Rosa Jochmann wurde als Tochter eines Eisengießers und einer Hausfrau in der Brigittenau in ärmliche Verhältnisse geboren. Sie war eines von sechs Kindern. Zwei starben noch vor Rosas Geburt. Die Familie übersiedelte nach Simmering, das Jochmanns politische Heimat wurde. Für die SP-Bezirksorganisation saß sie von 1949 bis 1967 als (über)lebendes Mahnmal gegen den Faschismus im Nationalrat. Von 1945 bis 49 vertrat sie das Mostviertel.

Aber bis Rosa ins Parlament kam, ging sie durch Höllen. Die Affinität zu den Sozialisten war ihr nicht in die Wiege gelegt. Sie wollte Nonne werden. Doch damit war es rasch vorbei, als sie in der Lebensmittelfabrik "Schmidt & Söhne" als junges Mädchen zu arbeiten begann. Das schien ein guter Job. Doch statt in der süßen Schokoladeabteilung landete Jochmann bei den sauren Gurken. Als Putzfrauen eine Sonderzahlung verwehrt wurde, empörte sich Gerechtigkeitsfanatikerin Jochmann. Rasch kam sie in den Betriebsrat. Der Weg als Sekretärin in die Chemie-Gewerkschaft war so über die Zwischenstation der Arbeiterhochschule vorgezeichnet. Dort war der charismatische sozialistische Vordenker Otto Bauer ein Lehrer. Ihn, einen ideologischen Vater des "Austromarxismus", bewunderte Jochmann Zeit Ihres Lebens. Sie überredete ihn im Zuge des fehlgeschlagenen Arbeiteraufstandes vom 12. Februar 1934 zur Flucht in die Tschechoslowakei.

Nach dem Partei-Verbot gründete Rosa Jochmann die "Revolutionären Sozialisten" mit und ging gleich einmal über ein Jahr lang ins Gefängnis. Dem folgten in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft mehr als fünf Jahre Konzentrationslager. Mithäftlinge schilderten später ihre Taten unglaublicher Menschlichkeit und Solidarität. Sie selbst konnte ergreifend vom Lager erzählen und wollte als Mahnerin die Erinnerung an ihre Genossinnen wachhalten. TV-Auftritte und Dokumentationen belegen die Warmherzigkeit und das menschliche Vorbild Jochmanns. Bis knapp vor ihrem Tod 1994 stellte sie sich unermüdlich als Zeitzeugin für Schulklassen zur Verfügung.

Vor einiger Zeit hat nun der ehemalige Wiener-Zeitung-Redakteur Rainer Mayerhofer, der Zugang zu Jochmanns Nachlass hatte, ein hochinteressantes Buch über ihre Korrespondenzen veröffentlicht. Denn Jochmann war in regem Briefkontakt mit zahlreichen historischen Persönlichkeiten der Zeitgeschichte. Der Bogen reicht von Friedrich Adler über Leopoldine Glöckl, Adelheid Popp, der Schauspielerin Dorothea Neff, den Bundespräsidenten Theodor Körner, Adolf Schärf, Franz Jonas, Rudolf Kirchschläger und später Heinz Fischer, über Bruno Kreisky bis zu den Schriftstellern Erich Maria Remarque und Erich Fried. Alle dies hat Mayerhofer in einem fantastischen Band "Doch die Menschen liebe ich über alles", (ÖGB-Verlag) veröffentlicht. Die Korrespondenz zeige. "dass man auch ohne formal höhere Bildung, hoch gebildet sein kann", resümiert Mayerhofer. Jochmann, die nie eigene Memoiren veröffentlichte und Anfang der 70er-Jahre sogar alle ihre alte Unterlagen vernichtete, "hat in den Briefen ihre eigene Biografie verfasst". Darin sind auch Verletzungen durch die eigene Partei verewigt, welche manchmal die KZ-ler vergessen machen wollte und sich wie der Nachkriegs-Innenminister und Antisemit Oskar Helmer (SPÖ), lieber der Rehabilitierung von früheren Nazis widmete. Mayerhofer: "Die Briefe sind Charakterbild einer Person, die sich nie verbiegen ließ und Menschlichkeit in allen Fasern lebte."