Verlassen und vernachlässigt steht die Gaststätte "Zum Schratt" in Süßenbrunn. Ein altes Schild zeugt davon, dass hier früher "Spezialweine" und "Kaiser Bier" kredenzt wurden. Doch die einst gesellige Stätte ist zu einer Bruchbude verkommen. Unter dem abbröckelndem Putz kommen schon die nackten Ziegelsteine zum Vorschein. Auf dem Fenstersims steht ein Benzinkanister, als wäre er dort griffbereit platziert worden, damit sich irgendwer einen Ruck gibt und das Ganze abfackelt. Kaiser Nero hätte der Gedanke vermutlich gefallen. Und ganz so weit ist man in Süßenbrunn gar nicht entfernt von dem Gedanken der Zerstörung im Namen des Wiederaufbaus.

Der Greißler ist der einzige Nahversorger in Süßenbrunn. - © Mathé
Der Greißler ist der einzige Nahversorger in Süßenbrunn. - © Mathé

Als Wiener kommt man nicht zufällig nach Süßenbrunn. In dem Donaustädter Grätzl reihen sich Einfamilienhäuser und kleine Höfe aneinander. Sonst gibt es nicht viel. Eine S-Bahn-Station wird alle halben Stunden angefahren. Dazu kommen vier Buslinien. Drei davon führen direkt nach Niederösterreich; die Betriebszeiten sind nur Einheimischen geläufig. Eine Linie fährt nach Kagran, dem urbanen Zentrum von Transdanubien. Zufahrtstraßen gibt es nur zwei nach Süßenbrunn. Eine davon führt durch Niederösterreich, die andere ist der Friedhofweg. Der heißt wirklich so und stimmt perfekt auf Süßenbrunn ein. Denn vieles in dem Ort wurde vor langer Zeit begraben.

Die Gasthäuser gingen eines nach dem anderen ein. - © Mathé
Die Gasthäuser gingen eines nach dem anderen ein. - © Mathé

Niedergang in den 1970ern

"Ich bin 1970 nach Süßenbrunn gekommen", erklärt Alfred Lang. "Es gab zwei Trafiken, eine Polizeistation, einen Fleischhauer, drei Greißler, eine Bäckerei, einen Würstelstand, eine Post, eine Schlosserei, einen Arzt und zeitweise fünf alte Wirtshäuser, zwei davon mit Kegelbahnen." Doch zu diesem Zeitpunkt war Süßenbrunn bereits im Abstieg begriffen. Gut 1.000 Einwohner hatte das Grätzl seit den 1930er Jahren stets aufzuweisen. 1951 waren es noch 1.074. Doch dann ging es bergab: 1971 sank das Grätzl unter die 1.000-Einwohner-Marke. 1981 waren es nur mehr 852. Mit den Menschen verschwanden auch die Betriebe.

Süßenbrunn wächst. An allen Ecken und Enden wird gebaut. - © Mathé
Süßenbrunn wächst. An allen Ecken und Enden wird gebaut. - © Mathé

Süßenbrunn verödete. Polizei, Post, Einzelhändler - sie alle machten dicht. Heute ist fast nichts mehr von der einst blühenden Infrastruktur übrig. Ein kleiner Greißler ist der einzige Nahversorger. Zum gesundheitlichen Glück der Süßenbrunner gibt es noch einen Allgemeinmediziner. Aber ansonsten: kein Supermarkt, keine Schule, keine Post. Es ist, als wäre das Grätzl auf der politischen und wirtschaftlichen Landkarte inexistent. Sogar Unternehmen, die sonst alles wissen wollen, scheint es egal zu sein: Gibt man auf Google Maps Süßenbrunn ein, wird das nördlich gelegene Kapellerfeld angezeigt.

Für Nachwuchs ist gesorgt, für Bildungsein richtungen vor Ort nicht. - © Mathé
Für Nachwuchs ist gesorgt, für Bildungsein richtungen vor Ort nicht. - © Mathé

Doch der Schein trügt. Wer glaubt, dass Süßenbrunn ein sterbender Ort ist, den man in ein paar Jahren von der Landkarte streichen kann, der irrt. Das Gegenteil ist der Fall. Seit den 1990er Jahren ist die Bevölkerung stark gewachsen. 1991: 1.018. 2001: 1.408. Aktuell: 2.201, laut Auskunft der MA23. Das macht einen Anstieg um 64 Prozent innerhalb der vergangenen 20 Jahre. Lugt man in die kleinen Hausgärten Süßenbrunns, sieht man Trampoline, Rutschen und Basketballkörbe. Für Nachwuchs ist offensichtlich gesorgt. Auch die Ruhe ist trügerisch. Denn zu den Geschäftszeiten wird an allen Ecken und Enden gebohrt, gehämmert und gedreht: Kaum eine Straße, in der nicht gerade gebaut wird.

