Wird in Wien eine Nachbarschaft Grätzel genannt, ist das ein Privileg. Das Wort adelt. Ein Grätzel ist mehr als eine Handvoll Straßen. Ein Grätzel lebt. Es ist ein Mikrokosmos. Ein Dorf in der Stadt - mit eigenem Charakter, eigenen Figuren, eigener Sprache, eigenen Regeln. Und natürlich hat jedes Grätzel sein eigenes Zentrum. Das kann ein Platz, ein Markt, sogar ein Beisl ein. Mit ihm steht und fällt, ob ein Stadtteil auch ein Grätzel ist - oder eben nicht.

Erdberg ist unumstritten ein Grätzel. Der Kardinal-Nagl-Platz sein unumstrittenes Zentrum. Den Donaukanal im Rücken, den Rabenhof im Blick, liegt der Platz im Osten der Landstraße. Eigentlich ist der "Kardi" - wie ihn die Erdberger nennen - ein Zwitter: halb Platz, halb Park. Er steht in keinem Reiseführer. Er ist kein Touristenmagnet, wie Karls- oder Stephansplatz, kein Knotenpunkt, wie der Praterstern oder Wien Mitte. Der Kardinal-Nagl-Platz ist ein Stadtteilpark. Nicht mehr und vor allem nicht weniger. Stadtteilparks sind essenziell für die ganze Stadt. Funktionieren sie, blühen Viertel auf. Funktionieren sie nicht, veröden Viertel. Der Kardinal-Nagl-Platz funktioniert. Er hält die Straßenzüge Erdbergs zusammen - geografisch und sozial.

Verwinkeltes Wohnzimmer

Zwei Wege führen diagonal durch das 8.000 Quadratmeter große Rechteck. Sie schneiden sich auf einem ausladenden Feld in der Mitte. Es staubt unter den Füßen. Üppige Platanen wachsen in den Himmel. Um diese Achsen ist die Anlage zoniert und verwinkelt. Wie es in einer Wohnung verschiedene Zimmer gibt, gibt es am "Kardi" verschiedene Bereiche für verschiedene Bedürfnisse. Auf zwei Spielflächen toben sich Kinder aus, Jugendliche sitzen auf wohnzimmerartigen Garnituren vor besprühten Betonwänden. Auf den Tischen neben der Hundezone spielen Männer Schach. Wilder Wein rankt auf einen Pavillon. Fast täglich sitzen hier die gleichen Leute im Schatten, trinken Weißwein aus dem Tetrapack, unterhalten sich. Viele Flächen sind verwuchert, in den Bäumen hocken Tauben, unter den Sträuchern rascheln Ratten. Am Fußballplatz poltert der Ball gegen ein Metallgitter. Eine Pensionistin trainiert mit dem Hula-Hoop-Reifen im Gras.

Am "Kardi" kommt niemand vorbei. Hier treffen sich die Leute, ob sie wollen oder nicht. Post, Trafik, Apotheke, Bankomat, Bäcker, Restaurants, U3-Station liegen an seinen Rändern. Das Rabenhoftheater ist einen Steinwurf entfernt. Ein kleiner Supermarkt verkauft internationale Delikatessen. Der Würstelstand macht mit Dosenbier ein gutes Geschäft. Am Kardinal-Nagl-Platz schlägt das Herz von Erdberg, weil er niemanden ausschließt, weil er für alle Bewohner des Grätzels da ist.

Es ist eine zutiefst wienerische Gegend. Viele Gemeindebauten, ein paar Gründerzeitblocks, Zinshäuser aus den 70ern. Die SPÖ kratzt hier noch immer an der Absoluten. Abseits der betuchten Teile des 3. Bezirks - wie Diplomaten- oder Weißgerberviertel -, gehört Erdberg seit jeher den Schichten abwärts der gesellschaftlichen Mitte. Die Einkommen sind niedrig, die Mieten leistbar, der Anteil an Migranten ist hoch. Gentrifizierung ist in Erdberg ein Fremdwort. Das einstige Arbeitergrätzel ist seiner Klientel treu geblieben. Und die dem Grätzel. Denn lebenswert ist Erdberg allemal.

"Ich bin ein Erdberger", sagt Thomas stolz. Er hantiert mit seiner Elektrozigarette als wäre sie ein Statussymbol. Nach jedem Satz nimmt er einen Zug mit großer Geste. Eine Dunstwolke so groß wie ein Kleinwagen schwebt in den Abendhimmel. Thomas und seine Freunde erholen sich am Kardinal-Nagl-Platz von den Strapazen eines brütend heißen Frühsommertags. "Im Sommer komme ich fast täglich her", sagt er. "Was soll ich daheim auch machen, wenn es draußen so schön ist. Hier treffe ich immer jemanden zum Quatschen. Der Kardi ist mein zweites Wohnzimmer." Die Teenager kratzen ihr letztes Kleingeld für Bier zusammen. Aus einem kabellosen Lautsprecher dröhnt Hip-Hop. Thomas dreht lauter. Auf der Parkbank daneben faltet ein schnauzbärtiger Mann seine Zeitung und geht. Die Teenager lachen.

