Vögel zwitschern. Überall ist sattes Grün zu sehen. Aus der Ferne sind einige Autos zu hören, die über den Asphalt rattern. Idylle pur in Wien-Hütteldorf, wo im Gemeindebau in der Hüttelbergstraße/Ecke Greilweg die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Wer ihn durchstreift, kommt nicht nur der Natur etwas näher als vielleicht woanders, sondern fühlt sich gleich um etliche Jahrzehnte zurückversetzt: Hier bestimmen Grau und Braun die Fassade. Farbe blättert von einigen Fensterrahmen herunter - auch der Schriftzug, der an die Errichtung der Anlage erinnert, hat schon bessere Zeiten gesehen. Vom Ausbau- und Sanierungsprogramm ist hier im Westen der Bundeshauptstadt nichts zu sehen - geschweige denn zu erahnen.

8.400 Sanierungen

Jedes Jahr werden mehrere Gemeindebauten saniert - allein mehr als 8.400 Wohneinheiten sollen es in den kommenden Jahren sein, heißt es von Wiener Wohnen. "Es gibt ein transparentes Regelwerk, laut dem sämtliche Wohnhausanlagen von Wiener Wohnen unabhängig ihrer Zuordnung zu einem bestimmten Bezirk, einer periodischen Überprüfung unterzogen werden und eine Reihung nach sachlich nachvollziehbaren Kriterien festzulegen ist", so die kommunale Wohnhausverwaltung zur "Wiener Zeitung". Bewertet werden unter anderem technische Infrastruktur, Dach, Fenster, Fassade, allgemeine Flächen, Garagen, Außenflächen sowie die wirtschaftliche Situation der jeweiligen Anlage. Auch wird die Sanierungsstrategie regelmäßig evaluiert.

"Nach meinen Informationen wird der Gemeindebau in der Hüttelbergstraße übergangen", weiß Natascha Fussenegger, Bezirksvorsteherin-Stv. von Wien-Penzing (ÖVP), und zitiert die Antwort von Kathrin Gaál, Vizebürgermeisterin und zuständige Stadträtin vom 26. Juli 2021 auf die Anfrage der ÖVP. Bei der letzten Begehung im Vorjahr wurde etwa kein "unmittelbarer Sanierungsbedarf" festgestellt, steht darin. Auch erfolge die Reihung der Sanierung nicht nach dem Zeitpunkt der Errichtung, sondern anhand des baulichen Zustandes - und dieser sei offenbar gut, glaubt man dem Schreiben, das auch der Redaktion vorliegt.

Die Zeit steht still

Nicht im entlegenen Hütteldorf, sondern woanders gibt die kommunale Wohnbaupolitik kräftige Lebenszeichen von sich - so zum Beispiel in Wien-Landstraße, wo auf den Aspanggründen einer von mehreren neuen Gemeindebauten entsteht. "Wir setzen damit ein weiteres starkes Signal für zukunftsweisendes Wohnen, das Klimaschutz und soziale Nachhaltigkeit vereint", freute sich Kathrin Gaál anlässlich des Spatenstichs von "Village im Dritten", wo bereits in wenigen Jahren über 1.900 Menschen in den Gemeindebau einziehen sollen. Geht es nach ihr und Bezirksvorsteher Erich Hohenberger soll dieser Bau neue Maßstäbe setzen: Eingeplant werden hier Gemeinschaftsräume und coole Terrassen, ökologische Wärmeversorgung und vieles mehr.

Auf immer und fast ewig

Von diesen Errungenschaften ist der Gemeindebau in der Hüttelbergstraße, der 1927/28 nach Plänen von Wilhelm Peterle errichtet wurde und heute einer der kleinsten der Stadt ist, aber meilenweit entfernt. "Immer nur dann, wenn ein neuer Mieter einzieht, wird eine Wohnung saniert", beobachtet Peter. S., der sich nur vorsichtig beim Gespräch aus dem Fenster lehnt. Denn seinen vollständigen Namen will er jedenfalls nicht in einer Zeitung lesen. Von den 21 Wohnungen stehen in der Hüttelbergstraße vier leer. Peter S. dazu: "Das ist auch an den schmutzigen Fenstern gut zu erkennen."

