In Wohnungen gibt es einen magischen Ort. Meist befindet er sich in einer abgelegenen Ecke, unter dem Bett, in einem Regal auf dem Klo, in einem Schrank, oder einfach nur in einer Lade. Der Ort zieht Dinge an. Einen alten Staubsauger, ein Bügeleisen, einen Tintenstrahldrucker ohne Patronen, Kochtöpfe, eine Babywippe, einen Gartenzwerg, einen Selfiestick, eine Yoga-Matte, die Kuckucksuhr, ein ausgestopftes Eichhörnchen, den Schiefen Turm von Pisa als Schlüsselanhänger, Kinder-Hörspiel-Kassetten, Einmachgläser plus Rex-Gummi, einen Fleischwolf, einen Sack voller Schuhe, einen einzelnen Skischuh, einen Sack voller Kuscheltiere, Taschenlampen, ein Schnurlostelefon, das Fondueset. Es handelt sich um Kramuri, um Klumpert aller Art. Man braucht ihn nicht (mehr), man schmeißt ihn nicht weg. Mehren sich in einer Wohnung Kramuri-Orte, werden sie zum Problem. Schnelle Abhilfe schaffen Selfstorage-Anbieter. Ihr Geschäft brummt. Es trifft den Nerv der Zeit.

Das Geschäftsmodell ist denkbar einfach. Für Mietzins bieten sie Lagerräume. Eingelagert werden kann alles, was nicht giftig, verboten, verderblich ist. Die Räume sind diskret, sauber, trocken und sicher. Die Gebäude werden videoüberwacht, sind meist mit Nummerncode betretbar, vor dem Abteil hängt das eigene Vorhangschloss. Selfstorage-Lager sind die Keller unserer Zeit.

Das Konzept kommt aus den USA. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts lagerte ein New Yorker Unternehmen den Hausrat der Oberschicht während deren Sommerfrische ein. In den 1960er-Jahren bauten Landbesitzer aus Texas kleine Baracken und boten sie Bewohnern von Appartements als Lagerflächen an. Sie gelten als die Geburtsstunde von Selfstorage-Anlagen. 60 Jahre später zählt die Federation of European Self Storage Association (Fedessa) in den USA rund 54.000 Standorte. Auf jeden Amerikaner kommen 0,7 Quadratmeter Lagerfläche.

14 Fußballfelder Lagerfläche

Verglichen damit, ist der europäische Markt klein. 5.000 Anlagen stehen auf europäischem Boden, der Großteil im Vereinigten Königreich. 0,02 Quadratmeter stehen jedem Einwohner im Schnitt zur Verfügung. In Österreich sind es 0,015. Rund 120 Standorte gibt es im Land. Doch die Branche wächst. Der Markt ist unterversorgt. Immer mehr Menschen wollen Dinge einlagern. Vor allem in Städten.

In Wien gehören die Lagerhäuser mittlerweile zum Stadtbild. 100.000 Quadratmeter Lagerfläche verteilen sich auf 60 Standorte. Das sind immerhin 14 Fußallfelder. Von Jahr zu Jahr kommen neue Anbieter dazu. Platzhirsch ist das Unternehmen MyPlace. Ende der 1990er-Jahre eröffnete Martin Gerhardus in Strebersdorf das erste Lager. Heute ist das Unternehmen Marktführer im deutschen Sprachraum. In Wien betreiben MyPlace zwölf Standorte, bis Ende des kommenden Jahres werden es 16 sein. "Wir vermieten in Wien 11.000 Lagerabteile auf 62.000 Quadratmetern", sagt Gerhardus gegenüber der "Wiener Zeitung". Selfstorage ist ein Phänomen der Großstadt. Am Land oder in der Kleinstadt ist der Markt begrenzt. Die Menschen haben genügend Platz in ihren Häusern. Deshalb konzentriert sich MyPlace auf Ballungsräume mit mindestens 200.000 Einwohnern - in Österreich bleiben Linz, Graz und Wien. Die Bundeshauptstadt will Gerhardus mit einem engen Stauraumnetz überziehen. "Jeder Wiener soll nur fünf Autominuten von seinem Abteil entfernt wohnen", sagt er.