Die beiden Wegachsen treffen sich auf einer Freifläche in der Mitte des Platzes. - © Schraml
Die beiden Wegachsen treffen sich auf einer Freifläche in der Mitte des Platzes. - © Schraml

Langsam verschwindet die Sonne hinter den Erdberger Dächern. Für den Kardinal-Nagl-Platz ist es der letzte Sommer. Im Herbst wird er umgebaut. Er ist in die Jahre gekommen. Die Wurzeln der Bäume brechen durch den gepflasterten Boden, die Mauern bröckeln, von den Eisenstangen der Sonnendächer blättert der Lack ab. Auch der Nutzungsdruck steigt. Laut Wiener Linien nimmt die Fahrgastfrequenz der U-Bahn-Station Kardinal-Nagl-Platz von Jahr zu Jahr zu. Immer mehr Menschen queren und nutzen den Park. Im Osten und Süden des Platzes - Richtung Donaukanal und St. Marx - wurden Neubaugebiete erschlossen. Auch deshalb hat sich der Bezirk für eine Neugestaltung entschieden. Das Büro des Bezirksvorstehers Erich Hohenberger (SPÖ) spricht von einem "Facelifting".

Gefährliches Lifting

Mit Liftings ist es so eine Sache. Im Idealfall sehen Gesichter danach besser aus. Doch der Idealfall ist selten. Oft gehen sie schief. Sie werden zu billigen Imitaten ihrer selbst, zu austauschbaren Trägern der immer gleichen Köperteile - aufgeplusterte Münder, gespannte Wangen, stupsige Näschen, gestraffte Lider. Geht der Chirurg nicht behutsam vor, verlieren sie ihren Ausdruck.

Mit Plätzen verhält es sich wie mit Gesichtern. Geht die Stadt nicht behutsam vor, gehen Umgestaltungen schief. Ganze Grätzel verlieren ihren spezifischen Charakter. Beispiele gibt es genug. Der Vorplatz des Bahnhofs Wien Mitte war einst ein pulsierendes Zentrum, mit Würstel- und Kebapständen, Bäckern, Bänken und Flair. Heute ist er eine anonyme Fläche ohne Ecken und Kanten. Ein Durchzugsgebiet zwischen Shoppingcentern. Revitalisierungen bedeuten oft ihr Gegenteil. Sie töten Vitalität durch immer gleiche Gestaltungselemente, die nicht selten gewisse Nutzer - Obdachlose, Punks, Suchtkranke - verdrängen sollen. Doch diesmal hat die Stadt vieles richtig gemacht. Die viel gepriesene Bürgerbeteiligung fand in Erdberg tatsächlich statt. Richtig statt. Nicht nur als Alibi-Aktion um den Zeitgeist zu befriedigen. Die Bürger durften mehr entscheiden als die Farbe einer Mauer. Sie brachten Ideen ein, die nun umgesetzt werden.

Ersehnte Mitsprache

Der Bezirk beauftragte die Lokale Agenda Landstraße mit der Organisation der Planung. Bis auf wenige Vorgaben - wie etwa den Baumbestand zu erhalten - mischte sich weder Bezirk noch zuständige MA 42 (Stadtgärten) ein. "Alle Anrainer im Umkreis von 500 Metern um den Kardinal-Nagl-Platz erhielten eine amtliche Mitteilung plus Fragebogen", sagt Sandra Löcker-Herschkowitz vom Agendabüro Landstraße. Eine Online-Umfrage mobilisierte weitere Menschen. Infostände am Platz motivierten die Nutzer direkt, sich einzubringen. Um alle Gruppen zu erreichen, arbeitete die Lokale Agenda etwa mit dem Jugendverein Juvivo oder der Suchgifthilfe Sam zusammen. Randgruppen sollen durch die Umgestaltung nicht verdrängt werden. Ganz im Gegenteil, sie planten mit. "Die Planerinnen Marlis Rief und Martina Jauschneg begleiteten den gesamten Partizipationsprozess", sagt Löcker-Herschkowitz. Ihr erster Entwurf wurde den Bürgern im Spätherbst vorgelegt. Input wurde bei der finalen Fassung berücksichtigt. Insgesamt machten 850 Erdberger mit. Das sieht man den Plänen an.

Sie sind lebensnah und praktisch. Sie wollen keinen neuen Kardinal-Nagl-Platz, keinen radikalen Umbau. Der Platz soll sanft adaptiert werden. Der staubige Bodenbelag wird durch Pflastersteine ersetzt. Schienbeinhohe Begrenzungszäune vor Wiesen kommen weg, auf ihnen werden Wildblumen blühen. Kinder können in der Naschecke Brombeeren kosten. Der häufige Wunsch eines Schachfelds am Boden wird erfüllt. Vor der Hundezone wird eine Mauer mit spitzen Steinen entfernt. Wasserspiele und Trinkbrunnen sollen in heißen Sommern für Abkühlung sorgen - zusätzliche Bänke für Erholung.

Vielversprechende Aussichten für den "Kardi". Und damit auch für Erdberg. Denn das Grätzel lebt von seinem Zentrum. Fehlt es, ist es nichts als eine Handvoll Straßen.