Der Laser-Thermometer vom Baumarkt zeigt 64 Grad, wenn man ihn auf die Motorhaube eines parkenden Autos hält. 50 Grad am Lenkrad. Immerhin rund 38 Grad sind es auf dem weißen Helm eines Bauarbeiters - "die Verschalungen müssens messen, die können wir momentan gar nicht ohne Handschuhe angreifen", meint der Mann am Donnerstagnachmittag auf einer Baustelle im 3. Bezirk.

"Die Hitze der Stadt ist im Sommer brutal, da man fürchterlich matt ist, wird das Leben zur Qual", hat Reinhard Fendrich schon Anfang der Achtziger in dem Lied "Oben ohne" gesungen. 30 Jahre später ist die Hitze der Stadt noch viel brutaler geworden: Mit zehn Hitzetagen befindet sich etwa der Juni 2021 deutlich über dem langjährigen Durchschnitt. Letzterer ist in den vergangenen Jahrzehnten stark angestiegen: Zwischen 1955 und 1999 wurden auf der Hohen Warte in Wien durchschnittlich 1,2 Hitzetage im Juni gemessen. 2000 bis 2018 waren es schon 4,7.

Im Ganzjahresdurchschnitt erlebte Wien zwischen 1961 und 1990 9,6 Hitzetage. Von 1981 bis 2010 waren es durchschnittlich schon 15,2 Hitzetage pro Jahr. Von 2010 bis 2020 waren es 29,9. Bis 2050 soll es insgesamt um bis zu 8 Grad wärmer werden.

Laut Daten der Zentralanstalt für Meteorologie ZAMG war 1975 das letzte und einzige Jahr seit 1955, in dem die 30-Grad-Marke an der Hohen Warte nicht geknackt wurde. Seit den 2000er-Jahren breiten sich die Hitzetage auch in die Übergangsmonate Mai und September aus.

Die Temperatur auf dem Lenkrad eines in der Sonne parkenden Autos betrug 51,2 Grad. 
- © Moritz Ziegler

Die Temperatur auf dem Lenkrad eines in der Sonne parkenden Autos betrug 51,2 Grad.

- © Moritz Ziegler

Dieser Umstand wird immer mehr auch zu einem politischen Thema: Vor dem Höhepunkt der aktuellen Hitzewelle haben Umweltministerin Leonore Gewessler und Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (beide Grüne) am Donnerstag zu einem Medientermin beim Heldenplatz geladen. Thema war genau diese extreme Wetterperiode und ihre schon jetzt ebenso extremen Auswirkungen auf die Menschen. "Es ist fast so, als würde uns die Klimakrise sagen wollen: ‚So schaut es aus, wenn ihr nichts tut‘, kommentierte Gewessler die bisherigen Extreme im Jahr 2021.

In der Bundeshauptstadt versucht man schon seit einigen Jahren gegenzusteuern und für mehr Kühleffekte zu sorgen: Baumpflanzungen, Nebelduschen, Brunnen- und Parkprojekte sowie Fassaden- Dach- und Innenhofbegrünungen.

Hitzekarte soll helfen

Zwar gibt es keinen konkreten, übergeordneten Masterplan für die Abkühlung der gesamten Stadt, weil jeder Bezirk autonom über Maßnahmen entscheiden kann. Aber es gibt etwa einen Urban Heat Strategieplan der MA 22 (Klimaschutzabteilung), der aufzeigt, wo man konkret ansetzen muss. Der Plan bietet u.a. genaue Informationen über die Wirksamkeit der einzelnen Maßnahmen auf das Klima in der Stadt und im Grätzel. Außerdem wurde bereits im Vorjahr - unter Federführung der damals noch in der Stadtregierung sitzenden Grünen - eine Hitzekarte erstellt, in der Alter der Bevölkerung berücksichtigt wird. Denn vor allem ältere Menschen und Kranke sind von der Hitze besonders stark betroffen. Die Karte liefert also Informationen darüber, wo es heiße Orte gibt, an denen viele ältere Personen leben, sowie Informationen zur Beschaffenheit von Grünraum und Wasser und mit welchen Temperaturen zu rechnen ist.

Das Grün ist jedenfalls sehr ungleich über die Stadt verteilt: Während der Westen an den Wienerwald grenzt, gelten dicht verbaute Gründerzeitviertel als sommerliche Hitzeinseln. Laut einer Auswertung von Stadtforschern der TU Wien lebt eine halbe Million Wiener in Grätzln mit unter einem Fünftel unverbauter Fläche.

Gebiete in Wien, die besonders stark von der Hitze betroffen sind, sind Favoriten, Ottakring und Margareten. In diesen Gebieten leben demnach rund 47.000 von der Hitze besonders stark betroffene Menschen. Und auf Grundlage dieser Daten setzt die Stadt entsprechende, individuelle Maßnahmen. In Hitze-Gebieten, wo viele Kinder leben, sollen etwa verstärkt Wasserspielplätze errichtet werden. Für ältere Menschen wird ein Augenmerk auf beschattete Sitzbänke gelegt.

Folgekosten der Hitze

Aber das allein wird nicht reichen, ist die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb von der Universität für Bodenkultur, überzeugt: "In den nächsten zehn Jahren müssen die Emissionen herunter". Es bleibe keine Zeit mehr, um über das "Wie" zu reden, betonte die Expertin. Der Klimawandel werde bis zu sechs Milliarden Euro Kosten für das Gesundheitssystem bis 2050 bringen, da gehe es nicht mehr um ein "Wohlfühlproblem". Das heißt, dass nicht nur die Hitze der Stadt im Sommer brutal ist, sondern mittlerweile auch deren Folgekosten.