Wie ein Fremdkörper steht das Flagship-Gebäude von MyPlace am Gaudenzdorfer Gürtel. Die funktionale Halle will nicht zu den Gemeindebauten und Gründerzeit-Ensembles der Gegend passen. Hinter der rot-grauen, beinahe fensterlosen Fassade verlaufen auf mehreren Etagen sterile Gänge. Sie führen an tausenden blauen Türen vorbei. Hinter ihnen lagern Briefmarkensammlungen, Autoreifen, Kleiderberge. "Alle unsere Standorte sind Neubauten", sagt Gerhardus. "Wir wollen unseren Kunden moderne, saubere und trockene Lagerflächen bieten." Sie befinden sich in riesigen Gebäuden. "Pro Stockwerk vermieten wir 5.000 Quadratmeter", sagt Gerhardus. MyPlace baut auf Brachen, in Baulücken, auf der grünen Wiese.

Blinde Erdgeschoßszonen

Das unterscheidet das Unternehmen von vielen Mitbewerbern. Der Anbieter Localstorage setzt etwa auf leerstehende Geschäftslokale im Bestand. Unter dem Slogan "Freie Lagerräume in Ihrer Nähe" vermietet die Firma kleinere Lagerflächen im innerstädtischen Bereich. "Derzeit verfügen wir über 15 Standorte und 1.100 Abteile", sagt der Vorstand von Localstorage, Michael Rajtora, gegenüber der "Wiener Zeitung". In der Wiedner Hauptstraße im 4. Bezirk sind die Schaufenster eines Geschäftslokals mit gelben Localstorage-Bannern verklebt. Als die Greißler, kleinen Modeboutiquen, Buchhandlungen in den 1990er-Jahren sukzessive zusperrten, wurden sie von Solarien, Nagelstudios, Wettcafés ersetzt. Nun nehmen Tiefgarageneinfahrten, Radabstellkeller, Lagerflächen ihren Platz ein. Sie bringen ganze Straßenzüge zum Erliegen. Erdgeschoße erblinden. Grätzel verlieren ihren Charakter. "Natürlich beleben Lagerflächen Straßen nicht besonders", sagt Rajtora. Die Alternative sei für die Grätzel allerdings auch nicht rosig - Leerstand. "Die meisten Lokale, in die wir uns einmieten, liegen bereits seit Jahren brach. Sie haben den Siegeszug des Online-Handels und der großen internationalen Ketten nicht überlebt. Wir bringen die Erdgeschoße wieder auf Vordermann. Leerstand bedroht schließlich auch die Bausubstanz." Die Eigentümer der Zinshäuser wären meist froh über den neuen Mieter.

Viele Anbieter von Stauräumen setzen auf leerstehende Gewerbeflächen im Bestand. Erdgeschoßzonen erblinden. Sind sie die Solarien unserer Zeit? - © Klaus Pichler / Wien Museum
Viele Anbieter von Stauräumen setzen auf leerstehende Gewerbeflächen im Bestand. Erdgeschoßzonen erblinden. Sind sie die Solarien unserer Zeit? - © Klaus Pichler / Wien Museum

Laut Rajtora trägt das Konzept von Localstorage - Leerstände zu bespielen - dazu bei, den Verkehr im Stadtzentrum zu reduzieren. "Unsere Kunden mieten meist Lagerflächen in ihrem Grätzl. Wenn sie die eingelagerten Skier für den Winterurlaub brauchen, können sie zu Fuß gehen und müssen nicht zu einer großen Halle am Stadtrand fahren", sagt er. Quasi ein Keller um die Ecke. 70 Prozent seiner Kunden sind Privatkunden. Bei MyPlace ist der Wert - mit 80 Prozent - noch höher. "Wir haben weniger Geschäftskunden, meist sind es Anwaltsbüros und Steuerberater, die Akten auslagern, oder kleine Handwerksbetriebe, die ihr Werkzeug bei uns verstauen. Das Gros der Abteile wird aber von Privatkunden gemietet", sagt Gerhardus. Sie lagern den Bauernschrank der verstorbenen Oma ein, die Plattensammlung, die einem Kinderzimmer weichen muss, Kleider, von denen sich die Besitzer nicht trennen wollen, alte Elektrogeräte, Vasen, Wäscheständer, Fahrräder. Die Liste an Dingen ist lang und vielfältig.

