Dresdner Straße 119. Eine abgewetzte Matratze lehnt neben dem Eingang des Mistplatzes Zwischenbrücken. Am Gittertor hängt ein Zettel: "Mistplatz bis auf weiteres geschlossen". Daneben ein weißer Herd, eine alte Spülmaschine, die Bretter zerlegter Wohnzimmerkästen. Eine Wohnzimmergarnitur in rotbraunem Leder steht senkrecht an der Wand. Wien ist nicht Neapel. Die Müllabfuhr funktioniert reibungslos in der Stadt, die Nahversorgung mit Mistplätzen für Sperrmüll oder Problemstoffen jedoch weniger - zumindest hier in der Leopoldstadt.

Der Mistplatz Zwischenbrücken ist seit Beginn der Corona-Pandemie geschlossen. Bewohner des 2. und 20. Bezirks müssen nun auf Sammelstellen im 19. oder 21. Bezirk ausweichen. Nicht alle haben einen eigenen Pkw, um Altwaren so weit zu transportieren, oder wollen den Umweg schlichtweg nicht auf sich nehmen. Immer wieder laden Bürger ihren Müll auf dem Gehsteig vor dem Eingangstor ab. "Man erblickt dort im Freien den Mist. Das sollte nicht gehen, weil es selbst- und fremdgefährdend ist. Die Leute stellen einfach ihre Sachen davor ab", empört sich der Grüne Bezirksrat Adi Hasch über die Nicht-Lösung.

Geht es nach der MA 48, hat der Mistplatz in der Dresdner Straße ausgedient. Viele Anrainer sehen das anders. - © Esterbauer
Geht es nach der MA 48, hat der Mistplatz in der Dresdner Straße ausgedient. Viele Anrainer sehen das anders. - © Esterbauer


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"Die MA 48 möchte einen neuen, modernen Platz, der über ausreichend Fläche verfügt und verkehrstechnisch gut geeignet ist, errichten. Aus Sicht der MA 48 würde sich ein Grundstück in der Innstraße dafür gut eignen", sagt die zuständige MA 48 (Abfallwirtschaft) auf Anfrage der "Wiener Zeitung" zur Situation auf der Dresdner Straße. "Innstraße" ist mittlerweile zum Reizwort geworden. Es steht stellvertretend für ein Umgehen der Bürgerbeteiligung von Seiten der Stadt. Denn der Bereich für den neu geplanten Mistplatz befindet sich nur wenige Meter von der alten Sammelstelle entfernt - auf dem Areal des Nordbahnviertels. Ursprünglich war das Gebiet für Wohnungen vorgesehen, außerdem grenzt es an den Erholungsraum "Freie Mitte". Die Stadt beschreibt diesen Bereich selbst als "neue Grünoase am Nordbahnhof".

Die Initiativgruppe Nordbahnhof - eine Bewegung engagierter Bürger - hat sich bereits 2017, nach Bekanntwerden der Pläne, explizit gegen den Mistplatz in der Innstraße ausgesprochen. Der Lärm, die Verbauung, das zusätzliche Verkehrsaufkommen würden gegen den neuen Platz bei der "Freien Mitte" sprechen. Eigentlich startete die Stadt Wien 2012 einen mustergültigen Beteiligungsprozess mit den Bewohnern des Viertels, um ein gemeinsames Leitbild für die Neugestaltung des Grätzels zu entwickeln. Der neue Mistplatz war dabei nie Thema.

Konflikt seit Frühjahr 2020

Im Frühjahr 2020 spitze sich der Konflikt zu. Im ersten Lockdown schloss die MA 48 die Sammelstelle, danach sperrte sie sie einfach nicht mehr auf - wegen baulicher Mängel. Die Grünen der Leopoldstadt brachten daraufhin einen Antrag zur Wiedereröffnung des bestehenden Mistplatzes in der Dresdner Straße ein, der einstimmig bei der Bezirksvertretungssitzung angenommen wurde. Doch dann kam die Wien-Wahl, bei der die SPÖ die Bezirksvertretung zurückgewann. Aber auch der neue Bezirksvertreter, Alexander Nikolai (SPÖ), hält an der Entscheidung fest und spricht sich indirekt gegen den Vorschlag der MA 48 aus: "Der Beschluss sitzt, das ist ein aufrechter Beschluss der Bezirksvertretung."

