die Luft weiter." Die Rechnung ist einfach. Mit der Versiegelung der Böden nimmt auch die Lufttemperatur zu.

Letal heiß

Ein Ende ist nicht in Sicht. Von Jahr zu Jahr purzeln die Rekorde. Heißester Sommer der Messgeschichte. Höchste jemals gemessene Lufttemperatur. Die meisten Hitzetage in Folge. Wie lange hält das der Mensch noch aus? Die Erderwärmung lässt Polkappen, Gletscher, Permafrostböden schmelzen. Sie rafft Tierarten dahin. Wann aber stirbt der Mensch?

"Natürlich gibt es eine Grenze, an denen der Mensch nicht mehr lebensfähig ist", sagt der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter. Wann genau sie erreicht ist, hänge aber von vielen unterschiedlichen Parametern ab - etwa Akklimatisation oder Luftfeuchte. Fakt ist - letal ist die Hitze schon jetzt. Die genau Zahl der Hitzetoten ist schwer zu fassen. Hitzetode lassen sich kaum identifizieren. Die genauen Ursachen eines Herzinfarkts bleiben oft im Dunkeln. Doch der Vergleich von Lufttemperatur und Sterblichkeit gibt Anhaltspunkte. In Wien nimmt die Sterblichkeit mit jedem Grad über 20 Grad Celsius zu. In einer Studie aus dem Jahr 2007 berechnete Hutter, dass es nach drei Hitzetagen in Folge täglich zu etwa vier Toten mehr kommt - einer Zunahme der Sterblichkeit um 13 Prozent.

"Vor allem die erste Hitzewelle des Jahres ist belastend", sagt Karin Spacek, Landessanitätsdirektorin der Stadt Wien. "Der Körper hat sich noch nicht an die heißen Temperaturen gewöhnt und kommt schlechter mit ihnen zurecht." Älter Menschen, Babys, Schwangere, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch sozial isolierte Menschen sind besonders gefährdet. Erst am Montag wurde ein neuer Rekord an Einsätzen der Wiener Berufsrettung verbucht. Innerhalb von 24 Stunden mussten die Teams 1.191 Mal ausrücken, oftmals aufgrund hitzebedingter Notfälle. Sonst gebe es durchschnittlich 800 bis 900 Einsätze im selben Zeitraum.

Natürlich führt Hitze auch indirekt zu Todesfällen, etwa durch Kohlenmonoxid-Unfälle. Am Montag ist eine Frau beim Duschen zusammengebrochen. Sie, ihr Partner und ihr Baby erlitten Vergiftungen. Das Klimagerät war an den Rauchfang der Gastherme angeschlossen. Durch Unterdruck wurden die Abgase in die Wohnung zurück gesaugt. Selbst der Sprung ins kalte Wasser wird bei extremer Hitze zur Lebensbedrohung. Laut Wasserrettung ertrinken in Österreich jährlich 40 bis 50 Menschen. Oft weil sie sich nicht abgekühlt haben.

Der Hitzeratgeber der Stadt gibt Tipps zum Umgang mit Hitzeperioden. Das Sonnenbad gehört nicht dazu. Dann lieber Vorhänge zuziehen und in der Wohnung einsperren. Der nächste Winter kommt bestimmt.