Der "Confare #CIOSUMMIT" ist die größte Konferenz der Leiter der IT-Abteilungen in Österreich und eine der größten in Europa. Er findet am 1. und 2. September in Wien statt. Die "Wiener Zeitung" hat mit dem Geschäftsführer des Veranstalters Confare, Michael Ghezzo, über Trends in der Informationstechnologie gesprochen.

Michael Ghezzo ist Geschäftsführer von Confare. 
- © Confare

Michael Ghezzo ist Geschäftsführer von Confare.

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"Wiener Zeitung":Wie wichtig ist Wien als Standort für den Summit?

Michael Ghezzo: Wien ist immer attraktiv für unsere internationalen Gäste und Besucher aus den Bundesländern. Bei unserer Expansion Richtung Schweiz und Deutschland waren unsere Wiener Wurzeln auch immer wertvoll. Denn zu dieser Stadt hat jeder irgendwie einen positiven Bezug. Und dann sagt man uns ja auch diesen besonderen Wiener Charme nach.

Nicht alles macht digital Sinn, erklärt Michael Ghezzo: "Der Austausch in den Konferenzräumen mit Menschen, die ähnliche Probleme haben, - das geht online nur schwer" - © Confare
Nicht alles macht digital Sinn, erklärt Michael Ghezzo: "Der Austausch in den Konferenzräumen mit Menschen, die ähnliche Probleme haben, - das geht online nur schwer" - © Confare

Wie steht es in Wien um die Digitalisierung?

Wien ist in vielen Aspekten erfolgreich auf dem Weg zur Smart City. Da schaut man auch in Deutschland und der Schweiz gern darauf. Der CIO der Stadt Wien, Klemens Himpele, wird auf dem CIO-Summit in einem Workshop von den zahlreichen Data- und E-Government-Initiativen berichten, die es in Wien gibt.

Im Pandemiejahr hat sich einiges an der Digitalisierungsfront getan. Wie hat sich das auf die Situation der CIOs ausgewirkt?

Der CIO ist zu einem der spannendsten Posten im ganzen Unternehmen geworden. Die Arbeit ist vollkommen im Umbruch, weil es inzwischen keine große wirtschaftliche oder gesellschaftliche Herausforderung mehr gibt, bei der die IT nicht ein Teil der Lösung ist. Von Klimawandel bis Pandemiebekämpfung: Überall sind Daten und IT-Systeme von zentraler Bedeutung. Der CIO wird für alles, was wir in Zukunft an Problemen zu lösen haben, eine Rolle spielen.

Die Digitalisierung ist also allgegenwärtig?

Digitalisierung bedeutet einfach nur, dass das, was vorher händisch gemacht wurde, nun digital ist. Das kann ein Buchhaltungsprogramm sein oder eine Online-Schulstunde. Digitalisierung an sich ist keine Aufgabe, sie ist Realität. Die Welt ist einfach digitaler geworden. Von der Partnersuche bis zur Kriminalität passiert alles, was in der analogen Welt passiert, auch in der digitalen. Das ist nicht etwas, in das man einsteigen und wieder rausgehen kann.

Viele Unternehmen sind aber gerade bemüht, ihre Prozesse zu digitalisieren. Das ist doch auch nötig, um zukunftsfit zu sein?

Die Digitalisierung ist kein Heilsbringer, der plötzlich alles erfolgreich macht. Ein schlechter analoger Prozess wird, wenn er digitalisiert wird, weiterhin ein schlechter Prozess sein. Mit der Digitalisierung kann man auch nicht den großen Veränderungen begegnen, die auf uns zukommen. Dafür braucht es wirkliche digitale Transformation.

Was ist darunter zu verstehen?

Das heißt, dass IT-Systeme nicht mehr eingeführt werden, um vorhandene Arbeiten und Prozesse zu begleiten, sondern um Neues zu schaffen. Denn das, was bisher Erfolg gebracht hat, wird in Zukunft nicht mehr heilsbringend sein.

Die digitale Transformation bringt also neue Geschäftsmodelle?

Ja. Dementsprechend groß ist mitunter auch der Widerstand. Es gibt genug Leute in den Unternehmen, die nicht einsehen, dass man etwas ändern sollte, das bisher so gut funktioniert hat. Deshalb braucht der CIO - oder CDIO (Chief Digital & Information Officer, Anm.) wie er inzwischen oft schon heißt - eine echte Führungsrolle und die hat er inzwischen auch bekommen.

