Die Hirschstettner Straße ist verstopft. Im Schritttempo schieben sich Autos durch die Wiener Vorstadt. Vorbei an Gartencenter, Autohändler, Tankstelle, vorbei an den Feldern der hiesigen Bauern, vorbei an den Häusern des alten Hirschstettner Ortskerns. Vorbei an vermummten Aktivisten. Die wollen das alles nicht mehr. Die nicht enden wollende Kolonne. Den Lärm. Den Stau. Den Teer. Den Feinstaub. Das Auto. Es reicht. Es muss sich endlich etwas ändern. Und zwar schnell. Dafür haben sie ihre Zelte aufgeschlagen. Direkt vor den gelben Baggern, die die Trasse der Stadtstraße durch die Donaustadt ziehen. Die neue Klimabewegung hat zivilen Ungehorsam gelernt.

Es ist kurz nach Sonnenaufgang, als am Montag vergangene Woche rund 100 junge Menschen auf die Baustelle der Stadtstraße in der Donaustadt schleichen. Sie blockieren die Maschinen der Bauarbeiter. Was als einmalige Protestaktion und Statement gegen den Bau des Lobautunnels - dessen Zubringer die Stadtstraße werden soll - geplant war, wird schnell zu mehr. Denn die Aktivisten räumen die Baustelle nicht, sie bleiben. Bis heute. Mittlerweile sind vier Abschnitte besetzt. Dutzende Zelte stehen auf dem staubigen Erdboden. Es gibt ein Küchenzelt, ein Kräuterbeet, ein haushohes Tor aus Holzstaffeln. "Gegen Autos und Sexisten" steht auf einem Transparent.

Hinter der Besetzung stehen unterschiedliche Gruppierungen. Die eher radikalen Vereinigungen System Change, not Climate Change! und Extinction Rebellion etwa. Aber auch die Bewegung Fridays for Future (FFF). Sie ist in den vergangenen Jahren durch ihre weltweiten Demonstrationen bekannt geworden. Ihre Aktionsformen waren milde. Aktiver Widerstand stand bisher nicht auf ihrer Agenda. Doch die Vorzeichen haben sich geändert. Der friedliche Protest der FFF hat Politiker zu Lippenbekenntnissen gezwungen. Wirklich verändert hat er nichts. Nun sitzen die Aktivisten in der Schaufel eines Baggers. Sie sind wütend. Sie wollen mehr tun als Schilder in die Höhe halten. Sie erhöhen den Druck. "Die Radikalität der Politik erfordert andere Aktionsformen", sagt Mirjam Hohl, Sprecherin von Fridays for Future Vienna. "Wir haben lange diskutiert und uns nun dazu entschlossen, zivilen Ungehorsam gegen den Bau der Straße zu leisten." Sind aus problembewussten Gymnasiasten Guerillas geworden? Machen sie jetzt kaputt, was sie kaputtmacht?

Die Fridays-for-Future-Bewegung ist ein Mobilitätswunder. Eine Handvoll Schülerinnen und Schüler erreichen Millionen. Auch in Wien bringen sie immer wieder Zehntausende auf die Straße. Das hat auch damit zu tun, dass sie weitgehend dem politischen Mainstream entsprechen. Ihre Forderungen - etwa eine ökosoziale Steuerreform - sind nicht sonderlich progressiv und finden sich in diversen Wahlprogrammen etablierter, europäischer Parteien. Die Aktivisten von System Change, not Climate Change gehen weiter. Sie geben dem Kapitalismus Schuld an der Misere, sie wollen ein neues Gesellschaftssystem durchsetzen, kritisieren die politische Rechte genauso wie den Neoliberalismus, gehen - wenn es sein muss - auf Konfrontation mit der Polizei. Für die Extinction Rebellion sind Verhaftungen sogar Teil der Strategie, um mediale Aufmerksamkeit zu generieren. Beide Gruppierungen sind kein Massenphänomen wie die FFF.

