Die Nachricht überschattete das Wochenende. Die Hitze löste ihren Griff und gönnte Wien eine Verschnaufpause. Die Corona-Zahlen waren vielversprechend. In der Stadt machte sich Leichtigkeit breit. Die Wiener freuten sich auf lauschige Sommertage und das Achtelfinal-match gegen Italien.

Als am frühen Samstagnachmittag eine Meldung die Runde machte, trübte sich die Gelassenheit. Der Boulevard berichtete von einem "Blutbad". Eine tote Frau sei in der Donaustadt gefunden worden - im öffentlichen Raum an einem Baum lehnend und voller Hämatome.

In den kommenden Tagen drangen die Details der Ermittlungen scheibchenweise an die Öffentlichkeit. Und mit jedem Detail senkte sich die Stimmung. Der plätschernde Informationsfluss fand in einer Pressekonferenz von Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) und dem Wiener Polizeipräsident Gerhard Pürstl am Dienstag seinen vorläufigen Höhepunkt. Doch der Fall wird die Stammtische der Stadt noch länger beschäftigen. Und eine gesellschaftliche Debatte auslösen. Denn das Opfer war schon wieder weiblich, die Verdächtigen Afghanen.

Doch beginnen wir von vorne. Nach dem Fund der Leiche wird schnell klar, dass es sich um Mord handelt. Der Obduktionsbefund war eindeutig, die Frau wurde erstickt. Wer sie war, weiß die Polizei allerdings weiter nicht. Sie durchforstet Abgängigkeitsanzeigen, gleicht die Fingerabdrücke ab. Die Bemühungen bleiben erfolglos. Die Ermittler ersuchen die Öffentlichkeit um sachdienliche Hinweise. Das Opfer sei um die 18 Jahre alt, ihr Äußeres lässt auf eine europäische Herkunft schließen. Die junge Frau war rund 160 Zentimeter groß, schlank, hatte braunes, rötlich gefärbtes schulterlanges Haar und auffällig hellgrüne Augen. Sie war mit einem schwarzen Kapuzenpullover mit der Aufschrift "Live or Die", einer schwarz-weiß karierten Hose und weißen Nike-Sportschuhen bekleidet.

Licht ins Dunkel bringen erst die Eltern des Opfers. Nach der Personenbeschreibung wenden sich die Niederösterreicher am Sonntag an die Polizei und identifizieren ihre Tochter. Aus der Frau wird ein Kind. Die Ermordete war 13 Jahre alt. Ihr Umfeld wird einvernommen. Am Montag gibt die Exekutive bekannt, dass der Fundort der Leiche nicht der Tatort sei. Das Mädchen wurde nach dem Mord auf dem Grünstreifen neben der Viktor-Kaplan-Straße in der Donaustadt gebracht. Wo sie getötet wurde, ist weiter unklar.

Am Montagabend nimmt die Polizei zwei Tatverdächtige fest. Die Meldung verbreitet sich wie ein Lauffeuer - es handelt sich um zwei afghanische Staatsbürger, 16 und 18 Jahre alt. Nun bekommt die Tat eine politische Komponente. Seit Jahren streiten sich die Parteien um den Umgang mit Asylsuchenden. Für Dienstag kündigt das Innenministerium eine Pressekonferenz an. Nehammer und Pürstl geben vor Medienvertretern weitere Einzelheiten bekannt.

Vorbestrafter Verdächtiger

Das Mädchen kannte demnach die beiden Verdächtigen und hatte sie freiwillig in die Wohnung des 18-Jährigen in Wien-Donaustadt begleitet. Dort soll sie laut Pürstl die Droge Ecstasy konsumiert haben. Ob sie weitere Substanzen genommen hat, wird ein toxikologisches Gutachten klären. Es hätten "Straftaten gegen die sexuelle Integrität" stattgefunden. Die näheren Umstände ihres Todes sind noch unklar. Ob es sich um eine Tat mit Vorsatz handle, müsse noch geklärt werden, präzisierte Pürstl. Auch weitere Täter schloss der Polizeipräsident nicht aus. Auf die Spur der beiden Tatverdächtigen war man über einen Bekannten der beiden Afghanen gekommen, der sich an die Polizei gewandt hatte.

Der 18-jährige Verdächtige war laut Pürstl mehrfach wegen Drogendelikten vorbestraft und hatte infolge dessen den Status als subsidiär Schutzberechtigter bereits verloren. Dagegen hatte er Beschwerde erhoben, ein Verfahren war anhängig. Der 16-Jährige hatte im heurigen Jahr um Asyl angesucht.

