Saftige Wiesen, bunte Blumen, gute Luft: Die Klatschmohnwiese bietet alles, was die Biene Maja zum Glücklichsein braucht. Doch das war einmal. Mittlerweile zieht es die emsigen Honigsammlerinnen in die Stadt. Intensivlandwirtschaft, Überdüngung und Monokulturen haben ihnen das Landleben vermiest. Die Stadtmenschen empfangen sie wiederum mit offenen Armen.

"Den Bienen geht es bei uns in Wien oft viel besser als am Land", sagt Kurt Krottendorfer, Wiener Hobbyimker. Stadtbienen leben mit vielen Vorteilen gegenüber der Landbienen. Grund dafür ist die vielfältige Bepflanzung, die ihnen eine abwechslungsreiche Nahrung bietet. Auf dem Land fliegen die Insekten hingegen oft monatelang über hektarweise Rapsfelder. Aus der Monokultur und Eintönigkeit resultieren geschwächte Insekten. Rund um die Bienenvölker von Krottendorfer wachsen ausschließlich kaum belastete Pflanzen. Auch Adriana Traunmüller, die Vizepräsidentin im Landesverband für Bienenzucht, erklärt: "Am Land haben die Bienen mit verstärkten Spritzmitteleinsatz zu kämpfen. Das ist ein großes Problem, das wir hier in Wien nicht haben".

Die Biene Maja wandert aus. - © apa / dpa / Cindy Riechau
Die Biene Maja wandert aus. - © apa / dpa / Cindy Riechau

Etwa 6.000 Bienenvölker leben in Wien

Herr Krottendorfer parkt mit seinem Auto im 23. Bezirk. Hier sind seine Bienen beheimatet. Schon sein Großvater hat ihn als Kind zum Bienenhaus mitgenommen. "Ich kann mich noch an den Geruch erinnern. Der ist einfach unglaublich", sagt er und schwelgt in Erinnerungen. Seither faszinieren ihn die kleinen Tiere so sehr, dass er bereits vor seiner Pension begonnen hat, in der Freizeit zu imkern. Hier blühen die Pflanzen in Lila, Weiß und Gelb. Die Bienenvölker sind umgeben von unterschiedlichsten Bäumen und Sträuchern.

Das Imkern in der Stadt ist jedoch nichts Seltenes. Unter den Stadtbewohnern hat sich eine Sehnsucht nach dem Landleben entwickelt. Wienerinnen und Wiener bepflanzen ihre Balkone, begrünen ihre Außenwände und setzten neue Bäume. Mit der steigenden Biodiversität fliegen die Bienen in die Stadt. "Wenn man in Wien herumspaziert, merkt man gar nicht, wie viele Bienen auf den Dächern herumschwirren", sagt Traunmüller. Rund 6.000 Bienenvölker sollen es in Wien sein. Ein Volk wiederum besteht aus etwa 50.000 Bienen.

Herr Krottendorfer ist Hobbyimker, so wie rund 400 andere in der Stadt. Der urbane Raum hat sich nämlich zu einem idealen Lebensraum entwickelt, und zwar in jedem Bezirk. Vom Stephansplatz über das Museumsquartier bis hin zur Donau summen die Wiener Bienen.

"Bienen sind wilde, aber liebe Tiere"

Viele Stadtimker würden ihre Bienenvölker gerne auf dem Flachdach oder der Dachterrasse der eigenen Wohnung platzieren. Hier herrscht Ruhe inmitten der quirligen Stadt und freie Fläche kann sinnvoll genutzt werden. Auf den Dächern der Technischen Universität, des Naturhistorischen Museums und auf dem Wiener Rathaus arbeiten die Bienen bereits fleißig. Die Hausverwaltung von Herrn Krottendorfer hat ihm das Imkern auf seinem Flachdach jedoch verboten, da sie sich um die restlichen Anrainer sorgt. Denn Insekten mit Stachel bedeuten Panik und Hysterie bei Menschen. Das ist jedenfalls die Konnotation, die sich in den Köpfen vieler Stadtmenschen eingenistet hat. Der Notruf stellt dabei häufig für viele die einzige Lösung dar. Was folgt, ist die Beseitigung ganzer Bienenvölker.

"Ein Schwarm, der aussieht wie eine schwarze Wolke und Lärm erzeugt wie ein Hubschrauber, kann bedrohlich aussehen, er ist es aber nicht", sagt Traunmüller. Bienen seien die meiste Zeit beschäftigt und würden daher nicht auf Angriff gehen. Auch Krottendorfer trägt bei seiner Arbeit oft keinen Schutzanzug. Falls ihn eine Biene sticht, macht ihm das nichts aus. Seine Lippe ist auch jetzt leicht angeschwollen. "Bienen sind keine gefährlichen Tiere. Sie sind wilde Tiere, aber liebe Tiere", sagt er. Stadtbewohner sollen dies oft vergessen und erschweren somit einen weiteren Ausbau der Imkerei in Wien.

