Am 8. 8. ist 318. Geburtstag: jener der ältesten noch bestehenden Tageszeitungen der Welt. Und dieses historische Welt-Kulturwunder kommt auch noch tatsächlich aus Österreich. Es heißt nun schon über Jahrzehnte "Wiener Zeitung" und war 1703 als "Wiennerisches Diarium" ins Licht der Weltgeschichte getreten.

Den Anfangstagen unserer Zeitung hat das "Zeitreisen"-Team unserer Redaktion bereits am Freitag den vordersten Teil seiner Beilage gewidmet. Die "Zeitreisen" verfügen schon lange über eine eingeschworene, historisch besonders bewanderte Leserschaft, die auch mit unserer Geschichte gut vertraut ist. Ihnen galt in der jüngsten Beilage auch wieder besonderes Augenmerk.

318 Jahre Lebenszeit haben natürlich ihre Höhen und Tiefen. Mit des Kaisers Leopold I. (1640 - 1705) "Privileg" gegründet, erschien das Blatt mit Ausnahme von fünf Jahren (1940 -- 1945) in der Nazizeit ohne Unterbrechung. Kaiser Leopold, wegen seiner markanten Unterlippe von den Wienern wenig charmant "Fotzenpoldl" genannt, wollte, dass sich seine Untertanen nicht allzu sehr über falsche Gerüchte in seiner Residenzstadt das Maul zerrissen. Also setze er - wie es am ersten Titelblatt 1703 heißt - auf Information über "Alles Denckwürdige" und ganz im Sinn früherer Seitenblicke, "daß auch alle die jenigen Persohnen/welche wochentlich allhier gestorben/hingegen was von Vornehmen gebohren/dann copuliret worden/.../darinnen befindlich". Der Betriebsratsobmann der "Wiener Zeitung", Francesco Campagner, erzählt gerne von jener Ausgabe um 1790, in der sowohl Wolfgang Amadeus Mozart als auch sein "Rivale" Antonio Salieri ihre Werke in der selben Ausgabe zum Verkauf bewarben. Allerlei bürgerliches und auch demokratisches Gedankengut fand ebenfalls schon früh Eingang in die Berichterstattung. Am 9. September 1789 setzte das Blatt einen echten Paukenschlag und publizierte die Erklärung der Menschenrechte der Französischen Revolution.

Das nahmen die Habsburger der Redaktion ebenso übel wie 1848 die Entfernung des Kaiseradlers vom Kopf des Blattes. Immer wieder wurde versucht, die "Wiener Zeitung" an die Kandare zu nehmen. Das komplizierte Verhältnis zu den Mächtigen begleitet die Redaktion - 1858 wurde die privat geführte Zeitung in Reaktion auf die pro-demokratischen Berichte 1848 verstaatlicht.

Seit dem "Fotzenpoldl" hat die Zeitung jedenfalls je ein Dutzend frühere Kaiser und auch österreichische Bundespräsidenten erlebt. 13 Kanzler der Ersten und 17 der Zweiten Republik gehören ebenfalls dazu.

Einen Meilenstein der Zeitungsgeschichte bildet das Redaktionsstatut 2015, welches die Unabhängigkeit verbrieft. Der kürzlich verstorbene, große österreichische Journalist und Volksbildner Hugo Portisch und der Doyen der Branche, Heinz Nußbaumer, unterstützten 2020 führend eine Initiative, die "Wiener Zeitung" in den Rang eines Weltkulturerbes zu heben. Portisch jedenfalls durfte die Erfüllung seines Anliegens nicht mehr erleben. Nußbaumer macht sich derzeit immer wieder für die Erhaltung der ältesten Zeitung der Welt stark.

Für die Redaktion bleibt weiterhin der Anspruch auf hohen Qualitätsjournalismus und das Wirken gegen "Fake-News" oberste Aufgabe. In der Diskussion um die Zukunft nach der von der Koalition geplanten Abschaffung der Pflichtgebühren für das Amtsblatt hat sie dem Eigentümer ein Zukunftskonzept präsentiert.

***

ERRATUM. Vergangenen Samstag wurde im Bericht über das Deserteurdenkmal ein falsches Sterbejahr von Rudolf Wadanai genannt. Er lebte von 1922 bis 2020. Wir bedauern den Fehler. P. V.