Beim sogenannten "Juli-Putsch" 1934 gelangte ein Trupp SSler, die als österreichische Soldaten verkleidet waren, in das Bundeskanzleramt am Ballhausplatz. Sie müssen im Kanzleramt hochrangige Kollaborateure gehabt haben, denn die Putschisten besaßen sogar Pläne mit den kurz davor abgeänderten Zimmereinteilungen.

Mithilfe eines hünenhaften Amtsdieners versuchte der kleine, nur 1,51 Meter große Dollfuß über eine Hintertreppe zu flüchten. Im sogenannten "Marmor- Ecksalon" ereilte ihn sein Schicksal. Die SSler trafen auf den Kanzler. Zwei Schüsse streckten ihn nieder. Die Putschisten weigerten sich, den Schwerverletzten medizinisch versorgen zu lassen. Engelbert Dollfuß verblutete, erst 42 Jahre alt, in einer Ecke des Kanzleramtes.

Die Ermordung erscheint noch 87 Jahre später auch strategisch vollkommen sinnlos. Denn die kurz darauf gescheiterten Putschisten hätten mit dem lebenden Kanzler als Geisel wohl taktisch bessere Karten gehabt. Daher nahmen Historiker auch an, der Schuss des wenige Tage später hingerichteten Mörders Otto Planetta könnte sich irrtümlich gelöst haben. Nach vielen Jahrzehnten der Spekulation scheint heute auch geklärt, dass den zweiten Schuss ein gewisser Rudolf Prochaska abgegeben haben dürfte. Planetta jedenfalls wurde in der nachfolgenden NS-Zeit von den "Nazis" zum Märtyrer hochstilisiert. Als Märtyrer für Österreich hingegen betrachteten die Christlichsozialen ihren Engelbert Dollfuß. Und auch viele Konservative der Zweiten Republik hielten ihn in Ehren. Manche wollten ihn, der im Zuge seiner Politik besonderen Segen der katholischen Kirche genoss, sogar seligsprechen lassen.

Bis 2017 hing das Bild von Dollfuß im ÖVP-Parlamentsklub. Sehr zum Ärger der Sozialdemokraten. Denn für die Roten war der erzkatholische Kanzler eher ein "Gottseibeiuns". Hatte er doch im Februar 1934 den Arbeiteraufstand blutig niederschlagen, Gemeindebauten vom Bundesheer beschießen und zahlreiche Sozialisten hinrichten lassen. Dem war 1933 die Ausschaltung des Parlaments vorangegangen. Dollfuß war Schöpfer des austrofaschistischen Ständestaates und der sogenannten "Kanzlerdiktatur".

Seine Nachfolger wollten ihm beim abgetrennten Stück des Volksgartens vis-à-vis vom Kanzleramt ein Denkmal errichten. Die Grube war bereits gegraben, als die Nazis kamen und sie wieder zuschütteten. Heute steht dort das Desserteurs-Denkmal. Auch ein geplantes Mausoleum in der Schauflergasse wurde begonnen und in den 50er-Jahren wieder abgetragen. Heute ist dort ein Teil des Innenministeriums.

Eine Dollfußmesse in der kleinen Kapelle im Kanzleramt, die zu diesem Behufe extra einmal im Jahr in Betrieb genommen wurde, gab es viele Jahrzehnte lang. Als erstmals mit Bruno Kreisky 1970 ein "Roter" Kanzler wurde, war er verblüfft, dass ihm ein Beamter eine Liste der teilnehmenden Bediensteten an der Messe "zur Kenntnisnahme" vorlegte. "Des wollten ihre Vorgänger immer so" lautete die Erklärung des beflissenen Staatsdieners.

SP-Kanzleramtsminister Josef Ostermayer verpasste 2014 der jährlichen Messfeier am Ballhausplatz einen neuen Sinn und Termin: Eine Gedenkmesse für alle verstorbenen Mitarbeiter von Außen- und Kanzleramt ist offizieller Anlass. Und diese findet auch nicht mehr am 25. Juli jedes Jahres, sondern zum allgemeinen Totengedenken am Allerseelen-Tag, dem 2. November statt.