Jugend bedeutet Entwicklung in der Gruppe. Doch was ist, wenn der Zugang zur Gruppe fehlt? So wie im Corona-Lockdown. Was macht das mit den jungen Leuten? Die "Wiener Zeitung" hat bei zwei Jugendpsychiaterinnen nachgefragt.

"Wiener Zeitung": Generation Corona werden Kinder und Jugendliche oft genannt. In Deutschland soll ein Drittel der Kinder unter psychischen Problemen leiden. Wie ist das in Wien?

Marihan Abensperg-Traun: Am Beginn der Pandemie hatten wir urplötzlich keine Patienten mehr. Im Lockdown sollten alle daheim bleiben. Die Kinder und Jugendlichen haben sich dran gehalten. Doch nach zwei, drei Wochen ist die Zahl der Hilfesuchenden sprunghaft angestiegen. Es gab Probleme mit Aggressionen, Streit mit den Eltern und dann den Leistungsdruck, seitens der Schule und seitens der Eltern. Die Patienten fühlten sich in die Enge getrieben, hatten Suizidgedanken, fühlten sich alleine. Kinder brauchen Zuwendung und Stabilität, sichere Bindungen. Wo das fehlt, wird es schwierig.

Der Mangel an Austausch mit Gleichaltrigen hat Kindern und Jugendlichen während der Pandemie zugesetzt. - © Fotolia
Der Mangel an Austausch mit Gleichaltrigen hat Kindern und Jugendlichen während der Pandemie zugesetzt. - © Fotolia

Beate Schrank: Die Akutpsychiatrie ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Es kann viel getan werden, dass die Kinder gar nicht erst in die akutpsychiatrische Ambulanz müssen. Von den Basisvoraussetzungen Zuwendung, Stabilität, sichere Bindungen abgesehen, kommt es sehr aufs Alter und den persönlichen Hintergrund der Kinder an, was gebraucht wird. Kleine Kinder haben kaum Probleme mit dem Lockdown, solange Mama und Papa daheim für sie da sind. Doch je älter, desto stärker werden Selbstdefinition und Wohlbefinden durch die Peer Group beeinflusst. Da war der Kontakt in der Pandemie stark eingeschränkt. Es haben sich dann verschiedene Bewältigungsstrategien herausgebildet. Beispiel: Computerspiele. Wenn die Kinder gemeinsam gespielt haben, konnten sie auch miteinander tratschen. Der virtuelle Fußballplatz statt des echten.

Aber Computerspiele werden ja nicht reichen zur Bewältigung solcher Krisen?

Beate Schrank: Natürlich nicht. Kinder brauchen mit zunehmender Entwicklung mehr Fähigkeiten, um schwierige Situationen zu meistern, wie ihre eigenen Emotionen, die sozialen Probleme in ihrem Umfeld. Den Erwerb dieser Kompetenzen kann man gezielt fördern. Fürs frühzeitige Lernen, mit anderen adaptiv und positiv umzugehen, braucht es Beziehungsschulung, Hilfe im Aufbau von stützenden Beziehungen, offline und online. Probleme entstehen oft an den Übergängen. Bei Veränderungen gerät leicht alles durcheinander - auch das Beziehungsgefüge. Je älter man ist, desto schneller findet man das nötige Gleichgewicht wieder, weil man mehr Bewältigungsstrategien an der Hand hat. Besonders wichtig ist die Geborgenheit in einer Gruppe. Die Gruppe kann in schwierigen Situationen viel Sicherheit geben. Das kann man den Kindern vermitteln. Wenn Therapie nötig ist, dann dort, aber auch schon in der Schule. In der Schule kann man alle Kinder erreichen und hat zugleich die Gruppe zur Verfügung. Die Kinder lernen, dass es eine Gruppe gibt, in der man verschieden sein kann und trotzdem gut aufgehoben und sich gegenseitig stützen. Die Schule ist der natürliche Ort für dieses Lernen.

Wie gestaltet sich die Gefahr einer psychischen Erkrankung?

