Auf der Rechten Wienzeile 21 haben findige Prager Geschäftsleute ein "Heizhaus", (tschechisch "Výtopna") errichtet. Im gleichnamigen Lokal verkehren nun täglich 18 Züge, die auf einem Schienennetz von über 600 Metern bis zu 180 Gäste per Direktzustellung an den Sitzplatz mit Leibeswohl beliefern. Kulinarisches Highlight dabei: Original böhmisches Bier, das die Betreiber des Výtopna zum erklecklichen Teil in eigener Brauerei bei Prag erzeugen.

In Prag steht auch das "Výtopna"-Mutterhaus. Die originelle Idee mit dem Modellbahntransport im Wirtshaus wurde knapp vor Ausbruch der Pandemie 2019 erstmals ins Ausland nach Wien importiert. Dann war Covid-bedingt auch gleich alles wieder zu.

Seit Juni wurden die kleinen Eisenbahnräder für den Zweit- Start in Wien wieder angeworfen. Die Idee stößt seither nicht nur bei eingefleischten Bahnfreunden sowie kleinen und großen Kindern auf Begeisterung. Geschäftsführer Jaromir Budik (53) aus Prag weiß genau, worauf der Erfolg fußt: "Allein wegen dem Spaß würden die Gäste nicht wiederkommen. Das geht nur einmal. Essen und Getränke müssen passen, das bindet erst den Gast."

Also peilt man im Výtopna das ehrgeizige Ziel von jährlich 400.000 verkauften Krügeln an. Dabei nimmt man am Prager Stammhaus Mass. Dort sorgen 20 Mitarbeiter für diesen Umsatz. In Wien sind derzeit erst einmal 14 Personen tätig. Die Bahnbetreiber basteln aber bereits jetzt an einem europäischen Bahnnetz. Es soll nicht nur in Wien eine Station haben. In zehn Jahren wollen sie in jeder europäischen Hauptstadt ihr "Heizhaus" errichten. Das Selbstbewusstsein basiert nicht zuletzt auf diversen, weltweiten Gastronomie-Rankings, wo das Prager Stammhaus an der Spitze der "coolsten Lokale" rangiert. Dabei fand Manager Jaromir Budik beim ersten Kontakt mit dem Erfinder der Bahn-Idee, Petr Friedrich, "die Sache mit der kleinen Bahn, reichlich kindisch". Friedrich ist gelernter Koch und Eisenbahnfreak. Budik ist Franchisnehmer der "Nordsee" und betreibt in Tschechien noch drei ihrer Lokale. Aber Friedrich schaffte es, dass auch Budik sich mit seinem Gastronomie-Know-how in die Zug-Idee letztlich verliebte. Jetzt sind sie Partner. Gemeinsam entwarfen sie das durchgehende Konzept für architektonische Gestaltung, die eigenen Züge, für Software, Computersteuerung und Technik.

Für die Wartung der nunmehr "unverkäuflichen Züge" (Budik) mit der Spurweite von rund fünf Millimeter sowie aller Anlagen (meist per Computerfernkontrolle) steht in Prag und Wien ein Technikerpool mit sieben Personen bereit. Aufgebaut wurden alle Einrichtungen in Wien vom gesamten Team. Die Kellner lösen weiter fast alle technischen Alltags-Probleme. Sechs Monate dauerte der Aufbau. Neun Zugbrücken prägen die Optik des Lokals.

In Prag geht fast 20 Prozent des Jahresumsatzes von rund 3,1 Millionen Euro in die hauseigene Bahntechnik. "Zug-Unfälle" gibt es auch in Wien selten, meist nur, wenn recht große "Kinder" die Züge mit Bier zu früh berühren.

"Nicht ganz zehn Kilometer" legt laut Budik jeder Lastzug im Schnitt täglich zurück. Bei jeder Fahrt kann er zu 20 Kilogramm ziehen. "Das sind Distanzen und Gewichte, die sich unser Bewirtungspersonal erspart", freut sich genauer Rechner Budik. Er findet gar nichts davon kindisch.

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Mehr Erlebnisse unserer Leser mit Wiener Kellnern werden demnächst wieder hier veröffentlicht.