Auf rund 280.000 Kinder (0 bis 14 Jahre) in der Stadt kommen gerade einmal 71 Kinderärzte mit Kassenvertrag. Vor fünf Jahren waren es in Wien "noch" 84. In Favoriten etwa kommen auf 34.057 Kinder gerade einmal vier Kassenärzte.

"Kinderärzte werden mittlerweile gehandelt wie am Schwarzmarkt", meint Martin S., betroffener Vater von zwei Kindern: "Die Kassenkinderärzte sind bummvoll, da einen Platz zu kriegen, ist schon fast Zufall." Der Kinderarzt von Martin S. ist vor kurzem in Pension gegangen. Nachfolger hat sich keiner gefunden. Niemand wollte die Stelle als Kassenarzt weiterführen. Eine Erfahrung, über die viele andere Eltern in Wien zu berichten wissen.

Ein mögliches Modell für eine stabile Versorgung der Kinder sind für die Stadt Primärversorgungszentren speziell für Kinder- und Jugendheilkunde. - © Microgen / stock.adobe.com
Ein mögliches Modell für eine stabile Versorgung der Kinder sind für die Stadt Primärversorgungszentren speziell für Kinder- und Jugendheilkunde. - © Microgen / stock.adobe.com

Im Gegensatz zu Kassenkinderärzten boomen die Wahlkinderärzte in der Stadt. Von 207 Kinderärzten, die es in Wien gibt, sind 136 Wahlärzte. Sprich zwei Drittel der Kinderärzte in Wien haben keinen Kassenvertrag. Peter Voitl, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde und Gründer des Kindergesundheitszentrums Donaustadt, führt dies auf mehrere Gründe zurück. Einer der ausschlaggebendsten sei etwa die seit 1994 nicht mehr an die Inflation angepassten Honorare von Kinderärzten. "Keiner will unter der gleichen Bezahlung wie vor 25 Jahren arbeiten", so Voitl. "Diese Zeiten sind vorbei und das muss auch die Österreichische Gesundheitskasse endlich erkennen."

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Weiters würden gerade durch die Pensionswellen der Generation Babyboomer zahlreiche Stellen für Kassenkinderärzte frei. Ein frauendominiertes Fachgebiet wie etwa die Pädiatrie treffe dies besonders, da Frauen schon fünf Jahre früher in Pension gehen können als Männer. Bei den dadurch frei gewordenen Stellen erweist sich die Suche nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin meist aber als sehr schwierig. Unattraktive Kassenverträge, ein sehr kompetitiver Aufnahmetest an der MedUni und keine Möglichkeit zur Teilzeitarbeit im Kassenvertrag seien Gründe hierfür, sagt Voitl.

Der Kinderärzte-Engpass zeichnet sich schon seit vielen Jahren ab. 2012 bereits warnte die Vereinigung der Verantwortung und Kompetenz für besondere Kinder und Jugendliche (VKKJ), vor einem Ärztemangel in etwa zehn Jahren. Die damalige Geschäftsführerin, Marion Rinnofner, äußerte sich damals wörtlich: "Wenn die Entwicklung so weitergeht, dann ist die medizinische Versorgungsstruktur für Kinder und Jugendliche mit ausgebildeten Fachärzten in zehn Jahren nicht mehr gewährleistet." Und schon neun Jahre später gibt es in Wien tatsächlich einen eklatanten Mangel an Kinderärzten.

Auf Nachfrage der "Wiener Zeitung" bei der Stadt Wien hieß es, dass man in den vergangenen fünf Jahren bereits ein einzigartiges Maßnahmenpaket für Kinder- und Jugendheilkunde geschnürt habe. So seien etwa zur Entlastung der Kinderambulanzen von 2017 bis Anfang 2020 im AKH und in der Klinik Favoriten Kinderakut-Ordinationen eingerichtet worden. Diese standen als zusätzliche Versorgung der Kinder- und Jugendliche zur Verfügung. Das habe maßgeblich zur Reduktion von Wartezeiten beigetragen, heißt es aus dem Büro von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ). Die betroffenen Eltern haben aber davon offensichtlich nicht viel bemerkt.

