Herr I. spricht leise und unaufgeregt, versteht er eine Frage des Richters nicht, fragt er höflich: "Wie bitte?" Stundenlang redet er mit monotoner Stimme, seine fast schon geflüsterten Worte gehen vielfach im Großen Schwurgerichtssaal unter.

Während all dieser Stunden haben ihn bewaffnete Spezialkräfte der Justizwache im Blick. Mit Sturmmasken vermummt, sichern sie den Gerichtssaal ab. Denn hinter dem ruhig auftretenden I. steckt laut der Anklage ein Kriegsverbrecher.

Unter dem Kampfnamen "Abu Aische" soll I. im syrischen Bürgerkrieg für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gekämpft haben. Er soll die Erschießung von Menschen angeordnet haben, in der Kleinstadt Ratyan ließ er laut Anklage zumindest sieben Schiiten mit Messern die Köpfe abschneiden. In einer Wohnsiedlung soll er sich am Mord von Männern und Frauen aktiv beteiligt haben, so die Anklage.

Der 32-jährige I. bestreitet die Vorwürfe. Er führt sie auf eine Verwechslung zurück: Die Anklage halte ihn für den falschen Mann, bei "Abu Aische" handle es sich um eine andere Person. Er selbst habe nie Gräuel in Syrien begangen, sagt er am Mittwoch im Wiener Straflandesgericht. Stattdessen sei er nur dort gewesen, um das Grab seines Schwagers zu suchen.

"Hassprediger" O. ist ebenfalls angeklagt

Der Tschetschene ist 2004 mit seiner Familie nach Österreich geflüchtet. In Österreich arbeitete er eine Zeit lang als Fliesenleger. Erfolgreich praktizierte er die Kampfsportart Taekwondo, er wurde österreichischer Staatsmeister. Aufgewachsen sei er in einer "muslimischen Familie mit tschetschenischer Tradition", Religion sei für ihn zunächst aber kein Thema gewesen, meint er.

Ab dem Jahr 2009 hat er sich dann laut eigenen Angaben mehr für die Religion interessiert. Auch habe er Vorträge über die "Lebensgeschichte des Propheten" besucht, sagt er. Gehalten wurden diese vom "Hassprediger" Mirsad O., der in einem anderen Verfahren rechtskräftig zu 20 Jahren Haft verurteilt und im Wiener Terrorprozess nun ebenfalls angeklagt ist. Er soll I. und den ebenfalls Angeklagten T. angestiftet haben, sich in Syrien dem IS anzuschließen.

Bei Gesprächen in seiner Umgebung sei zwar über den Bürgerkrieg in Syrien geredet worden und dass man gegen das Regime von Machthaber Baschar al-Assad kämpfen müsse, erzählt der Angeklagte. Dabei sei es aber um die finanzielle Unterstützung der Regime-Gegner gegangen.

"Ich war nicht bewaffnet"

Nach Syrien sei er auch nicht gegangen, um zu kämpfen, sagt I.. Er habe dort nach dem Grab des Bruders seiner Frau gesucht. Dieser war im Mai 2013 in Syrien bei Kampfhandlungen gegen das Assad-Regime gefallen.

Ende August 2013 reiste I. über die Türkei nach Syrien ein. Kampfhandlungen habe er dort nicht wahrgenommen, behauptet er. I. dementiert, ein Anhänger der Terrormiliz zu sein. Was der IS ist und welche Einstellung diese Gruppe habe, sei ihm damals nicht bekannt gewesen. Das habe er erst erfahren, als er in Syrien einen Bericht einer deutschen Zeitung über den IS gelesen habe.

"Bewaffnet war ich in Syrien nicht", sagt er. Wenn er eine Waffe getragen habe, dann nur, um sich damit fotografieren zu lassen. "Warum?", fragt der Vorsitzende des Geschworenengerichts. Das sei ja nicht verboten, antwortet I.. "Darüber kann man streiten. Aber was bringt es, ein Foto mit einer Waffe in Syrien zu machen?", meint der Richter. I. nuschelt mehrere Worte wie "Erinnerungsfotos" daher, seine Antwort verhallt in den Mauern des Gerichtssaales.

Termine bis Ende Juli

Nach einiger Zeit habe er das Grab seines Schwagers gefunden, dieses habe er dann auch besucht. Informiert hat er seine Frau und seine Schwiegereltern darüber nicht. Warum, versucht der Richter zu erläutern. I. rechtfertigt sich unter anderem damit, dass er mit seinen Schwiegereltern nicht habe reden dürfen.

Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt, Verhandlungstermine sind bis Ende Juli ausgeschrieben.