Die Vorfreude ist endlos. Seit 480 Tagen haben sie nicht mehr getanzt. Die Schlange ist lange vor dem Wiener Club U4. Jugendliche warten seit Stunden auf Einlass. Sie stehen wie aufgefädelt am Straßenrand. Zwischen die schwitzenden Körper passt kein Blatt. Der Mindestabstand ist gefallen. Der Babyelefant nur noch eine trübe Erinnerung. Sie lechzen nach Party. Die jungen Leute haben sich in Schale geworfen und ihre Gesichter geschminkt. Sie haben sich für diese Nacht verwandelt. Sie singen und tanzen, voller Sehnsucht nach Leichtigkeit nach dieser schweren Zeit der Lockdowns und Einschränkungen. Zehn Sekunden vor Mitternacht beginnt der Countdown. Sie grölen die Zahlen herunter. Und dann ist es soweit. Die Clubtüre öffnet sich.

Glückshormone, die durch den ganzen Körper schießen

Doch nicht für alle. Als die Nachtgastronomie am 1. Juli ihre Pforten nach 15 Monaten wieder öffnet, finden viele Jugendlichen keinen Platz in den Clubs der Stadt. Sie wurden förmlich überrannt. "Wir haben uns alle gefreut und dachten, wir können um Punkt Mitternacht reinstürmen. Das war naiv", sagt eine Besucherin des U4. Die Clubs dürfen ihre Kapazitäten nicht ausschöpfen, lediglich 75 Prozent Auslastung sind erlaubt. Erst ab 22. Juli können sie uneingeschränkt öffnen.

Der Club hat als Teil der Wiener Kulturszene einen gesellschaftlichen Mehrwert. - © stock.adobe.com / Leonid
Der Club hat als Teil der Wiener Kulturszene einen gesellschaftlichen Mehrwert. - © stock.adobe.com / Leonid

Die Nacht vom 1. Juli endet mit schweren Beinen. Vom Tanzen. Oder vom Warten. Viele sehen die Clubtüre nur von außen. Sie sind enttäuscht. Sie müssen ihr Glück ein anderes Mal versuchen.

"Ich versuche es nächste Woche noch einmal", sagt Anna. Trotz der ernüchternden Situation ist das große Verlangen nach Leichtigkeit und Tanzen nun noch größer. Gäste, die es in das Innere des U4 geschafft haben, erzählen von Glückshormonen, die durch den ganzen Körper geschossen sind. "Das ist endlich der Moment, auf den ich eineinhalb Jahre gewartet habe", sagt Sebastian. Die Motivation zum Ausgehen ist wieder da. Schick gemacht und ab die Post. Der viele Körperkontakt, der seit Monaten gemieden wurde, wird schon in der Wartschlange aufgeholt. Gedanken kreisen um verlernte Tanzschritte und um Partyhymnen, deren Texte vielleicht schon vergessen sind. Die Gedanken kreisen jedoch auch um mögliche Corona-Infizierte in unmittelbarer Nähe. Vor dem Club wird auf Abstand verzichtet, die ungewohnte Situation lässt sich in einigen Gesichtern trotzdem erkennen.

Über dem Eingang leuchtet der Schriftzug "U4" in grellem Weiß. Männer mit breiten Schultern kontrollieren die Gäste. Auf der Fassade kleben ausgeschnittene QR-Codes. Sie führen zu der Online-Registrierung. Die Security weist darauf hin, diese zu nutzen und nicht daran vorbei zu gehen. Die Ausweise werden wieder kontrolliert. Jetzt müssen Clubgäste ihre Identität nachweisen. Das Mindestalter verfehlt, der Ausweis der großen Schwester oder ein Foto aus dem Jahre Schnee am Personalausweis: Besonders jüngere Clubbesucher schwitzen vor dem Eingang. Die Security kontrolliert auch den 3G-Nachweis der Gäste. Eintritt wird nur Geimpften, Getesteten und Genesenen gewährt. Zu Beginn war dieses Prozedere noch sehr langsam. Die QR-Codes und der grüne Pass haben teilweise schlecht funktioniert.