Neue Bedürfnisse

Die Menschen verbannen immer mehr Dinge aus ihren eigenen vier Wänden. Das war früher anders. Noch vor wenigen Jahren existierte Selfstorage in Wien nicht. Nun boomt der Markt. Haben sich die Bedürfnisse der Menschen verändert?

Die Antwort auf die Frage ist komplex. Der Run auf Lagerflächen hat mehrere Gründe. Einer davon liegt in der zunehmenden Mobilität der Menschen. "Mache lagern ihr Hab und Gut kurzfristig ein, während eines Auslandsaufenthalts, oder während der Suche nach einer größeren Wohnung", sagt Gerhardus. Ein anderer liegt auf dem Wiener Immobilienmarkt. Seit Jahren steigen Mieten und Immobilienpreise. Die Explosion der Kosten hat die Wohnverhältnisse der Wiener beeinflusst. Zwar sank - laut Statistik Austria - die durchschnittliche Wohnfläche pro Person von 2004 bis 2020 lediglich um 0,3 Quadratmeter (von 36,9 auf 36,6), trotzdem sind viele Wohnungen - vor allem von Familien mit geringem Haushaltseinkommen - überbelegt. Als überbelegt gilt eine Wohnung etwa dann, wenn mehr als drei Personen auf unter 70 Quadratmeter leben. In 9,2 Prozent aller Wiener Haushalte wohnten 2020 zu viele Menschen. 18,7 Prozent der Wienerinnen und Wiener waren betroffen. Die Schieflage des Mietmarktes führt außerdem dazu, dass es immer weniger Stauraum gibt. Jede Fläche wird für Wohnräume genutzt. Dachböden werden ausgebaut, Kellerräume und Speisekammern in den Plänen der Architekten ausgespart. Der Platz für Dinge schwindet.

Gleichzeitig werden sie immer mehr. Laut Statistischem Bundesamt besitzt jeder Deutsche im Schnitt rund 10.000 Gegenstände. Vor 100 Jahren waren es noch 180. Für Österreich gibt es keine konkreten Zahlen. Sie dürften ähnlich sein. Die Tendenz zeigt nach oben. Laut der Umweltschutzorganisation Global 2000 kaufen die Österreicher pro Jahr und Kopf 19 Kilogramm Textilien, was 60 Kleidungsstücken entspricht. Wir kaufen also mehr als ein Stück pro Woche. Weg kommt deutlich weniger. 35 Kleidungsstücke entsorgen wir wieder. Der Besitz wächst. Die Wohnungen werden von Jahr zu Jahr voller. Sie platzen aus allen Nähten. Ob wir die Dinge auch brauchen, ist dabei oft nebensächlich. Wichtig ist, dass wir sie kaufen.

Die Sucht nach Dingen

In unserer Gesellschaft verwischen die Grenzen zwischen Kaufsucht und gesellschaftlich akzeptiertem Konsum. Menschen, die unter Kaufsucht leiden, haben ihr Konsumverhalten nicht unter Kontrolle. Doch was bedeutet Kontrolle? Hat man sie verloren, wenn man sich 60 Kleidungstücke im Jahr kauft? Sind wir kollektiv süchtig - süchtig nach Dingen? Heroin macht süchtig. Es setzt Dopamin im Gehirn frei. Der Botenstoff erzeugt Glücksgefühle, der Junkie fühlt sich sauwohl. Konsum tut nichts anderes. Ein Lustkauf setzt Dopamin frei. Wir fühlen uns sauwohl. Bestimmte Erlebnisse können dieselben Gehirnaktivitäten in Gang setzen, wie Drogen. Dazu müssen wir keine Chemikalien zu uns nehmen, wir sind einfach high, weil wir uns bedruckte Servietten gekauft haben.

Am Ende des Tages landen sie im Storage. Niemand will im Krempel ersticken. Niemand will ein Messi sein. Außerdem kennt jeder Marie Kondo. Die japanische Beraterin erreicht auf Netflix Millionen. Sie zeigt ihnen, wie sie ihre Wohnungen - und damit ihr Leben - ausmisten. Das Gerümpel muss raus, es belastet, es macht unglücklich. Doch so ganz trennen wollen wir uns auch nicht. Schließlich haben wir es gekauft. Das Lager schafft Abhilfe.