Wie zeigt sich dieser Aufstieg?

Der CIO ist nicht mehr das dritte Rädchen von links unter dem Chief Financial Officer. Er ist in der Hierarchie aufgestiegen und wird in die Geschäftsentscheidungen einbezogen, weil die Geschäftsführer wissen, dass sie ohne ihn bei den aktuellen Herausforderungen nicht weiterkommen. Durch diese neue Position innerhalb des Unternehmens wird aber auch der Druck größer. Inzwischen haben die CIOs das nötige Portfolio, es wird aber auch erwartet, dass sie liefern. Da kann man nicht mehr sagen, dass etwas aus Security nicht geht oder ein zweijähriges Projekt braucht. Davonlaufen und beim nächsten Bewerbungsgespräch erklären, die anderen waren zu blöd, einen zu verstehen, ist auch keine Lösung.

Apropos: Wie kann man für die notwendige Sicherheit sorgen?

Cybersecurity ist nichts mehr, was man unwillig nebenbei laufen lässt. Früher hat man geglaubt, dass das nur Kosten verursacht und keine positiven Auswirkungen auf das Geschäft und Verkaufszahlen hat. Diese Einstellung ist natürlich grundfalsch. Man kann kein datenbasiertes Geschäftsmodell aufziehen, solange nicht der Datenschutz gewährleistet ist. Ohne zu zeigen, dass man mit Daten vernünftig umgehen kann, hat man es schwer, etwas zu verkaufen. Allerdings sind auch die Zeiten vorbei, in denen man noch glaubte, ein IT-System sei so sicher, dass man garantieren kann, dass die Daten sicher geschützt sind.

Wir müssen also mit unsicheren IT-Systemen leben?

Die Angreiferseite wird immer wirkungsvoller und ist immer besser ausgestattet. Wir kommen nicht umhin zu sagen: "Ich werde irgendwann kompromittiert werden." Es geht nun darum, ein System so zu gestalten, dass ein Angriff im Ernstfall nicht so hart ausfällt, wie er könnte. Um das zu schaffen, ist es essenziell zu wissen, was man überhaupt an Assets hat. Doch Transparenz in IT-Systemen ist keine einfache Sache. Da läuft beispielsweise unbemerkt ein kleiner Testserver, den keiner abgedreht hat. Der ist mit dem Internet, aber auch mit dem Rest verbunden. Das sollte man nicht machen, aber irgendein Systemadministrator hat eben etwas falsch gemacht. Diese Daten sind dann umgehend alle im Darknet verfügbar. Vor allem bei großen Unternehmen gilt: Wenn es Angriffsflächen gibt, dann findet die auch irgendwer.

Wie bereitet man sich auf das Worst-Case-Szenario vor?

Da gibt es einmal die Philosophie der Brandabschnitte. Also bildlich gesprochen geht es darum, dass wenn die Bude brennt, nur ein Zimmer ausbrennt, aber nicht das ganze Haus. Dann geht es wiederum darum, sichere Backups zu haben, die nicht angreifbar sind und über die das ganze System im Notfall neu aufgesetzt werden kann. Die Herausforderung des CIOs ist es, im Anbieterdschungel das Richtige für das Unternehmen zu finden. Es gibt wohl Security-Anbieter, die erklären, dass sie alles können; in Wirklichkeit hat jeder von denen seine Schwerpunkte, aber natürlich auch seine Lücken. Da ist sehr viel Aufklärungsarbeit notwendig und auch sehr viel Austausch unter den Kollegen, um die richtige Lösung für das richtige Problem zu finden. Genau bei dieser Interaktion hilft unser CIOSummit.

Es wäre eigentlich auf der Hand gelegen, den Summit aus Sicherheits- und praktischen Gründen online stattfinden zu lassen, oder?