Laut Meinung der Bürgerbewegung könnte auch der alte Mistplatz an die Bedürfnisse der hiesigen Wohnbevölkerung angepasst werden. "Unser Zugang ist der, man kann den alten Mistplatz sanieren, man kann ihn erweitern und es muss kein Mistplatz werden wie in Auhof. Wir finden einfach, es hat ein Mistplatz so dicht an der Innenstadt eine andere Funktion als ein Mistplatz am Stadtrand", erklärt Peter Rippl von der Initiativgruppe Nordbahnhof den Gegenvorschlag. Eine Erweiterung des Areals des bestehenden Mistplatzes wäre laut Rippl prinzipiell möglich. Außerdem liegt er an der befahreneren Dresdner Straße, eine Stelle, die für Wohnungen unattraktiver ist.

Das Mistplatzkonzept Wiens

Dem gegenüber steht das Mistplatzkonzept der Stadt Wien, die seit 2013 alle Mistplätze sukzessive erneuert. Dabei geht es besonders um eine sicherere Trennung des Betriebs- vom Kundenverkehr und um größere Abstellflächen für Nutzfahrzeuge und Müllbehälter. Tiefergelegte Mulden sollen die Aufstiegshilfen zum Container ersetzen. Zuletzt setzte die MA 48 das Konzept bei der modernisierten Sammelstelle in Inzersdorf um. Die meisten Mistplätze wurden bereits modernisiert. Zwei neue sollen in Aspern und Ottaking errichtet werden. Prinzipiell wurden die Mistplätze weniger, dafür größer. Derzeit sind nur noch zwölf im Vollbetrieb.

Ein Blick in den Nachprüfbericht des Stadtrechnungshofs aus dem Jahr 2019 gibt weitere Aufschlüsse. Der Stadtrechnungshof bemängelt darin das hohe Verkehrsrisiko wegen überkreuzenden Kunden- und Betriebsverkehrs an älteren Standorten. Er empfahl daraufhin, die Gefahrensituationen mit Beschilderungen zu entschärfen oder Mistplätze zu verlegen. Die MA 48 antwortete, dass sie den Mistplatz in der Dresdner Straße, der zuvor nie namentlich erwähnt worden war, umsiedeln werde. Es gibt also klare Gründe, warum der Mistplatz so nicht weitergeführt werden kann und eine umfangreiche Sanierung notwendig wäre. Im Bericht wird auch erwähnt, dass der Magistrat bei einigen Sammelstellen kaum Geld für die Wartung in die Hand nahm. Dies passierte bei Mistplätzen, die verlegt werden sollten. Der Lockdown brachte schließlich die Gelegenheit, veraltete Sammelstellen ohne großes Aufsehen zu schließen.

Wie es weitergeht

Die Strategie ging jedoch nicht auf. Ganz im Gegenteil. Sie verhärtete die Positionen zwischen der MA 48 und der Bevölkerung des 2. Bezirks. Das Thema emotionalisiert: "Es ist eine heiße Kartoffel, die seither nicht abgekühlt ist", berichtet Rippl. Die Stadt hat bei dem Thema verabsäumt, die sonst offene Diskussionskultur mit den Bewohnern des Nordbahnviertels, konstruktiv zu gestalten. Der Bezirksvorsteher versucht zu beruhigen, alle Standorte würden geprüft. Also auch jener in der Dresdner Straße. Gespräche mit der MA 48 würden laufen. Die nächsten fänden jetzt im September statt.

"Dann wird es hoffentlich einen Weg Richtung Öffnung, Erweiterung oder anderer Möglichkeiten für den Bezirk geben, natürlich in Absprache mit der Bezirksvorstehung und den Bürgern", sagt Nikolai. Er werde sich aber erst an die Öffentlichkeit wenden, wenn es Fakten gebe. Einstweilen schaffen einzelne Bezirksbewohner andere Fakten - denn der Müllberg vor dem Mistplatz Zwischenbrücken wächst.

Bezirksrat Hasch ist aufgebracht, wie mit dem Müllproblem umgegangen wird: "Das ist auf alle Fälle ein taktisches Spiel. Es wird taktiert auf Kosten der Bevölkerung, das ist die große Sauerei." Auch Rippl findet den Umgang mit dem Thema unangemessen: "Natürlich gibt es hier Druck, der aufgebaut wird, so nach dem Motto, dann bekommt ihr den Mistplatz halt gar nicht." Wie auch immer die Entscheidung ausgeht, eines ist bereits jetzt zu erkennen: Die Konfliktstrategie der Stadt war denkbar unglücklich.