In Unter St. Veit zeigt Wien seine gediegene Seite. In den Straßenzügen wachsen satte Linden in den Himmel. Unter ihnen parken teure Familienautos vor vornehmen Villen. In der Larochegasse 3 steht das Haus Scheu. Zwischen den feudalen Fassaden wirkt der schlichte, weiße Bau fast unscheinbar. Doch das Haus Scheu ist ein architektonisches Kleinod. Es ist das erste Terrassenhaus Europas, erbaut von Adolf Loos.

Seit wenigen Tagen herrscht Wirbel um das Haus Scheu. Ein Gerüst und eine kleine Hebebühne stehen vor seiner Front, Baulärm dringt durch die Fenster. Im Haus wird offensichtlich gebaut. Das Problem: Weder das Bundesdenkmalamt (BDA) noch die MA 37 (Baupolizei) wussten Bescheid. Keines der beiden Ämter stellte für den Umbau eine Genehmigung aus. Die bräuchte es aber von beiden.

Denn das Haus Scheu sollte samt Inneneinrichtung eigentlich gut geschützt sein. "Alle Veränderungen, die Bestand und Erscheinung des Gebäudes beeinflussen können, benötigen gemäß Denkmalschutzgesetz eine Bewilligung", heißt es aus dem BDA auf Anfrage der "Wiener Zeitung". Bereits seit 1971 steht das Haus unter Denkmalschutz. Aus gutem Grund. Das Haus Scheu ist aus architektonischer und gesellschaftlicher Sicht schützenswert.

Wiens erstes Flachdach

1912 wurde die Villa im Hietzinger Stadtteil St. Veit fertiggestellt. Bauherren waren die Eheleute Scheu - die Verlegerin und Schriftstellerin Helene Scheu-Riesz und der Rechtsanwalt und sozialdemokratische Stadtrat Gustav Scheu. Die Pläne zeichnete niemand Geringerer als der Wegbereiter der Moderne - Adolf Loos. Der Wiener Architekt setzte mit dem Haus den ersten Terrassenbau Mitteleuropas um. Die Stadt bekam ihr erstes Flachdach. Architektur-Granden wie Mies van der Rohe und Le Corbusier bezogen sich auf die Villa in Hietzing. "Das Haus Scheu ist einer der wichtigsten Bauten von Loos, der noch im Originalzustand erhalten ist", sagt Monika Platzer vom Architekturzentrum Wien. Die befreundeten Scheus brachten Loos die Siedlerbewegung näher. Die Wohnräume öffnen sich zum Garten hin. Jede der drei Wohnebenen hat seine eigene Dachterrasse. Auch die Inneneinrichtung gestaltete Loos selbst - vorwiegend Einbaumöbel aus Eichenholz. Der nüchterne Stil des Architekten wurde im Haus Scheu radikal umgesetzt.

Helene Scheu-Riesz führte im Haus einen Salon, in dem Künstler wie Alban Berg, Oskar Kokoschka - aber auch Loos selbst - ein und aus gingen. "Der elitäre Zirkel war das intellektuelle Zentrum der Wiener Gartenstadtbewegung", sagt der Architekt Jürgen Radatz, der sich in der Aktionsgruppe "Bauten in Not" engagiert.

In der Vergangenheit wurde mit dem Haus behutsam umgegangen. Die unterschiedlichen Eigentümer kannten seine Vergangenheit. Sie veränderten nichts, kauften sogar Möbel von Loos zu.

Ende August dieses Jahres wechselte das Haus wieder seinen Besitzer. Kurze Zeit später stand ein Gerüst vor seiner Fassade. Die Gruppe "Bauten in Not" verständigte BDA und Baupolizei. Keine der beiden Behörden wussten von Umbauarbeiten. "Wir waren nicht informiert", heißt es aus dem BDA. "Die MA 37 hat keine Genehmigung für den Umbau ausgestellt", heißt es aus dem Büro der zuständigen Stadträtin Kathrin Gaal. "Wir waren mit dem Eigentümer in Kontakt. Für die Genehmigung fehlten Unterlagen." Trotzdem beauftrage der Bauherr die Arbeiter.

Laut Grundbuch heißt er Stefan Tweraser. Gegenüber der Tageszeitung "Presse" gab er an, sich der historischen Bedeutung dieses "Juwels" bewusst zu sein. Leider sei das Haus aber in einem "technisch fürchterlichem Zustand". So habe er etwa begonnen, Heizkörper zu entfernen.

BDA verhängt Baustopp

Das BDA machte dem Umbau nun ein jähes Ende und verhängte einen sofortigen Baustopp. Bei einer Besichtigung stellten die Beamten fest, dass "wandfeste Ausstattung abgenommen wurde", wie es gegenüber der "Wiener Zeitung" heißt. "Soweit derzeit zu sagen ist, scheinen diese Arbeiten fachgerecht vorgenommen worden zu sein und können daher wieder rückgeführt werden." Auch die Architektur-Experten von "Bauten in Not" waren in der Larochegasse. "Im Ober- und Untergeschoß wurden vom neuen Eigentümer etliche Wandteile entfernt, auch Wand- und Bodenfliesen - angeblich keine originalen Ausbauteile von Loos, so der Eigentümer. An zahlreichen Stellen sind Leitungen freigelegt", sagt Radatz. Wiederholt habe der Eigentümer festgestellt, dass er das Haus in denkmalgerechtem Zustand erhalten und bewohnen will.

Erst einmal werden die Arbeiten aber ruhen. Das BDA ordnete bauhistorische Untersuchungen an. Jede weitere Arbeit müsse den Vorgaben des Denkmalschutzes und der Bedeutung des Hauses entsprechen.