Stadtstraßenbesetzung und Zwentendorf: Historisch liegen die beiden Ereignisse in unterschiedlichen Jahrtausenden. Der Umweltschutzgedanke hat die Jahrzehnte jedoch überdauert, er ist gewachsen. Während junge Klimabewegungen gerade erst anfangen, möchte das Wiener Karl von Vogelsang Institut Erinnerungen an die Vergangenheit des österreichischen Umweltschutzgedankens bewahren - als Teil einer Erinnerungsdatenbank. Als subjektive Zeugnisse zu ausgewählten Themen der österreichischen Geschichte, die Generationen geprägt haben.

"Erinnerungen sind wertvoll, von jedem", sagt Johannes Schönner, Geschäftsführer des Instituts, über das Oral-History-Projekt. Mit der Erinnerungsdatenbank möchte er verhindern, dass Wissen verloren geht. Viele Menschen hätten niemanden, dem sie ihre eigene Geschichte erzählen können, oder fänden keine geeignete Plattform, um ihre Erinnerungen zu teilen.

Neben Erinnerungen gehören jedoch vor allem Schriftgut, Plakate und Fotografien zur Sammlung des Instituts. Als nichtuniversitäre wissenschaftliche Einrichtung widmet es sich unter anderem der Archivdokumentation. Konkret etwa der Aufbewahrung und Dokumentation der christlich-sozialen Politik Österreichs, ebenso des Archivguts der österreichischen Volkspartei. Schönner betont jedoch, dass die Erinnerungsdatenbank überparteilich agiert.

"Unser Ziel ist eine lebendige Homepage, deren Lebensgeschichtliche Datenbank gleichrangig neben dem politischen Schriftgutarchiv des Karl von Vogelsang Instituts aufscheint", schreibt das Institut. Im diesem Jahr widmet sich das Institut Erinnerungen zu der "Entwicklung des Umweltschutzgedankens in Österreich seit 1945", im vergangenen Jahr waren es Erinnerungen an den "Eisernen Vorhang" in einem geteilten Europa. Insgesamt hat die Erinnerungsdatenbank so bisher rund 150 Beiträge erhalten.

"Das Umweltthema ist im Augenblick enorm relevant. Es hat uns aber als Institut auch in den letzten Jahren schon sehr begleitet", meint Schönner. Die Auswahl des Themas sei jedoch kein "Anbiedern an den Zeitgeist". Der Aktualitätsfaktor habe sicherlich mitgespielt, vielmehr jedoch die historische und prägende Bedeutung für Österreich. Es wird nach Schlagworten wie "Zwentendorf" und "Hainburger Au" gefragt, nach persönlichen Erinnerungen und dem Einfluss auf individuelle Einstellungen. Ereignisse wie Hainburg seien "singulär", eine "Heldengeschichte", gewesen, wenige Themen hätten zeitgleich damit konkurriert. Gegenwärtig passiere jedoch alles nebeneinander: Lobautunnel, Ablehnung der Marchfeld-Schnellstraße, große Bauprojekte.

"Wir wollen eine österreichweite Erinnerungsdatenbank von politisch-zeithistorischen Perioden nach 1945 schaffen", betont Schönner. Mittels Zeitzeugenerinnerungen könne man historisch einschneidende Erlebnisse weiter untersuchen. Die Jahresthemen gibt das Institut vor, die Einsendungen erfolgen schriftlich. Die schriftliche Aufarbeitung von Erinnerungen sei dabei etwas anderes, als wenn jemand mündlich erzählt.

"Mündlich wird von dem, der die Geschichte hört, gefiltert. Schriftlich ist es eine authentische Quelle von jemandem, der es erlebt hat. Natürlich ist jede Geschichte aber subjektiv", so Schönner. Man wende sich jedenfalls an alle, die ihre Erinnerungen teilen möchten. Aktuell sind jedoch lediglich zwei Erinnerungen repräsentativ auf der Website des Instituts abrufbar. Das liege am Datenschutz, erklärt der Geschäftsführer.

Zeitzeugen zusammenbringen

Das Ziel ist es jedoch, die Erinnerungsdatenbank in absehbarer Zeit der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Erst wenn das juristisch möglich sei, könne man zudem - neben dem derzeit rein wissenschaftlichen Ansatz der Archivierung und Speicherung der Erinnerungen - auch daran arbeiten, Zeitzeugen zusammenzubringen und eine Art "Erinnerungscluster" zu bilden. Wissenschaftlich gehe es vor allem um das Sammeln und mit Einverständnis der Zeitzeugen auch um das Aufarbeiten für Museums-, Ausstellungs- und Publikationsprojekte.