Mehr Wahlärzte, weniger Kassenärzte - für die Bevölkerung bedeutet dies, entweder privat- oder zusatzversichert zu sein, oder lange Wartezeiten beim Kassenarzt für oft nur kurze Behandlungen in Kauf zu nehmen. Eine Entwicklung, die den rund 3,3 Millionen Menschen in Österreich, die eine Privatversicherung haben, entgegenkommt. Wer es sich leisten kann, hat sogleich einen Kinderarzt an der Hand. Der Rest muss sich mit den immer weniger werdenden Kassenärzten zufriedengeben.

Zweiklassengesellschaft

Peter Voitl beschreibt die Situation als dramatisch. "Die Leute sind massiv verzweifelt, wenn sie ein krankes Kind haben und keinerlei Versorgungsstrukturen in der Stadt vorfinden." Voitl war selbst für längere Zeit Wahlarzt, betreibt aber mittlerweile eine Gruppenpraxis mit Kassenvertrag. Dass die Einkünfte der Eltern im Zusammenhang mit der medizinischen Versorgung der Kinder eine immer größer werdende Rolle spielen, findet er problematisch: "Ich glaube, dass wir mit dem derzeitigen System aktiv die hohen Einkommensschichten fördern." Ein Rückgang der Kassenärzte führe unweigerlich zu einer Zweiklassengesellschaft im Gesundheitssystem.

So sieht das auch Martin S: "Durch den Zuwachs an Wahlärzten ist das Gesundheitssystem wesentlich teurer geworden. Man zahlt eh schon die Kassenbeiträge und jetzt soll ich auch noch Arzt selbst bezahlen." Immer mehr Eltern würden versuchen, sich über die sozialen Medien Gehör zu verschaffen beziehungsweise sich dort auch gegenseitig zu helfen. Denn wer einen Platz bei einem Kassenarzt erwischen will, schafft dies meist nur über Kontakte.

Aber auch die Kinderärzte bekommen die Stimmung der Bevölkerung mit. Laut Voitl würden zwar die Allgemeinmediziner oft versuchen einzuspringen, aber es fehle ihnen schlichtweg die Erfahrung in der Arbeit mit Kindern. Schließlich beschäftigen sich Allgemeinmediziner in ihrer Ausbildung gerade einmal drei Monate mit diesem Thema.

Diesem massiven Kassenkinderärztemangel müsse man entgegenwirken. "Alle Beteiligten sind gefordert", so Voitl. "Vor allem ist aber die Österreichische Gesundheitskasse gefordert - wir brauchen Verträge für Primärversorgungseinheiten für Kinderärzte, wir brauchen endlich ein Teilzeitmodell und Vertretungsregelungen. Es geht darum, familienfreundlich und zukunftsorientiert zu arbeiten", betont der Mediziner. Und es seien attraktive Stellenangebote für junge Ärzte nötig.

"Ball liegt bei den Kassen"

Vonseiten der Stadt Wien heißt es dazu, dass die Verantwortung zur Sicherstellung der Versorgungssicherheit im niedergelassenen medizinischen Bereich ausschließlich bei den Krankenversicherungsträgern, allen voran der ÖGK, und der Ärztekammer liegt. In Erfüllung politischer Verantwortung habe die Stadt aber natürlich großes Interesse, für ihre Bürger eine bedarfsgerechte Versorgung sicherzustellen.

Ein mögliches Modell für eine stabile Versorgung der Kinder in Wien seien etwa Primärversorgungszentren speziell für Kinder- und Jugendheilkunde. In solchen Zentren sollen zukünftig verschiedenste Mediziner zusammenarbeiten, um eine optimale Betreuung zu gewährleisten und somit auch Spitäler zu entlasten. Insgesamt 36 von ihnen plant die rot-pinke Koalition bis Ende 2025 in der gesamten Stadt, 16 sollten noch bis Ende 2021 fertiggestellt werden.

Auch Voitl sieht in den Primärversorgungszentren die Zukunft der medizinischen Versorgung der Kinder. "Das bietet tolle Möglichkeiten, wir können ein Teilzeitsystem aufrechterhalten, in Teams zusammenarbeiten und haben die Möglichkeit andere Berufsgruppen hinzuzuziehen. Alles was fehlt, ist ein Kassenvertrag."