Große Mohrengasse steht in weißen Lettern auf blauem Grund. Der Name des Straßenzugs in der Leopoldstadt ist rassistisch. Der Begriff Mohr diskriminiert Menschen mit dunkler Hautfarbe. Die Straße wurde nach dem Hausschild "Zum großen Mohren" benannt. Es zeigte an, dass hier im 18. Jahrhundert der Afrikaner Joseph Mahlizky wohnte.

Die Große und die Kleine Mohrengasse wurden - gemeinsam mit 17 weiteren Straßen - in Wiens Liste der bedenklichen Straßenbezeichnungen aufgenommen. Am Mittwoch wurde ein entsprechender Ergänzungsband präsentiert. Er folgt auf die 2013 von der Stadt in Auftrag gegebene wissenschaftliche Studie, die sich mit den Benennungen von Straßen beschäftigt hat. Mehr als 170 Straßenbezeichnungen wurden damals als bedenklich eingestuft, vorwiegend aufgrund der NS-Vergangenheit ihrer Namensgeber. Sie wurden umbenannt oder mit Zusatztafeln ausgestattet. Nun spielt auch der Kolonialismus eine Rolle.

Nach dem ersten Band seien weitere Hinweise auf Personen aufgetaucht, mit denen man sich beschäftigen solle, berichtete der Historiker Oliver Rathkolb in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ). Die betroffenen Namensgeber haben etwa NS-Vergangenheit, waren Rassisten oder Antisemiten oder rechtfertigten den Kolonialismus.

Architekt und Verehrer Hitlers

Nun wurde etwa der Architekt Sigfried Theiss ins Visier genommen, der nicht nur das erste Wiener Hochhaus in der Herrengasse mitgestaltet hat, sondern auch Adolf Hitler als "großen Baumeister" lobte. Auch der Maler Wilhelm Dachauer huldigte dem "Führer" - in dem er Porträts des Diktators anfertigte. Nach den beiden sind Verkehrsflächen in der Donaustadt benannt. Der Schriftsteller und Priester Sebastian Rieger (1867-1953) - alias "Reimmichl" - wiederum wurde wegen antisemitischer Textpassagen in den Band aufgenommen.

Auch der Bereich Sport findet sich dort - mit dem Fußballer Ernst Melchior und dem Radrennfahrer Max Bulla. Bei ihnen ist eine Nähe zum NS-Regime dokumentiert, also etwa eine Parteimitgliedschaft oder die Teilnahme bei der Zerstörung von jüdischen Wohnungen. Ein spezieller Fall ist die Kärntner Botanikerin Lore Kutschera, die mit ihrem "Wurzelatlas" nach dem Krieg internationales wissenschaftliches Renommee erlangte. Ihr Engagement etwa beim "Bund Deutscher Mädel" (BDM) war lange Zeit völlig unbekannt. Erst ein Blick in deutsche Archive offenbarte kürzlich die NS-Vergangenheit der Forscherin.

Die Kolonialgeschichte ist im Ergänzungsband ebenfalls vertreten. Walter Sauer vom Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Wien betonte, dass die koloniale Vergangenheit Österreich-Ungarns bisher nie ein großes Thema war und die Meinung vorherrsche, dass es sie schlicht nicht gab. Doch das sei unzutreffend, versichert er. Verwiesen wird in dem Band etwa auf die Sammeltätigkeit österreichischer Reisender bzw. "Entdecker", deren Mitbringsel bis heute Teil der Kollektionen heimischer Museen sind. Oscar Baumann und Emil Holub, nach denen Straßen im 3. und im 2. Bezirk benannt sind, werden hier etwa aufgeführt.

Zusatztafeln statt Umbenennung

Und eben die beiden Mohrengassen. Sauer verwies auf die mehrschichtige Bedeutung des Begriffs Mohr. Noch im Spätmittelalter sei damit noch keine negative Konnotation verbunden gewesen. Das hat sich erst im 19. Jahrhundert geändert, als vor allem die Sklaverei dafür sorgte, dass die Bezeichnung diskriminierend verwendet wurde. Die rassistische Abwertung habe sich ab diesem Zeitpunkt etwa auch mit der Mitwirkung von schwarz geschminkten Menschen samt Lendenschurz und Federkrone bei Faschingsfesten manifestiert, erläuterte Sauer.

"Der Ergänzungsband ist ein wichtiger Beitrag zum Erinnern im öffentlichen Raum", betonte Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ). Sie bekräftige den Weg der Stadt, mit Zusatztafeln erklärende biographische Informationen über den Namensgeber oder die Namensgeberin zu bieten. Umbenennungen sind nicht geplant. Dies sei nicht nur wegen bestehender Adressen schwierig, sondern würde auch diese Teile der Geschichte aus dem Stadtbild verschwinden lassen, gab sie zu bedenken. Lediglich beim Lueger-Ring (heute Universitätsring) wurde vor einigen Jahren eine Ausnahme gemacht. Inzwischen gibt es übrigens auch Überlegungen, Ehrengräber oder die Namen von Gemeindebauten einer entsprechenden Untersuchung zu unterziehen, wie die Ressortchefin berichtete.

SPÖ-Gemeinderat Georg Niedermühlbichler, Vorsitzender des Ausschusses für Verkehrsflächenbenennungen, hob hervor, dass man auch durch die Neubenennungen von Straßen und Plätzen in Stadterweiterungsgebieten auf historische Entwicklungen reagiere. Dies geschehe etwa in der Form, dass man sie nach Frauen benennt. Damit könne dem historisch gewachsenen Ungleichgewicht - Wiener Straßen wurden früher vor allem nach Männern benannt - entgegengewirkt werden, sagte Niedermühlbichler.