Marihan Abensperg-Traun: Eine Belastung ergibt nicht sofort eine psychische Erkrankung. Persönliche Resilienz, sozioökonomischer Status, Gesundheit des Kindes und der Eltern sind da wichtige Faktoren. Es gab bei den Akutfällen Angsterkrankungen, Depressionen, Selbstverletzungen, bei kleineren Kindern das Einnässen. Zudem sind die Fallzahlen bei Essstörungen gestiegen, sowohl bei Anorexie als auch beim Übergewicht. Da hat die Schule als Ort für Bewegung und Sport gefehlt. Oft haben Eltern vor lauter Stress mit Homeoffice, Homeschooling und anderen Verpflichtungen die Bedürfnisse der Kinder übersehen oder sich alleingelassen gefühlt und die eigene Angst und Überforderung hat auf das Kind abgefärbt. Und noch einmal: Die sozioökonomische Situation spielt eine ganz wichtige Rolle bei der psychischen Gesundheit. Simples Beispiel in der Pandemie: Kann sich die Familie oder die Alleinerzieherin einen Laptop fürs Homeschooling leisten?

Beate Schrank: Das kann ich nur unterstreichen. Es ist lange bekannt, dass es Menschen mit weniger Geld auch schlechter geht. Wir müssen aufpassen, dass der Zusammenhalt in der Gesellschaft nicht zerbricht, wenn ökonomische Schieflagen nicht abgefedert werden. In der Pandemie hat sich einiges weiter verschlechtert. Dramatisch zeigt sich das zum Beispiel bei der Sprachförderung in der Schule. Die ist mitunter komplett ausgefallen. Für diese Kinder war es wirklich ein verlorenes Jahr, was Lernen und Integration betrifft. Wir haben in Niederösterreich und Wien gemeinsam mit öffentlichen psychosozialen Einrichtungen für Familien, Kinder und Jugendliche, eine Studie gemacht. Im harten Lockdown gab es da massive Probleme. Aufsuchende Arbeit war nicht mehr möglich. Das ist mitunter fatal, wenn es um ohnehin gefährdete Familien geht. Dabei bekommen diejenigen, die schon bei solchen Einrichtungen angedockt haben, ja zumindest etwas Unterstützung. Und die Einrichtungen haben sich schnell und kreativ auf die geänderte Situation eingestellt.

Wie kann diese Problematik konkret aussehen?

Beate Schrank: Leider gibt es viele Kinder, die nicht wissen, dass es nicht normal ist, wenn der Papa dauernd besoffen ist oder die Mama nicht aufstehen kann, weil sie depressiv ist. Diesen Kindern muss man helfen, zu erkennen, dass sie Hilfe bekommen können und dürfen. Das ist ein Prozess der langsamen Annäherung. Dazu haben wir in Niederösterreich gemeinsam mit der Caritas ein Online-Peer-Support-Angebot entwickelt - Open -, wo Jugendliche sich über ihre Probleme austauschen und auch an Hilfe annähern können.

Marihan Abensperg-Traun: Wir brauchen eine bessere Vernetzung von Schulen, Jugendamt, Kinder- und Jugendpsychiatern sowie den Kinderärzten, sodass frühzeitig eingegriffen werden kann. Gut wären klar standardisierte Prozesse, damit nicht der Zufall entscheidet, wer gerade einen Anruf entgegennimmt und richtig oder falsch reagiert. Wir benötigen mehr Ressourcen, mehr Therapieplätze. Das wurde zwar versprochen, doch ich merke in meiner täglichen Arbeit am AKH nichts davon. Es fehlt auch bei der Ausstattung der Wohngemeinschaften. Und es wartet schon die nächste Herausforderung, wenn wieder alles offen ist. In der Pandemie ging es denen mit Angststörungen am besten. Die waren glücklich, nicht in die Schule zu müssen. Das wird noch eine ziemliche Aufgabe sein, diese Kinder gut in den Schulalltag zurückzubringen.

Haben wir auch Positives gelernt?

Beate Schrank: Oja. Wir können sagen: "Schau, wir sehen, dass man mit allem umgehen und auf einem persönlichen Level für alles passende Strategien finden kann." Diese Fähigkeit, neue Herausforderungen zu bewältigen, ist enorm wichtig und kann als positive Lehre aus der Pandemie gezogen werden.