Eine neue Besetzer-Generation

Heute stellen sie sich gemeinsam auf die planierte Trasse der Stadtstraße. Heute stellen sie sich gemeinsam der rot-pinken Stadtregierung entgegen. In der Sache selbst sind sich die Klimaschützer einig. Stadtstraße und Lobautunnel müssen verhindert werden. Mit fast allen Mitteln. "Schulstreik reicht nicht mehr", sagt Josef, der den Fridays nahesteht. Wie viele hier trägt er Overall samt Kapuze und FFP2-Maske, um sich vor dem Staub und seine Identität zu schützen. Die Besetzer wollen sich weder auf Fotos sehen noch ihren Namen in der Zeitung lesen. Sie agieren vorsichtig, bedacht, achtsam.

Sie sind eine neue Generation von Besetzern. Sie verfolgen ihr Ziel unbeirrt, sie knüpfen Kontakte, vernetzen sich. "Wir informieren uns in unserer Organisationsgruppe gegenseitig", sagt etwa die 21-jährige Kira und meint damit ihren Freundeskreis. Die Besetzung der Stadtstraßen-Baustelle setzen sie wie ein Projekt um, gewissenhaft, verbissen, voller Energie. Ihr Auftritt in den sozialen Medien gleicht dem eines modernen Unternehmens. "Ich will aus der Besetzung etwas lernen", sagt Kira. In gewisser Weise sind sie Karrieristen für die Sache. Neben der existiert auf der Baustelle wenig. Alles dreht sich um gesellschaftspolitisch relevante Themen, um Sexismus, Homophobie, die Gleichstellung der Geschlechter, Rassismus, Naturschutz. Sie achten auf Awareness, rügen ihre Mitstreiter, wenn sie beim Sprechen nicht Gendern. Die Besetzung ist nicht nur Akt des Widerstandes gegen autozentrierte Verkehrspolitik, sie soll auch zeigen, wie ein besseres Zusammenleben funktionieren kann, ohne einer gemeinsamen politischen Ideologie zu folgen.

Pensionisten, Arbeiter, Lehrlinge, Beamte sitzen keine in der Baggerschaufel. Die Gruppe der Aktivisten ist wenig divers. Sie rekrutiert sich aus Studenten und Schülern. - © Winterer
Pensionisten, Arbeiter, Lehrlinge, Beamte sitzen keine in der Baggerschaufel. Die Gruppe der Aktivisten ist wenig divers. Sie rekrutiert sich aus Studenten und Schülern. - © Winterer

Das alles ist beachtlich und zeugt vom nötigen Ernst, mit den die Aktivisten hinter ihren Anliegen stehen. Doch der kann schnell als Bierernst verkannt werden, als altkluges Gehabe, für das die Jugendlichen in großen Teilen konservativer Kreise auf Ablehnung stoßen.

Ein Hauch von Strebsamkeit liegt über dem Protestcamp. Er unterscheidet die neue Klimabewegung eklatant von anderen Protestbewegungen, etwa der Hausbesetzerszene. In einer hochpolitischen linken, oft auch anarchistischen Ideologie verhaftet, war ihr Habitus immer auch spielerisch, oft sogar komisch. Er speiste sich etwa aus der Gegenkultur des Punk mit seinem zentralen Leitsatz: Jeder kann alles. Diese Scheiß-drauf-Attitüde war nonkonformistisches Konzept. Konzerte, Lesungen, Flyer malen, ästhetischer Ausdruck, Dosenbier trinken, Abhängen, der Spaß an der Sache waren mindestens genauso wichtig, wie die Ziele der Besetzung selbst.

Die Mobilisierung stockt

Diese Leichtigkeit fehlt in der Donaustadt. Das wird langsam zum Hemmschuh. Die Mobilisierungs-Maschinerie der FFF ist ins Stocken geraten. Der Funke, der mit der Besetzung vergangenen Montag entstand, braucht Zunder. Wenige Aktivisten halten die Stellung. An sonnigen Wochenendtagen werden sie mehr, unter der Woche bleiben die Zelte oft leer. Insgesamt wächst ihre Anzahl nur zögerlich. Eine Bewegung - wie die Besetzung der viel zitierten Hainburger Au Mitte der 1980er-Jahre - sind sie nicht. Dabei ist ihr Anliegen ähnlich dringlich. In den sozialen Netzwerken ernten sie Solidaritätsbekundungen ohne Ende, auf die Baustelle selbst kommen die wenigsten. In den 1990er-Jahren lockten Feste die Menschen in die besetzten Wiener Häuser, etwa ins Ernst-Kirchweger-Haus im 10. Bezirk. Auch die Studentenproteste der Unibrennt-Bewegung lebten von Konzerten und Party. Jeden Abend feierten Hunderte im Audimax der Uni Wien. Manche blieben und identifizierten sich mit den Inhalten der Aktivisten.

