"Die U-Bahn-Linie 4 kann derzeit nur in unregelmäßigen Abständen fahren." Aus den Lautsprechern am Bahnsteig tönt eine Stimme. Die Menschentraube in der Haltestelle löst sich auf. Sie sucht Ausweichmöglichkeiten. Doch nicht alle Personen verstehen die Störungsmeldung, einige Fahrgäste können sie gar nicht hören.

Rillen auf dem Bahnsteig, Niederflurtechnik, Aufzüge und Rampen in Haltestellen. Der Wiener öffentliche Verkehr wird zunehmend barrierefrei. Durchsagen sind es weiterhin nicht. Am Dienstag präsentierten die Wiener Linien daher Gebärdenavatare für gehörlose Personen. Sie sollen in Videos relevante Echtzeitinformationen an gehörlose Fahrgäste vermitteln. Die Wiener Linien arbeiten dafür etwa mit der TU Wien und den Wiener Lokalbahnen zusammen. Die Technologie dahinter kommt von der Firma "Sign Time". Sie übersetzt Informationen in animierte Gebärdensprache. Solche Meldungen, etwa zu Verspätungen oder Störungen, sollen anschließend über bestehende Apps (WienMobil) übertragen werden.

"Es geht darum, den Zugang so niederschwellig wie möglich zu gestalten", so Alexandra Reinagl, Geschäftsführerin der Wiener Linien. 2020 sei man in die Pilotphase gestartet. "Wenn das Pilotprojekt funktioniert, dann wäre es ein weltweiter Meilenstein für die barrierefreie Kommunikation im öffentlichen Raum", sagt Reinagl. Anfang Oktober beginnt die Einbindung in eine Test-App. Danach wird erhoben, ob die Technologie für Gehörlose im Alltag nutzbar ist. 2022 wollen die Wiener Linien mit Live-Tests starten und die Avatare letztlich auch für Monitore und Anzeigen nutzen.

Gehörlose in Entwicklung eingebunden

"Aktuell fokussieren wir auf die österreichische Gebärdensprache (ÖGS) und Störungsmeldungen für die U-Bahnen", so Nicole Ringer, Wiener Linien Projektleiterin für die Gebärdenavatare. "Wir haben die Bedürfnisse von gehörlosen Personen erhoben. Gebärdensprache ist ein wichtiger Bestandteil für die Informationsvermittlung und meist die Muttersprache. Viele können nicht unbedingt lesen", sagt Ringer. Eine rein textliche Vermittlung der Meldungen durch die deutsche Schriftsprache sei daher nicht optimal. "Die Grammatik der Gebärdensprache ist anders und so auch die Sinnerfassung. Wir sind visuelle Menschen mit einer visuellen Sprache", sagt Sign Time Mitarbeiterin Claudia Schweinzer, die selbst gehörlos ist.

"Im Haltestellenbereich Donaustadtbrücke U2 ist an der Weiterfahrt gehindert wegen eines Verkehrsunfalls". So sieht eine Störungsmeldung in der ÖGS-Grammatik aus. Die animierte Frau auf dem Bildschirm trägt ein weißes Oberteil mit dem Wiener Linien-Logo. Ihre Hände und Arme bewegt sie in konkreten Abfolgen - der Gebärdenavatar "Iris" spricht die ÖGS.

"Wir wollen die Technik nicht entwickeln und den Personen überstülpen, sondern Gehörlose in die Entwicklung einbeziehen", sagt Schweinzer. Man sei offen für Feedback. Eine Befragung habe etwa ergeben, dass sich Gehörlose über die Videos freuen, aber auch Untertitel wollen. Diese seien folglich an die Gebärdensprache-Grammatik angepasst.

Täglich nutzen etwa 2,6 Millionen Personen die Wiener Linien. "Es geht um die Möglichkeit selbstbestimmt unterwegs zu sein, ohne Begleitperson", so Hans-Jürgen Gross, Konzernbeauftragter für Barrierefreiheit bei den Wiener Stadtwerken. Laut Daten der österreichischen Plattform für Gesundheitskompetenz leben in Österreich rund 8.000 bis 10.000 gehörlose Personen, die Hälfte davon in Wien.