Pro Kauf ein Spritzer! Das weiße Blatt - mit dem doch recht guten Angebot - klebt an der Kante eines Biertischs, darauf ein Haufen Vintage-Kleidung - von bunten Jacken aus den 70ern über Levis 501 Jeans bis hin zu abgetragenen Converse. Hinter dem Tisch sitzen drei junge Frauen, lächelnd hält die eine das Mineralwasser in der Hand, die andere den Wein und die dritte schließlich die Geldbörse. Alles bereit, um jeden, der hier vorbeikommt und etwas kauft, den versprochenen Spritzer einzuschenken. Der Tisch steht inmitten des Parkareals des ehemaligen Sophienspitals. Hier findet jeden Samstag der sogenannte "Wilde Flohmarkt" statt. Bunte Stände mit Kleidung, Büchern und Schmuck laden Wienerinnen und Wiener ein, hier ihre Samstagnachmittage zu verbringen. Das Areal unweit des Wiener Westbahnhofes hat seine Tore aber noch nicht allzu lange geöffnet. Erst seit April 2020 ist der Park des Sophienspitals für die Bevölkerung zugänglich. Als eine der doch eher wenigen Grünflächen im 7. Bezirk bietet er Platz für Flohmärkte, Outdooryoga oder einfach zum Entspannen. Nicht mehr lange. Ende September schließt er seine Pforten schon wieder.

Doch beginnen wir von vorne. Die offizielle Eröffnung des alten Spitalgeländes erfolgte im Zuge einer Zwischennutzung im Juni 2020. Vereinzelt war das Gelände bereits davor auf der kulturellen Landkarte Wiens aufgetaucht. WEST - so der Name des Projektes - bat seit dem Sommer im Vorjahr neben der Zugänglichkeit des Parks auch für etwa eineinhalb Jahre die Möglichkeit, temporäre Büro- und Atelierräume zu mieten, aber auch für Workshops, Seminare und Events waren die Räume des sogenannten Europa-Pavillons vorgesehen.

Der historische Trakt bleibt. - © apa / schreinerkastler
Der historische Trakt bleibt. - © apa / schreinerkastler

Corona, der Strich durch die Rechnung

"Bei Zwischennutzungen geht es um Leerstandsvermeidungen, Ressourcenschonung und um die Schaffung eines leistbaren Raumes für Kunst, Kultur, Bildung, Soziales, die Kreativwirtschaft", so Katharina Egg von Kreative Räume Wien. Dazu beauftragt wurde die Agentur art:phalanx. Sie konnte mit ihrem Konzept zur Leerstandsaktivierung bei einem Wettbewerb des Wohnfonds Wien überzeugen und übernahm die Projektleitung. "Durch die Aktivierung des leerstehenden Areals konnte man sehr viel Potenzial herausschöpfen", sagt Suzanna Futterknecht von art:phalanx. "Für uns war es ein Prestigeprojekt zur Community-Bildung".

So soll das Areal 2024 aussehen. 180 geförderte Wohnungen werden neu gebaut. - © apa / schreinerkastler
So soll das Areal 2024 aussehen. 180 geförderte Wohnungen werden neu gebaut. - © apa / schreinerkastler

Doch das Projekt wurde sehr stark von der Corona-Pandemie beeinflusst, Gastronomiebetrieb, Veranstaltungen und Workshops konnten über die Dauer der nahezu kompletten Zwischennutzung de facto gar nicht eröffnen. "Wir versuchten, Veranstaltungen im Rahmen der jeweils vorherrschenden Sicherheitsmaßnahmen abzuhalten" so Futterknecht.

Die eineinhalb Jahre der Zwischennutzung sind mit Ende September vorbei. Der Bauträger, der sich im Zuge eines Bauträgerwettbewerbes den Auftrag sicherte, Sozialbau AG und WBV-GPA, entschied sich gegen eine Verlängerung des Zwischennutzungs-Vertrages. "Wir sind alle ein bisschen traurig darüber", so Futterknecht, "die Verträge der Nutzer wurden bis Ende August ausgestellt und wir übergeben dann spätestens Ende September die Räume an den Bauträger."

180 geförderte Wohnungen, ein Kindergarten, eine Volksschule, Co-Working Spaces und verschiedene Pop-up-Stores, so sieht das Konzept des Bauträgers aus. Für das Vorhaben bleiben die denkmalgeschützten Gebäude erhalten, der erst 1999 erbaute Europa-Pavillon, in dem die derzeitige Zwischennutzung stattfindet, wird hingegen abgerissen.

Für den Wohnfonds Wien war die Zwischennutzung des Sophienspitals ein voller Erfolg. "Die Öffnung der teilweise denkmalgeschützten Gebäude haben über die Bezirksgrenzen hinaus Interesse an der Geschichte des Areals geweckt und viele Besucher angezogen." Auch art:phalanx zeigt sich zufrieden. "Wir denken, mit der Zwischennutzung konnten wir das Areal nachhaltig prägen."