Die Besetzer der Stadtstraßen-Baustelle wollen das nicht. "Wir haben uns dezidiert entschieden, nicht durch Partys zu mobilisieren, wir wollen, dass die Menschen kommen, weil sie Stadtstraße und Lobautunnel verhindern wollen", sagt Hohl. Das geplante Konzert einer größeren Band wurde nach dem Entschluss sogar wieder abgesagt.

- © Winterer
© Winterer

Und so bleiben die Besetzer weitgehend unter sich. Die Gruppe ist wenig divers. Studenten, Schüler, viele Minderjährige. Sarah ist erst 14 und brennt für den Klimaprotest. "Hier wird Politik auf dem Rücken meiner Generation gemacht", sagt sie. Wie die meisten Aktivisten kommt sie aus gutbürgerlichem Elternhaus, besucht ein Gymnasium, will später studieren. Auf der Baustelle steht die akademische Elite der Zukunft. Lehrlinge, Arbeiter, Angestellte, Beamte, Pensionisten sitzen nicht in den Baggerschaufeln. Wenige Anrainer kommen vorbei und versorgen die Besetzer mit Wasser und Lebensmitteln.

"Der Großteil der Hirschstettner ist gegen die Stadtstraße und ist den Demonstranten positiv gesinnt", sagt Jürgen. Der 45-jährige wohnt seit seiner Geburt im Grätzel. Er weiß, wie auf den Stammtischen über die Verkehrspolitik der Stadtregierung geschimpft wird. "Wir versinken im Stau. Hier campen werden die Hirschstettner trotzdem nicht, sie haben Verpflichtungen und Sorgen, müssen sich um ihre Kinder kümmern und in die Arbeit gehen", sagt er. Der Protest der Klimaschützer ist kein gesamtgesellschaftlicher, obwohl sein Anlass alle betrifft.

Laissez-faire aus Kalkül

Das wissen auch Stadt und Asfinag. Die Stadtstraße wird von der Stadt Wien gebaut, die besetzte Baustelle an der Anschlussstelle zur Autobahn betreibt aber die Autobahngesellschaft. Beide geben sich gelassen. An eine Räumung denkt niemand. Ganz im Gegenteil. Man suche den Dialog mit den Besetzern, heißt es von der Asfinag. "Täglich kommt jemand von der Asfinag vorbei und schaut, ob sich niemand auf der Baustelle verletzt hat. Sonst machen sie eigentlich nichts", sagt Besetzerin Kira. "Auch die Stadt und die Polizei unternehmen nichts gegen uns. Die Baggerfahrer haben mit uns geplaudert." In Kiras Stimme schwingt Enttäuschung mit. Endlich hat sich die Bewegung zum breiten zivilen Ungehorsam durchgerungen - und jetzt ist es allen egal.

Hinter der Laissez-faire-Haltung der Projektbetreiber steckt freilich Kalkül. Sie wollen keine Bilder von Polizisten, die Kinder wegzerren. Und in absehbarer Zeit könnten sich ihre Probleme von selbst lösen. Der Herbst kommt, die Nächte werden kälter, das Semester an den Universitäten startet wieder. "Sie lassen uns ausbluten", sagt ein Besetzer und blickt auf die Kolonne, die sich im Schritttempo durch Hirschstetten schiebt. Doch so einfach geben sich die Aktivisten nicht geschlagen. Erste Pläne das Camp winterfest zu machen, schmieden sie bereits.

Denn der Kampf ist noch lange nicht vorbei. Scheitert die Besetzung, kommt die nächste. Die Stadtstraße ist erst die Vorhut. Trockentraining für den Ernstfall - den Tunnel unter der Lobau.