Feiern in Zeiten der Pandemie

Das U4 möchte nun durch zusätzliches Scannen den Prozess beschleunigen. Der Club "Das Werk" am Donaukanal setzt wiederum auf Tests und hat in der ersten Juli-Woche eine eigene Teststraße vor dem Club aufgebaut. So sollen Gäste, die keinen gratis PCR-Test gemacht haben, zumindest einen clubaktuellen Antigentest vorweisen können. Außerdem müssen sich die Clubs darauf vorbereiten, dass die Gäste früher kommen als vor der Corona-Pandemie. Sie befürchten, aufgrund der Kapazitätsgrenze sonst nicht in das Lokal zu kommen.

Seit der Wiedereröffnung kontrolliert die Polizei und ein Einsatzteam der Stadt stichprobenartig die Lokale. Unter 118 Betrieben wurden 72 Anzeigen und 15 Organmandate vergeben. Laut Polizei halten sich die großen etablierten Clubs eher an die Regeln. In den kleineren Lokalen wurde teilweise dagegen verstoßen. Die Gäste kamen zum Großteil getestet, genesen oder geimpft. Im U4 waren es - laut Betreiber- höchstens drei Personen pro Abend, die ohne Nachweis in den Club wollten.

Ausgehen ist teuer. Das wird an der Kasse deutlich. 12 Euro für eine Eintrittskarte. Nach der lästigen Pflicht der 3G-Überprüfung, des Registrierens und ein paar Euros weniger im Geldbörsel wird aber dann gefeiert. Der Club bebt. In den dunklen Räumen blitzen bunte Lichter. Die Luft ist trocken und stickig von der Nebelmaschine. Der Boden wurde lange Zeit nicht betreten. Jetzt klebt er wegen verschütteten Getränken. Die Clubbesucher beobachten sich gegenseitig, checken einander ab. Vielleicht erblicken sie ihren heutigen Aufriss. Die Männer tragen elegante Hemden. Bei einigen funkeln die Goldkettchen im Licht der Scheinwerfer. Die Frauen haben kurze Kleider oder Glitzertops an. Ihr Wimpernaufschlag ist heute besonders stark.

Tanzen und feiern, so wie früher - ohne Abstand, ohne Maske

In den Gängen drängen sich junge Leute in Richtung der großen Tanzfläche. Auch hier trägt keiner eine Maske, auch hier hält keiner Abstand. Denn es ist erlaubt. Mit dem Einhalten der 3G-Regelung darf man in Diskotheken drinnen und draußen so wie früher feiern. Gesundheitsminister Mückstein (Grüne) richtet sich mit den Worten: "Jetzt seid ihr dran" an die junge Bevölkerung. Sie hätten in den vergangenen Monaten schon auf zu viel verzichten müssen. Tatsächlich hat man so viele junge Leute schon lange nicht mehr auf einem Haufen gesehen - zumindest auf legaler Weise. Nicht im Supermarkt, nicht beim Spazieren, nicht bei der Zoom-Konferenz. Die Tanzfläche ist mittlerweile schon leicht rutschig. Weitere Getränke wurden verschüttet. Der eine oder andere musste sich übergeben. Dementsprechend riecht es plötzlich unangenehm. Trotzdem schreckt es die jungen Menschen nicht davon ab, sich im Strobolicht gehen zu lassen und sich zu verlieren. Sie tanzen, sie trinken, sie lachen. Buntes Konfetti verfängt sich in den Haaren. Die Nebelmaschine sorgt für extatische Atmosphäre - und schlechte Sicht. Manchen gelingt schreiender Weise ein Small Talk. Ein paar Burschen beraten sich viel zu auffällig darüber, wie sie am besten jemanden ansprechen. Nach langem Überlegen und Gaffen kommt aber dann doch nicht mehr heraus als ein: "Du bist süß" oder "Bist du single?" Einige versuchen es ohne Worte. Sie wollen mit Taten überzeugen. Sie fassen nach der Hand der Auserwählten und schauen ihr tief und bedeutungsvoll in die Augen. Wenn es gut läuft, beginnen sie zu tanzen. "Es wird geschmust wie noch nie", sagt Michael Gröss, Mitarbeiter im U4. "Es ist noch ausgelassener. Es ist noch intensiver als früher", meint ein Gast.