Nehammer nutzt die Pressekonferenz, um die Diskussion über Abschiebungen nach Afghanistan anzusprechen. "Vorweg" schickt er voraus, dass man, so sich die Vorwürfe bestätigten, weiter und konsequent auch nach Afghanistan abschieben werde. Für all jene, die Schutz in Österreich suchen und auch hier bleiben wollen, hat der Innenminister eine Botschaft: Sie müssten sich an die Gesetze halten. Alle anderen würden in ihre Heimatländer abgeschoben werden. Auch Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) meldet sich am Dienstag zu Wort. Er werde diesbezüglich seine "konsequente Linie fortsetzen", meinte der Kanzler vor Journalisten: "Mir mir wird es definitiv keinen Abschiebestopp nach Afghanistan und keine Aufweichung der Asylgesetze geben." Nach "solchen barbarischen Verbrechen" könne man "nicht zur Tagesordnung übergehen", betonte Kurz: "Ich verspreche, dass wir alles tun werden, dass die Täter hart bestraft werden."

Das Thema Asyl hatte erst vor wenigen Tagen für innenpolitische Debatten gesorgt. Justizministerin Alma Zadic (Grüne) hatte sich kritisch zu Abschiebungen nach Afghanistan geäußert und sich für eine Evaluierung ausgesprochen. In weiterer Folge zitierten die Medien eine Stellungnahme von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Nehammer, wonach ein Abschiebestopp in das Land "definitiv nicht" kommen werde: "Das wird es mit uns nicht geben."

Mit der FPÖ auch nicht. Die Oppositions-Partei nimmt den Fall zum Anlass, eine Abschiebe-Offensive nach Afghanistan zu fordern. "Kriminelle und integrationsunwillige Afghanen" gehörten abgeschoben, so der Wiener FPÖ-Chef Dominik Nepp. Auch bereits asylberechtigte Afghanen sind Nepp ein Dorn im Auge. Es solle bei allen überprüft werden, ob der Asylgrund überhaupt noch bestehe. Afghanen würden überdurchschnittlich oft kriminell werden und "unsere freie Gesellschaft missachten", so Nepp. FPÖ-Chef Herbert Kickl will überhaupt alle Asylanträge auf österreichischem Boden auszusetzen und Abschiebungen auch nach Afghanistan und Syrien durchführen.

SPÖ-Sicherheitssprecher Reinhold Einwallner greift Innenminister Nehammer an. Es laufe etwas falsch, wenn straffällige Asylwerber frei herumlaufen während Schülerinnen mitten in der Nacht abgeschoben werden, sagt er. Nehammer müsse seine Arbeit machen. "Hier muss Null Toleranz gelten", findet der rote Sicherheitssprecher: "Wir haben Rückführungsabkommen mit Afghanistan, warum wurde hier nicht gehandelt?"

Zunehmende Femizide

Tatsächlich ist es rechtlich nicht einfach, nach Afghanistan abzuschieben. "Asyl ist ein Menschenrecht. Natürlich gilt das Menschenrecht auch für Straftäter", sagt Herbert Langthaler, Pressesprecher der Asylkoordination Österreich. "Vergeht ein Asylwerber ein Verbrechen gegen das Suchtmittelgesetz, kann er deshalb nicht einfach in ein gefährliches Land abgeschoben werden. Für Verurteilung und Strafen für solcher Delikte sind unser Gesetze, Gerichte und Gefängnisse zuständig nicht das Asylrecht", sagt Langthaler. "Der Mord wird politisch instrumentaliert."

Während viele Parteien in ihrer Argumentation auf die Verdächtigen und ihre Herkunft verweisen, rücken Opferschutzorganisationen das Opfer in den Mittelpunkt der Diskussion. Gewalt an Frauen - mit oft tödlichem Ausgang - nehme in Österreich zu. Alleine in diesem Jahr sind bereits 14 Frauen (mutmaßlich) von einem (Ex-)Partner ermordet worden. In zwei Fällen begingen Paare Mord und Selbstmord. Die Häufung der Femizide hatte bereits im Frühjahr eine Gewaltschutzdebatte ausgelöst. Nach einem runden Tisch mit Opferschutzeinrichtungen im Mai verkündete die Regierung als Sofortmaßnahme, zusätzlich 24,6 Millionen Euro für den Gewaltschutz aufzubringen. Gewaltschutzeinrichtungen hatten 228 Millionen gefordert.

Und natürlich wirft der Fall die Frage auf, ob vor allem minderjährige Asylwerber in Österreich ausreichend betreut werden. "Der Zugang zu erhöhtem Betreuungsangebot ist nicht gerade niederschwellig", sagt Langthaler. Viele Geflüchtete würden unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Manche hätten Psychosen. "Um jedoch die entsprechende Behandlung zu bekommen, brauchen sie zwei Diagnosen", sagt Lanthaler. "Sie müssen also zum Beispiel eine Alkoholhängigkeit und eine Psychose von einem Arzt diagnostiziert bekommen."

 

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