Der Wind treibt Staubwolken über die Felder. Einige wenige Menschen verlassen die U2-Station Aspern-Nord und trotten scheinbar ziellos zwischen Europaletten, Stahlcontainern und ein paar zeitgenössischen Kunstwerken durch das ausgebrannte Gras. Im Hintergrund wabert die Seestadt in sengend heißer Luft. Bei den sommerlichen Temperaturen erinnert die Einöde um den Nelson-Mandela-Platz entfernt an eine afrikanische Steppenlandschaft. Scheinbar passend, allerdings erinnert hier nichts daran, wofür Mandela eigentlich steht: Gleichberechtigung, Versöhnung und Freiheit von Diskriminierung.

Nelson Mandela kämpfte jahrzehntelang gegen die Rassentrennung in Südafrika und verbrachte deshalb beinahe 27 Jahre seines Lebens in politischer Gefangenschaft. 1994 wurde er bei den ersten demokratischen Wahlen Südafrikas zum Präsidenten gewählt.

"Noch während seiner Inhaftierung überklebte die österreichische Anti-Apartheid-Bewegung (AAB) 1987 ein Straßenschild beim Ballhausplatz mit der Bezeichnung ‚Nelson-Mandela-Platz‘, um auf den seit 1963 im Gefängnis sitzenden Mandela aufmerksam zu machen", erinnert sich Godwin Schuster, ehemaliger erster Gemeinderatsvorsitzender in Wien (SPÖ) und seinerzeit Vorstandsmitglied der AAB in Österreich. Direkte Folgen hatte die Aktion keine.

Nach dem Tod Mandelas 2013 sprach sich die Nachfolgeorganisation der AAB, das "Southern Africa Documentation and Cooperation Centre" (Sadocc) erneut für einen Nelson-Mandela-Platz in Wien aus. Zur Diskussion standen die Umbenennung des Museumsplatzes im siebten Bezirk, einer kleinen Fläche vor der Votivkirche oder der Straße bei der südafrikanischen Botschaft. Die Bemühungen verliefen allerdings im Sand. Erst 2016 gelang mit der Unterstützung von Ernst Nevrivy, Bezirksvorsteher des 22. Bezirkes, eine Platzwidmung in der neu entstehenden Seestadt Aspern.

Der Nelson-Madela-Platz wirkt einsam verlassen

Der Platz ist da, nachdem die Bebauung dieses Teils der Seestadt aber noch Jahre auf sich warten lassen wird, wirkt er derzeit etwas tot. Sadocc setzt sich für seine Belebung ein und veranstaltet jährlich zum Nelson-Mandela-Tag am 18. Juli eine von hier ausgehende Kulturwanderung mit Vorträgen, Interviews und Musik. Da Erzbischof Desmond Tutu, langjähriger Freund von Mandela und ebenso Friedensnobelpreisträger, heuer seinen 90. Geburtstag feiert, steht die Veranstaltung diesmal unter dem Motto "Mandela und Tutu".

Ein Fixpunkt bei der heurigen Kulturwanderung ist die Einweihung eines provisorischen Denkmals auf dem Nelson-Mandela-Platz. "Uns ist es wichtig, auf die Werte hinzuweisen, für die Mandela steht", erklärt Helena Hornung, Sadocc-Aktivistin und Ko-Organisatorin des Nelson-Mandela-Tages, bei einem Gespräch im Schatten des Vordachs der U-Bahnstation am Platz.

Die Suche nach einem mobilen Denkmal

Bisherige Forderungen eines Denkmals seien von der Stadtplanung aufgrund der noch anstehenden Bebauung des Platzes nicht gerade begeistert aufgenommen worden. Selbst die symbolische Pflanzung eines Baumes war nicht möglich. Den Wiener Stadtgärten zufolge sei die Pflege zu teuer. "Bis zum Baubeginn ist es allerdings noch Jahre hin, und wir wollen dem Platz bis dahin schon Bedeutung verleihen", meint Helena Hornung.

Der Kompromiss: Ein temporäres Denkmal. Um herauszufinden, wie ein solches aussehen könnte, veranstaltete Sadocc im Juni einen Workshop in der VHS Donaustadt. Unter dem Titel "Urbane Imaginationen" versuchte der aus Südafrika stammende Künstler Marcus Neustetter mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern spielerisch herauszufinden, was ein Denkmal überhaupt ist, und wie man ein solches gestalten kann.

"Die Idee geht weg von Standbildern großer Patriarchen zu einer kreativeren, teils abstrakteren Gestaltung", erzählt Helena Hornung. Ein Konzept, das gut in die Seestadt passt. Bis auf den Nelson-Mandela-Platz wurden hier alle Verkehrsflächen nach Frauen benannt, um die generelle Männerlastigkeit bei den Straßennamen in Wien etwas auszugleichen. "Wichtig ist auch die Beteiligung der Seestädter an der Gestaltung. Wir wollen ihnen nicht irgendeinen Klotz vor die Tür stellen. Sie, als Bewohner der Gegend, sollen sich selbst darin wiederfinden können."

Die Erkenntnisse aus dem Workshop sollen zunächst in die Gestaltung des temporären Denkmals einfließen, auf lange Sicht aber hoffentlich auch jenes beeinflussen, das womöglich später in der fertigen Seestadt stehen wird. Godwin Schuster wünscht sich langfristig mehr als ein isoliertes "Monument" für die Gegend. "Für mich steht das Gesamtkonzept im Vordergrund", erklärt er und fügt lächelnd hinzu: "Meine Vision für den Nelson-Mandela-Platz wäre ein Zentrum der Menschenrechte, um das sich verschiedenste humanitäre Organisationen ansiedeln und sich miteinander vernetzen. Auf so einen Ort könnte die Menschenrechtsstadt Wien durchaus stolz sein."

Aber zurück in die Gegenwart. Wozu eigentlich jetzt schon ein Denkmal, das niemand sieht? Mit der sinkenden Sonne und sich streckenden Schatten zeigt sich, dass der Platz nicht so unbelebt ist, wie ursprünglich gedacht. Scharenweise strömen Jugendliche die U-Bahnstiege herab, setzen sich rings um ein paar Dosen Bier oder einfach Saft und Wasserflaschen ins Gras und heben zu plaudern an. Immer wieder durchdringt Gelächter die milde Abendluft. Die Gegend scheint ein Ort des Austauschs zu sein, und wer weiß, vielleicht wird hier in den kommenden Jahren noch die eine oder andere revolutionäre Idee geboren.