Ein Ort mit gesellschaftlichem Mehrwert

Nach einigen Stunden sitzen die Tanzschritte und Songtexte wieder. Junge Menschen haben neue Bekanntschaften gemacht, teilweise unfreiwillig. An der Bar lehnt ein Typ, dessen Alkoholpegel ein wenig zu hoch ist. Er hatte ein Mädchen auf ein Getränk eingeladen - sie aber letzten Endes wegen seiner unbeholfenen Art dann doch in die Flucht geschlagen. Mit dem Mädchen waren ein weiterer Geldschein und nun auch sein Selbstbewusstsein verschwunden. Bei einigen setzt jetzt die emotionale Phase ein. Drei Freunde stehen im Halbkreis und umarmen sich. Mit den Worten "Ich bin so froh, dass ich euch hab", feiern sie ihre Freundschaft. Es ist Sommer. Draußen hat es 30 Grad. Auf der Tanzfläche ist es noch heißer. Die Frisur ist zerstört und die Schweißperlen laufen das Gesicht hinunter. Die tanzenden Leute müssen regelmäßige Pausen auf der Toilette einlegen, um sich zu erfrischen. Auch das ein oder andere Spiegelselfie entsteht hier. Es landet direkt auf Instagram, um allen zu zeigen, dass man nun endlich auch wieder im Club feiern kann. Nicht nur auf der Toilette entstehen Freundschaften. Neben dem Tanzen und Feiern ist das wohl der größte Faktor, den junge Menschen in der Corona Pandemie am Nachtleben vermisst haben.

In den Club gehen bedeutet nicht nur Kontrollverlust, Rausch, Hemmungslosigkeit und rasende Herzen. Der Club ist Teil der Wiener Kulturszene. Er hat gesellschaftlichen Mehrwert. Er ist ein Treffpunkt, der monatelang nicht vorhanden war. Hier lernen Zugereiste die neue Heimat und ihre Bewohner kennen. Hier lernen junge Studenten ihre Ehefrau kennen. Und wenn nicht, dann eben die Freundin oder den One-Night-Stand. Es finden sich zukünftige Bandkollegen. "Newcomer" in der Musikszene werden entdeckt.

Der Club ist ein Ort, wo Pläne geschmiedet werden und Ideen entstehen. Er ist ein Ort, wo auf verschiedenster Art und Weise kommuniziert wird, egal ob mit Musik, Worten oder Blicken. Die Kommunikation litt in den vorigen Monaten besonders stark durch Masken und andere Einschränkungen aufgrund der Pandemie. Der Entzug der sozialen Kontakte ist spürbar. Er wird mit dem ersten Besuch in der Diskothek gelindert.

7-Tages-Inzidenz liegt in Wien derzeit bei 20,9

Die Happy Hour ist vorbei, die Schminke verwischt. Jetzt ist es Zeit, heimzugehen. Mittlerweile sind mehrere Stunden vergangen. Gefühlt waren es aber Minuten. Viele wollen noch hierbleiben. Aber der Fahrplan des Nachtbusses oder die Pflichten am morgigen Tag verhindern einen noch längeren Partyaufenthalt.

"Ich bin erstaunt, wie schnell es sich wieder normal angefühlt hat", sagt eine Besucherin des U4. Sie möchte zukünftig öfters in Wien ausgehen, sofern es die Pandemie zulässt. Die 7-Tages-Inzidenz in Österreich liegt derzeit zwar bei 9,1 (Stand: 9. Juli, AGES). In Wien ist sie im Vergleich zu anderen Bundesländern mit 20,9 jedoch höher. Auch die Delta-Variante bereitet vielen Menschen Sorgen.

Von der neuerlichen Schließung der Nachtgastronomie spricht die Politik jedoch nicht. Jedenfalls noch nicht.