Bienen gibt es viele, weniger werden sie trotzdem. Die Hitze der Stadt ist dabei jedoch kein allzu großer Feind der Insekten, da sie sich selbst gut kühlen können. Das unbeständige Wetter erzeugt hingegen große Probleme. Hohe Temperaturen im Frühjahr, darauffolgende kalte Monate, zu lange Trocken- oder Regenperioden - die Bienen fliegen zu früh aus, finden keine Nahrung und verhungern. "Du merkst mit der Honigbiene sofort, ob das Klima so ist, wie es sein sollte, oder nicht", sagt Traunmüller.

Das merkt auch Imker Krottendorfer. Er wird sich ein neues Bienenvolk zulegen müssen, da auch viele seiner Bienen die letzten Monate nicht überstanden haben. Dafür hat er ein Kilo der tierischen Bestäuber gekauft und eine Königin, die im Stock an der weißen Markierung auf dem Rücken erkennbar ist.

Er besprüht sie mit Wasser, um sie unbeschwert in die Beute zu geben. Die Beute ist das mehrstöckige Holzgefäß, in dem sich die Waben befinden. "Ich habe eine große Liebe für diese Tiere.", sagt er. Darum sei es ihm wichtig, sie zu schützen und durch die kalten Monate zu bringen. Die Bienen, welche von der Imkerschaft unterstützt werden, würden es oft überleben, die Wildbienen hingegen nicht. Schließlich spüren die Tiere die Folgen des Klimawandels, sowohl in der Stadt als auch am Land.

Die Stadtimkerei ist kein Honigschlecken

Krottendorfer bläst einen duftenden Rauch in die Bienenhäuser, um die Tiere zu beruhigen. Flüssiges Gold trieft aus den Waben und tropft langsam hinunter, als er mit einem Löffel vorsichtig in die gelbe Oberfläche sticht. Er stibitzt sich ein wenig frischen Honig, kostet ihn und lächelt. Seinen eigenen Honig isst er am liebsten im Frühstücksjoghurt. Die Ernte dafür ist dieses Jahr spät und nicht sehr ertragreich. Sie war Anfang Juli geplant, Herr Krottendorfer erntet aber erst jetzt. In Wien ist die Nachfrage nach Honig groß, doch der Aufwand dahinter wird oft nicht wertgeschätzt.

"Viele Leute glauben noch immer, dass der Kilo zehn Euro kosten muss. Das geht aber nicht", sagt er. Seinen Honig verkauft er um einen höheren Preis oder verschenkt ihn an Freunde. Dieses Jahr hat er insgesamt 80 Kilogramm Honig geerntet, was im Vergleich zu den letzten Jahren wenig ist. Das liegt vor allem an dem kalten Mai. Bei seinem Honig handelt es sich um einen Blütenhonig, der für die Stadtimkerei sehr typisch ist. Da die Bienen hier mehrere verschiedene Pollen sammeln, produzieren sie diese Art von Honig. Am Land haben sich die Imker hingegen auf den Sortenhonig spezialisiert. Hier fliegen die Blütensammlerinnen nämlich meist nur zu einer bestimmten Pflanze.

Die Stadtimkerei hat jedoch auch mit Mühseligkeiten zu kämpfen, denn der Platz für die Bienenvölker ist in einem Ballungsraum stark limitiert. Während der Imker in ländlichen Gebieten oft an einem Standort mit 50 Völkern arbeiten kann, kann Herr Krottendorfer in Wien höchstens 10 Völker an einem Standort anlegen. Die Stadtimkerei bedeutet daher anstrengendere und zeitaufwendigere Arbeit.

Auf dem Balkon von Herrn Krottendorfer blüht der Sommerflieder. Er darf hier keine eigenen Völker anlegen, daher setzt er bienenfreundliche Pflanzen. Die Bienen sind abhängig von einer bunten Natur, die bunte Natur jedoch auch abhängig von ihnen. Manchmal setzt sich Herr Krottendorfer neben die Bienenvölker und beobachtet sie. "Die Welt würde ohne Bienen ganz anders aussehen", sagt er. Ohne Bienen könnten keine Himbeeren und Erdbeeren geerntet werden. Ohne Bienen könnten keine Sonnenblumen mehr strahlen. Bienen werden auch in Zukunft nicht nur die Blumenwiesen zum Blühen bringen. Die Stadt ist nämlich honigsüß.