Auch das ist Teil der digitalen Transformation: Zu wissen, was digital sein muss und was nicht. Wenn wir online 1:1 das machen, was wir offline machen, bieten wir den Kunden keinen Mehrwert. Das Netzwerken auf den Gängen, die Inspiration, der Austausch in den Konferenzräumen mit Menschen, die ähnliche Probleme haben: Das geht online nur schwer. Aber wir haben sehr wohl das Ganze mit Onlineangeboten ergänzt. Wir haben unsere Social-Media-Aktivitäten verstärkt. Wir haben rund um die Veranstaltungen Onlineevents angeboten. Dadurch ist das Onlinegeschäft innerhalb von zwei Jahren von 3 auf etwa 25 Prozent unseres Jahresumsatzes gestiegen. In diesem Jahr werden wir ein Gesamtwachstum von mehr als 30 Prozent erreichen. Der Fokus auf Online und Social Media hat unser Offline-Geschäft gepusht, weil unsere Relevanz so deutlich wurde. Das ist digitale Transformation. Nicht ein Unternehmen nehmen und online machen, sondern anreichern, erweitern, Geschäftsmodelle ausbauen. Wer weiß, wo uns das noch hinführt?

30 Prozent Wachstum mitten in der Pandemie: Wie schafft man so etwas?

Mut gehört sicher dazu. Es war nicht selbstverständlich, mitten im Jahr 2020 große Konferenzen von Wien über Zürich bis nach Frankfurt durchzuführen. Viele haben gesagt, dass das nicht klappen kann, doch wir wollten keine Onlinekonferenzen machen, die keinerlei Nutzen bringen. Agilität war natürlich auch wichtig. Wir mussten auf jede Veränderung sofort reagieren. Beispielsweise wurden die Einreisebestimmungen von einem Tag auf den anderen geändert, gerade bevor wir nach Zürich fahren wollten. Da musste das Team eben zwei Tage früher in den Zug steigen und im Hotelzimmer arbeiten. Die Pandemie hat aber nicht nur uns beflügelt. Ich bin überzeugt, dass die angekündigte Insolvenzwelle weniger schlimm ausfallen wird als erwartet. Denn der Unternehmergeist wurde generell durch die Pandemie beflügelt. Da wurden auf einmal - und auch das ist wichtig - heilige Kühe geschlachtet. Cloud und Home Office waren in manchen Unternehmen undenkbar und sind jetzt Standard. Große Produzenten haben auf einmal ihre Waren über Onlineshops angeboten, obwohl sie zuvor noch geglaubt haben, dass das nur über den Handel geht. Auch das ist digitale Transformation. Es gelten auf einmal neue Spielregeln, da müssen veraltete Glaubenssätze überwunden werden.

Und wie sehen die bei Ihnen aus?

Durch die Kombination aus Events im ganzen deutschsprachigen Raum, Social Media, Webcasts und Blogs haben wir eine enorme Präsenz. Wir sind keine Eventveranstalter mehr; wir sind jetzt eine Plattform für CIOs und Digitalisierungsprofis. Wir sind im Plattformbusiness angekommen und das funktioniert natürlich nach ganz anderen Regeln als das Veranstaltungsbusiness. Eine der neuen Regeln heißt: Der Gewinner bekommt alles. So wie es auch nur ein Google gibt. Niemand sagt, ich yahooe jetzt etwas.

Man hört immer vom Fachkräftemangel in der IT. Was lässt sich dagegen unternehmen?

Es wird vor allem immer schwerer die richtigen Fachkräfte zu finden. Eine der Ursachen dafür ist, dass die Anzahl der weiblichen IT-Manager viel zu gering ist. Je nach Markt beläuft sich die Quote auf 15 bis 20 Prozent.

Woran liegt das?

Es gibt nach wie vor viele offene Fragen, wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, das wirkliche Aufteilen der Kinderverantwortung zwischen Männern und Frauen. In so gut wie allen Bereichen ist der Anteil an Frauen in Führungspositionen niedriger, als er das sein müsste. Gerade im Fall der CIOs mangelt es an Vorbildrollen. Da gibts dann auch nicht diesen Antrieb, in deren Fußstapfen zu treten und diese Rolle weiterzuentwickeln. Dabei spielt gerade die IT eine so große Rolle für die Zukunft. Das rein in Männerhand zu belassen, ist ein problematischer Zugang.

Warum eigentlich?

Es gibt genug Umfragen und statistische Werte, die zeigen, dass Unternehmen, die ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen haben, erfolgreicher sind. Das ist monetär messbar. Die Diversität bringt Erfolg. Letztlich gibt es, wie gesagt, im IT-Bereich zu wenig Bewerber. Das werden wir nicht in den Griff bekommen, wenn das Feld nicht attraktiver für Frauen wird.