Mehrere Aktivisten von Greenpeace haben am Donnerstag den Vorraum des Büros von Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) besetzt, um den sofortigen Stopp des Lobautunnels und der geplanten Stadtstraße Aspern zu fordern. Ein zehn Meter langes Banner mit den Worten "Lobau bleibt" wurde auf dem Gerüst des westlichsten Rathausturms platziert.

Nach der Protestaktion im Rathaus kündigte der Bürgermeister verstärkte Sicherheitsmaßnahmen an. An den Klimasorgen der Aktivisten ändert das wenig. - © apa / Greenpeace / Dennis Todorov
Nach der Protestaktion im Rathaus kündigte der Bürgermeister verstärkte Sicherheitsmaßnahmen an. An den Klimasorgen der Aktivisten ändert das wenig. - © apa / Greenpeace / Dennis Todorov

Ludwig übte Kritik am Protest. "Als Bürgermeister und Landeshauptmann bin ich der Republik Österreich verpflichtet, der Bundesgesetzgebung genauso wie den Entscheidungen des Gemeinderates und des Landtages in Wien. Ich habe mich auch in der Vergangenheit nie unter Druck setzen lassen, nicht von politischen Parteien, nicht von Medien und nicht von Aktivitäten auf der Straße", betonte er. Politische Entscheidungen müssten so getroffen werden, dass Mandatare das freie Mandat ausüben könnten. Um dies zu gewährleisten, werde er die Sicherheitsvorkehrungen im Rathaus verstärken, so Ludwig.

Zusammenhalt lindert Angst

Erst am Montag hatte die Klimaprotestbewegung Extinction Rebellion die Zentrale der SPÖ in der Löwelstraße wegen des Baus der Stadtautobahn in Hirschstetten besetzt. Und das Protestcamp gegen den Lobautunnel in der Donaustadt gibt es schon seit drei Wochen. Entschlossenheit ist den Aktivisten dort ins Gesicht geschrieben. Bunt ihre Overalls, weiß ihre Masken. Jung, beharrlich und mit einem Ziel: das Lobautunnel- und Stadtstraßen-Projekt stoppen. Der Motor für die Veränderungswünsche der jungen Menschen ist unter anderem Angst. "Natürlich lösen die Klimakrise und das Wissen, dass unsere Zukunft auf dem Spiel steht, große Angst aus. Viele junge Menschen sind verzweifelt", sagt Mirjam Hohl von Fridays for Future zur "Wiener Zeitung".

Mit diesen Sorgen sind die Protestierenden in Wien nicht allein. Angst sei laut der 2019 gegründeten Initiative "Psychologists and Psychotherapists for Future" (Psy4f) eines von verschiedenen Gefühlen, die Menschen in Bezug auf die Klimakrise und ihre ökologischen, sozialen und gesundheitlichen Folgen empfinden können. "Es handelt sich dabei um eine natürliche und gesunde Reaktion gegenüber einer existenziellen Bedrohung. Angst signalisiert uns diese Gefahr, sorgt also dafür, dass wir sie erkennen und noch rechtzeitig handeln können", sagt Diplom-Psychologe Felix Peter.

Von Angst merkt man auf den besetzten Baustellen oberflächlich nichts. Aber ihre Sorgen um die klimatischen und klimapolitischen Folgen des Asfinag-Projekts sind für die Aktivisten omnipräsent. Zwischen aufgeschlagenen Zelten und aufgeschütteten Erdhügeln harren die Besetzer aus. "Klimaangst habe ich grundsätzlich sicher auch, aber da ich etwas mache, verdränge ich das ein wenig. Hier ist auch nicht der Raum, um darüber zu diskutieren. Wir sind jetzt hier und es gibt viel zu tun", erzählt eine der Aktivistinnen vor Ort. "Das Gemeinschaftsgefühl in der Klimagerechtigkeitsbewegung ist großartig", sagt Hohl. Der Austausch mit anderen Personen, die sich für dieselbe Sache engagieren und die gleichen Ängste und Hoffnungen teilen, könne dabei helfen, mit Klimaangst umzugehen.

Eine Einschätzung, die auch von Psy4F geteilt wird. "Formen des Engagements gegen die Klimakrise und für einen wirksamen Klima- und Umweltschutz sind die beste Möglichkeit, mit Klimagefühlen und durch die Klimakrise verursachten Stress und Sorgen umzugehen." In der Psychologie werde dies als problemfokussierte Bewältigung bezeichnet. "Am besten eignen sich gemeinsame Formen des Engagements, weil so eine größere Wirksamkeit erzielt werden kann", so Peter.

Größte Sorge Klimawandel

"Wir können anhand von Umfragen beobachten, dass während der Pandemie die Bedeutung der Klimakrise für die Menschen nicht nachgelassen hat, obwohl sie mit ganz anderen, konkreteren Sorgen beschäftigt waren", erzählt Peter weiter. "Es gab auch angesichts umgesetzter Maßnahmen zur Pandemieeindämmung und von erlebter Solidarität eine zeitweise Stärkung der Zuversicht, dass über politische Entscheidungen und gemeinsame Anstrengungen auch schwierigste Krisen bewältigt werden können." Eine Studie des Instituts für Jugendkulturforschung im Auftrag des SOS-Kinderdorfs titelte im September 2020 damit, dass 85 Prozent aller Kinder und Jugendlichen Angst um den Planeten hätten. 72 Prozent der Befragten hätten zudem das Gefühl, Fehler älterer Personen im Klimaschutz "ausbaden" zu müssen.

"Was wir ausbaden, ist die Verantwortungslosigkeit von kurzsichtigen Politikern", so Hohl. In Bezug auf die aktuelle Besetzung wird auch durch die Lobau-Aktivistin vor Ort eine ähnliche Einschätzung getroffen. Die Entscheidung für das Projekt sei vor Jahren und in einer Zeit getroffen worden, in der das Ausmaß der Klimakrise noch nicht derartig im Bewusstsein der Bevölkerung verankert war. Dies sei laut der Aktivistin jedoch kein Grund, das Projekt trotzdem durchzuziehen. "Im Gegenteil. Gerade deswegen nicht, weil sich die Umstände geändert haben. Im Endeffekt ist ein Baustopp das Beste, auch wenn es nur ein Projekt ist und die Klimakrise nicht stoppen wird."