Der Wiener Augarten ist eine Chimäre. Geschniegelter Barockgarten, wie geschaffen als Kulisse für kitschige Kostümfilme, auf der einen Seite. Knallharte Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg auf der anderen. Wie Fremdkörper ragen die Betonkolosse des Flakturmpaares in den Himmel. Seit einigen Jahren ist die 52 Hektar große Grünfläche am Rande der Leopoldstadt vor allem aber eines - essenzieller Naherholungsraum im dicht verbauten Gebiet. An warmen Tagen ist der Park gesteckt voll. Rennräder lehnen an Kastanienbäumen, auf den Wiesen sitzen Familien auf Picknickdecken, es wird gekickt und Federball gespielt. Der Augarten ist vom Museum zum belebten Treffpunkt mutiert. Er ist öffentlicher Grund und wird von der Öffentlichkeit genutzt.

Gerade deshalb sorgt nun eine Meldung für Aufsehen. Die Wiener Grünen haben Alarm geschlagen. Sie befürchten den Bau einer Eventzone nordwestlich des Flakturms nahe dem Gaußplatz zwischen 2. und 20. Bezirk. Über 100 Bäume sollen dafür gefällt werden. "Der Augarten ist keine Veranstaltungszone, er ist Erholungsraum für Anrainer", heißt es aus dem Büro des stellvertretenden Bezirksvorstehers der Leopoldstadt Bernhard Seitz (Grüne) gegenüber der "Wiener Zeitung". "Sollten die Pläne der Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) umgesetzt werden, werden wir Widerstand leisten."

Rodungen möglich

Pläne gibt es laut Österreichischen Bundesgärten bisher keine. Die Behörde ist eine Dienststelle des Landwirtschaftsministeriums und für den Augarten verantwortlich. "Der Augarten ist der älteste barocke Garten in Wien. Unsere Aufgabe ist es, ihn zu erhalten und gegebenenfalls den Originalzustand wiederherzustellen", sagt Direktorin Katrin Völk gegenüber der "Wiener Zeitung". Genau das will sie nun tun. Radaraufnahmen des Bodens hätten gezeigt, dass der Platz während der Kaiserzeit als Veranstaltungsort genutzt wurde, etwa für Konzerte. "Diese Funktion soll der Sechseckplatz wieder erhalten", sagt Völk. "Unser Interesse gilt dem Originalzustand. Uns liegt nichts daran, dass hier große Events stattfinden." Noch gäbe es kein konkretes Vorhaben, lediglich erste Überlegungen. "Die Ausführung der Umbauten ist noch völlig offen", sagt Völk.

Allerdings räumt sie auch mögliche Baumfällungen ein. "Sollte der ursprüngliche Zustand der etwa 5.000 Quadratmeter großen Fläche wieder hergestellt werden, müsste eine Allee weichen. Wir würden die Bäume jedoch an anderer Stelle nachpflanzen."

Es ist ein Abwägen. Hier die Notwendigkeit, historische Substanz zu schützen, dort die Notwendigkeit, alte Bäume in Zeiten der Erderwärmung zu erhalten. "Natürlich wäre es schlimm, wenn alte Bäume gefällt werden", sagt Maria Auböck. Die Landschaftsarchitektin hat in den 1990er Jahren ein Entwicklungskonzept für den Augarten erarbeitet. "Aber noch gibt es hier kein konkretes Projekt - und außerdem würde es von der Stadt Wien geprüft werden. Leichtfertige Rodungen wird es vermutlich keine geben, es schaut ja auch die Öffentlichkeit hin."

Druck auf Parks steigt

Für die Wiener Grünen ist das Bestreben, den Originalzustand herzustellen, Vorwand, den Augarten Stück für Stück zu privatisieren. "So wie die Kaiserwiese wird auch der Augarten schleichend privatisiert", heißt es aus dem Büro von Seitz. "Wir brauchen keine neuen Veranstaltungsorte, die gibt es genug in Wien. Wir brauchen Wiesen und Bäume für die Bevölkerung." Tatsächlich steigt der Druck auf Wiens Grünflächen. Während der Corona-Pandemie gelangten sie an ihre Kapazitätsgrenzen. Auch im Augarten stiegen sich die Menschen auf die Füße. Eine Veranstaltungsfläche würde die Situation nicht unbedingt entspannen.

Eine zusätzliche öffentliche Wiese schon. Die könnte es im Augarten auch bald geben. Denn das Sechseck beim Flakturm ist nicht der einzige Platz, über den die Bundesgärten nachdenken. Auf der Schüsselwiese vor dem Flakturm soll 2022 der Rasen saniert werden. Außerdem soll das derzeit nicht öffentlich zugängliche Sängerknabenparterre saniert und für die Wiener geöffnet werden. Schließlich gehört der Park uns allen.