Die Betreiber des Projektes ziehen also positive Bilanz, die Nutzer der Räume sehen das etwas anders. "Unter den gegebenen Umständen ist es gut gelaufen", so Stephanie Drlik, Geschäftsführerin der österreichischen Gesellschaft der Landschaftsarchitektur (ÖGLA). Mit den gegebenen Umständen meint sie die Corona-Pandemie. "Generell hat es sich einfach nicht so wirklich ausgezahlt". Die ÖGLA war eine der ersten Nutzer, die in den ehemaligen Räumen des Sophienspitals einzogen, schon im Februar 2020, Monate vor der offiziellen Eröffnung, aber eben auch kurz vor dem ersten Lockdown. Diese besonderen Umstände machten eine Nutzung, so wie sie ursprünglich geplant war, einfach nicht möglich, meinte Drlik. So hoffte zu mindestens die ÖGLA, dass sich die Vertragsfrist noch verlängert. "Wir haben uns gedacht, es würde noch länger gehen. Man konnte es durch Corona gar nicht richtig ausschöpfen, deshalb sind wir schon sehr traurig, dass wir raus müssen".

Böses Ende in der Nordbahnhalle

Man wäre gerne länger geblieben. Diesen Satz hört man am Ende von Zwischennutzungsprojekten oft. Wir erinnern uns an die Nordbahnhalle. Angefangen als Lehrveranstaltungsprojekt der TU Wien, etablierte sich die alte Halle des Nordbahnhofes zu einem gut besuchten, meist ausgebuchten Ort für Veranstaltungen. In zwei Jahren erschufen sich die Wienerinnen und Wiener dort einen Ort, der als Paradebeispiel einer guten Zwischennutzung gilt. Aber der Schein trügt, im Juli 2019 war Schluss, die Stadt Wien sperrte das Areal zu - die Leerstandsaktivierung war beendet. Schnell bildete sich die Bürgerinitiative "SOS Nordbahnhalle". Mit mehreren tausenden Unterschriften wollten Anrainer, Stadtplaner und Aktivisten gegen die Schließung der Halle vorgehen. Vergebens, nach einem Brand in der Halle im November 2019 stand der Abriss dann endgültig fest. Im Dezember begannen Bagger das Gebäude abzureißen.

Zwischennutzung als Versuch, Dinge zu etablieren

Solche Entwicklungen stellen Zwischennutzungen vor eine schwierige Herausforderung. Am Ende steigt meist niemand gut aus. Eigentümer oder Stadtverwaltung stehen als Spielverderber da, die Bürger bleiben verärgert zurück. "Zwischennutzungen können nur dann funktionieren, wenn alles gut organisiert ist", so Stephanie Drlik von der ÖGLA. Sie nennt drei Gründe, warum für die ÖGLA das Projekt WEST als Zwischennutzung für ihre Büroräume so attraktiv war. Kurzfristig, günstig und ganz im Sinne von Gemeinschaft. Als besonders gelungen empfand sie das Sharing-Prinzip. Unterschiedlichste Unternehmen, Start-ups und Initiativen arbeiten an einem gemeinsamen Ort, oft teilen sie sich Büroräume oder Veranstaltungshallen - und leisten sich gegenseitig Hilfe bei Projekten.

Kompliziert wird es, wenn Nutzer am Ende der Vertragsfrist mit dem Auszug aus dem Gebäude nicht einverstanden sind, wie etwa am Nordbahnhof. Denn Zwischennutzung kann durchaus auch als Versuch gesehen werden, Dinge an Orten auszuprobieren. Funktionieren sie und erhöhen damit die Lebensqualität in einem Stadtteil, ist es legitim, dafür zu kämpfen, sie hier zu etablieren. Womöglich ist ein Kreativraum für bestimmte Grätzel sinnvoller als neuer Wohnraum oder Geschäftsflächen. Die Einigung mit den Eigentümern gestaltet sich in solchen Fällen meist schwierig.

Im Falle des Sophienspitals war es für die ÖGLA von Beginn an klar, die Zelte - nach Vertragsende - wieder abzubrechen. "Wir haben den Sozialbauträger als Partner gesehen", sagt Drilk. "Alles andere kann dem Gedanken der Zwischennutzung schaden, weil potenzielle Betreiber davor zurückschrecken, solche Projekte überhaupt entstehen zu lassen."

Mehrwert für Nutzer, Eigentümer und Stadt

Denn Zwischennutzungsprojekte sind wichtig für eine Stadt wie Wien. "Leerstandsbelebung bietet Mehrwert für Nutzer, Eigentümer und auch die Stadt. Um neu zu beleben, müssen aber auch neue Ideen angenommen werden - und das erfordert ein wenig Mut", sagt Katharina Egg von Kreative Räume Wien. Im Idealfall gibt es eine klare Absprache zwischen Betreiber und Nutzer - auch über längerfristige Erwartungen. Beide Seiten sollten profitieren.

So wie vom verlockenden Spritzer-Angebot. Eine günstige Hose plus Getränk gibt es nicht überall. Im Park des Sophienspitals jetzt auch nicht mehr.