Wenige Kilometer stadteinwärts sieht die Welt schon etwas besser aus: Seit etwas mehr als zwei Jahren wohnt Martin Daubek im Hugo-Breitner-Hof, dem größten Gemeindebau Wiens, der Anfang der 2000er-Jahre vorbildhaft saniert und das Dach zusätzlich ausgebaut wurde. "Die Umgebung ist traumhaft und die Innenhöfe der Anlage vorbildhaft gepflegt", stahlt der zweifache Vater. Miete, Größe der Wohnung, Aufteilung der Zimmer und Infrastruktur seien für ihn ideal.

Gut funktioniere außerdem der Zusammenhalt der BewohnerInnen hier. Nach der Scheidung von seiner Frau suchte er nach neuem Wohnraum, den er schließlich hier im Gemeindebau fand. Nein, verlassen will Martin Daubek den Hof nicht - "auch nicht in den nächsten Jahren", wie er im Gespräch sagt. "Weil hier will ich wohnen bleiben."

Es geht ums Geld

"Auf die Sanierung unseres Gemeindebaus wurde einfach vergessen", glaubt Mieter Peter S. aus der Hüttelbergstraße und zuckt mit den Schultern, der sich an die Gegebenheit gewöhnt hat. Jeder kenne hier aber jeden. Auch zahle er nur wenig Miete. Einzig die Heizkosten belasten zunehmend das Haushaltsbudget, da weder Fassade noch Dach des Hauses bisher thermisch saniert wurden. Für Sanierungen nimmt die Stadt Wien zu wenig Geld in die Hand, findet dazu die Penzinger ÖVP-Bezirkschefin, die den Gemeindebau in der Hüttelbergstraße kennt und ihn auch als Schandfleck bezeichnet.

Nicht ganz nachvollziehen kann sie die von Wiener Wohnen vorgelegten Kriterien und vermutet in der Bevorzugung von Neubauten eine Taktik der Stadt: Den neuen Wohnraum könne sie besser vermarkten als die Sanierung von bestehendem. Das sei kein Geheimnis. Auch lasse sich die stadteigene Gesellschaft nur ungern in die Karten blicken, kritisiert Fussenegger. "Ich bin nicht überrascht. Leider bekommen wir sehr oft Beschwerden von Bewohnern über bauliche Mängel im Gemeindebau", so die Bezirkspolitikerin

Spielende Kinder sind zu hören. Beton in verschiedenen Farben wecken Erinnerungen an die 1970er Jahre. "Schauen Sie sich um - bei uns hat sich nicht in den vergangenen 40 Jahren nix verändert", erzählt ein Mieter der Gemeindehausanlage "Wiener Flur" in der Basler Gasse in Liesing.

Plattenbau-Flair lässt grüßen

Er steht im Hof der mehrstöckigen Anlage. Gegensprechanlage, Gänge und Balkone - nichts habe sich hier seit seinem Einzug verändert, sagt der Mieter. "Wir sind wie ein Museum der 70er-Jahre."

Weshalb die Anlage im äußersten Südzipfel Wiens bisher nicht saniert wurde, während nur unweit ein neuer Gemeindebau errichtet wird, kann er sich nicht erklären. Desolat seien die Wohnungen aber keineswegs. Wenn es nicht unbedingt notwendig ist, rühre Wiener Wohnen derzeit aber keinen Finger, sagt er und beklagt im Gespräch auch die hohe Miete, die er für seine knapp über 90 Quadratmeter-Wohnung zahlen muss. Ausziehen will er schon seit längerem, doch es ergab sich dazu keine passende Gelegenheit, seufzt der Mittfünfziger entmutigt. Im dritten Quartal 2022 soll laut Wiener Wohnen die Sanierung der Anlage beginnen und rund 49 Millionen Euro kosten.

Es ist schon später Nachmittag. Einige Wolken schieben sich über den Sommerhimmel in Hütteldorf. Über den Kreilweg huscht eine Katze. Für die Wohnhausanlage gebe es einen langfristigen Sanierungsplan, erklärt Wiener Wohnen. Nach deren Abschluss würde auch der Termin für die Beauftragung der Sanierung feststehen. "Irgendwann wird auch unser Haus erneuert", klingt Peter S. optimistisch. "Ganz bestimmt. Ja, vielleicht ist es nur mehr eine Frage der Zeit."