Schwaches Licht erhellt die Bühne. Ein langes Tuch hängt von der Decke. Ein Künstler mit Klettergurt ist daran gesichert. Mit zwei Meter langen Stelzen kreist er über dem Boden. Eine Tänzerin schwingt sich an seinen Stelzen in die Luft. Sie verlagert das Gleichgewicht. Elektrobeats intensivieren die Szene. Mit einem Ruck fällt er nach hinten. Am Boden kriecht ein amorphes Wesen. Ein rotes Ding wird von einem Mann an einem Kabel über die Bühne spazieren geführt. Ein Staubsaugerroboter oder ein Metalldetektor? Verwirrung. Das bedeutungsschwangere Geschehen schreit nach Auflösung.

Die Show findet als "letztes Spektakel" im F23 statt, einem alternativen Kulturzentrum im Süden Wiens. Als stillgelegte Sargfabrik bietet der Ort seit 2015 diversen Initiativen einen Raum. Diesen Herbst schließt das F23 definitiv seine Tore. Dann beginnt die Sanierung der, vom Bauträger Soravia erworbenen, Immobilie. Doch bevor es so weit ist, veranstaltet das Rhizomatic Circus Collective noch ein letztes Festival.

Das Kulturzentrum F23 in der alten Sargfabrik in Wien-Liesing. - © Esterbauer
Das Kulturzentrum F23 in der alten Sargfabrik in Wien-Liesing. - © Esterbauer

"Wir spielen ein Stück und es gibt eine offene Bühne, wo einige Performances aus dem zeitgenössischen Zirkuskontext stattfinden, aber auch Filmmusik aufgeführt wird. Ein ziemlich genreübergreifendes Gewucher" beschreibt Nina Vobruba, Produktionsleiterin des Rhizomatic Circus Collective, das Event. Fünf weitere Künstler- und Partykollektive wirken an dem Festival mit, das vom 11. bis 21. August stattfindet.

Zeitgenössischer Zirkus

"Zeitgenössischer Zirkus ist eine Kunstform, die sehr viel Freiraum hat. Ein totales Spielfeld", sagt Lena Kienzer, Künstlerin des Kollektivs. Gearbeitet wird interdisziplinär mit Licht, Projektionen, digitaler Kunst, Performances und Tanz. Traditionelle Elemente, wie Tiere und Zelte werden vergebens gesucht. "Es ist nicht nur ein Spektakel, das Gefühle zeigt, sondern wir erzählen Geschichten und beschäftigen uns mit Inhalten", erklärt Gabriel Kraußhar, der dritte Artist des Kollektivs.

Die Kunstform ist intellektuell fordernd. Die Namen der Künstlerkollektive und der Titel der Show erschließen sich Lesenden nicht auf den ersten Blick. "Unser Name ist inspiriert vom philosophischen Konzept des Rhizoms der Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari. Es geht um eine nicht-hierarchische, um eine horizontal-vernetzte Logik", sagt Vobruba über das namensgebende Konzept ihrer Künstlervereinigung. Man könne es an jeder Stelle teilen, wie bei einer Ingwerwurzel, und wieder einsetzen. Es habe immer das Potenzial, dass sich daraus wieder ein eigenes System entwickle. "Ein Wildwuchs", kommentiert Kraußhar seine Kollegin augenzwinkernd.

Wie ein solches Rhizom hat sich das Künstlerkollektiv, das 2016 entstand, vergrößert, geteilt, verzweigt, verschmolzen. Waren es vor fünf Jahren noch 60 mitwirkende Personen, so sind es heuer nur noch sechs. Dafür habe man die Zusammenarbeit mit anderen Kollektiven ausgebaut. "Ich finde, dieses Jahr sind wir sehr rhizomatisch", kommentiert Vobruba die heurigen Vorbereitungsarbeiten.

Die Wortschöpfungsgabe der Künstlergruppe spiegelt sich auch im Namen der Show - "prosthetiyc reality" - wider. Eine Google-Suche ist vergebens. "Wir versuchen, den Begriff der Prothese zu erweitern, weg von der Definition, wo dir etwas fehlt, hin zu dem Punkt, an dem wir unsere Realität prosthetisch erweitern, zum Beispiel mit unserem Smartphone", sagt Kraußhar und löst damit das Rätsel auf. Das klassische Zirkusmaterial inspiriere, wird aber weitergedacht, neu konzipiert und verleite zum Spielen. Stelzen werden zu Prothesen oder Körpererweiterungen.

Weitere Acts

Ein Gang durch die Hallen des alten Fabrikgeländes zeigt, dass auch die anderen Kollektive in der Endphase ihrer Vorbereitungsarbeiten sind. Die "One mess gallery" kuratiert eine Ausstellung, die aus einer Minigolfanlage besteht. "Wir überlegen uns ein Set-up und laden Künstler und Künstlerinnen ein, dieses Set-up zu bespielen", erklärt Tobias Pilz das Konzept seiner Künstlerinitiative. Die konkrete Umsetzung bringt Betrachter beim Anblick der kreativen Gestaltung der Stationen zwangsläufig zum Schmunzeln. Der Ball soll zwischen Körperteilen und in -öffnungen, bis durch einen alten Röhrenfernseher mit Kruzifix rollen.

Bei der Eröffnung am 11. August spielte die Band "Die Fitten Titten". "Wir sind eine Chaosband, wir proben nie", kommentiert Julia Riederer, Mitglied der Band, ihren Musikakt.

Liebhaber der elektronischen Musik werden bei dem Spektakel auf ihre Kosten kommen. Christian Eliasch, Musikverantwortlicher des Rhizomatic Circus Collective, zeigt bereitwillig sein "Spaceship" her. Er lässt sich gerne von Feldaufnahmen inspirieren. So hat er das in Französisch Guayana aufgenommene Grillenzirpen, Froschquaken und Vogelgezwitscher durch sein Mischprogramm gejagt, verzerrt und mit Elektrobeats unterlegt, was in einem intensiven Bühnenerlebnis resultiert.

Wer gerne mit Gewohntem bricht, sich an Skurrilitäten erfreut oder einfach nur bis in die frühen Morgenstunden feiert, ist bei diesem zeitgenössichen Zirkusfestival in Liesing sicherlich am richtigen Ort.