Parken auf dem Grünstreifen ist in Süßenbrunn normal. Interessant wird es, wenn 2022 das Parkpickerl kommt. - © Mathé
Parken auf dem Grünstreifen ist in Süßenbrunn normal. Interessant wird es, wenn 2022 das Parkpickerl kommt. - © Mathé

"Wenn man nicht die Millionen verdient und gerne ein Häuschen mit Garten in Wien hätte, dann ist Süßenbrunn ein guter Platz", sagt Alfred Bauer, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er ist vor zehn Jahren nach Süßenbrunn gezogen und somit Teil des anhaltenden Zuzugs. Auch der frisch zugezogene Mahdi, der sich hier vor einem Jahr eine Wohnung gekauft hat, ist begeistert: "Ich mag die Ruhe und den ländlichen Charme. Gleichzeitig bin ich mit der S-Bahn in 20 Minuten in meinem Büro im 1. Bezirk." Bauer und Mahdi sind nicht die Einzigen, die in Süßenbrunn die Idylle des Landlebens mit der Urbanität Wiens verbinden wollen. Wo auch immer in Süßenbrunn verkauft oder geerbt wird, entsteht etwas Neues. In einem Ausmaß, das manchem Süßenbrunner schon sauer aufstößt.

Schloss Süßenbrunn. - © Mathé
Schloss Süßenbrunn. - © Mathé

Skeptisch gegenüber Umbau

"Als ich vor 40 Jahren hierhergezogen bin, hat es ein paar Einfamilienhäuser und hauptsächlich alte Leute gegeben", sagt Herr Hirschmann. Dem Pensionisten gefiel die Ruhe und Abgelegenheit. Doch mittlerweile kämen immer mehr Leute nach Süßenbrunn. Die Menge und die Veränderung, die sie mit sich bringt, macht ihn nervös. Das fällt auch verhältnismäßig neuen Süßenbrunnern wie Alfred Bauer unangenehm auf. "Wo früher ein Einfamilienhaus stand, entsteht jetzt eine Reihenhaussiedlung. Beim Rohrer kommen jetzt 20 Wohnungen hin." Der Rohrer-Wirt, das war bis vor ein paar Jahren das alte Gasthaus am Süßenbrunner Platz und einer der letzten gesellschaftlichen Treffpunkte in Süßenbrunn.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Steigende Beliebtheit und Population sollten eigentlich auch einen betrieblichen Aufschwung mit sich bringen. Doch was einmal eingegangen ist, wird nur schwer wieder aufgebaut. So leidet Süßenbrunn heute an der historisch bedingten Unterentwicklung. Geht man einkaufen, so landet man primär in der nächstgelegenen zentralen Marktgemeinde und das ist Gerasdorf in Niederösterreich, das Bundesland, zu dem Süßenbrunn gehörte, bis Hitler kam.

Dieses Zwitterdasein zwischen Wien und Niederösterreich bestimmt das Schicksal Süßenbrunns. "Süßenbrunn hat den Vorteil und den Nachteil, dass es so weit draußen ist. Es hat eine geringe Bevölkerungsdichte und keine großen Wohnhausanlagen. Eigentlich ist es ein kleines Dorf, aber doch Teil der Stadt", sagt Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy.

Auch der Besuch der von den Süßenbrunnern bevorzugten Volksschule in Breitenlee gestaltet sich schwierig. Rund eine Stunde braucht man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin. Dabei wäre sie nur zehn Fahrminuten entfernt. Grund ist, dass der öffentliche Bus nicht von Breitenlee bis nach Süßenbrunn verlängert wird. Die Süßenbrunner haben sich zwar selbst organisiert und einen öffentlich geförderten privaten Schulbus gechartert, der die Kinder zumindest in der Früh hinbringt. Doch restlos glücklich sind die wenigsten mit dieser Situation.

Wien als Vor- und Nachteil

Auch der Kindergarten birgt Probleme. Nicht nur, dass es keinen in Süßenbrunn gibt, der nächstgelegene befindet sich auch noch im Nachbarbezirk Floridsdorf. Bei der Anmeldung stehen aber lediglich die Kindergärten des eigenen Bezirks - der Donaustadt - zur Verfügung. So müssen die Süßenbrunner Jahr um Jahr persönlich für Ausnahmeregelungen intervenieren, um einen Platz in akzeptabler Entfernung zu erhalten. - Ein Privileg, das ihnen glücklicherweise in der Regel gewährt wird.

Bauer, Mahdi und viele andere wünschen sich nicht viel - eine minimale Infrastruktur: ein Supermarkt, eine Volksschule, ein Kindergarten. Vielleicht noch irgendein Grätzlhighlight, das als dörflicher Treffpunkt fungiert. Sogar eine entsprechende Petition wurde bereits gestartet und Treffen mit Nevrivy sowie Bildungsstadtrat und Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr arrangiert. Auf dem Papier kann das nicht so schwer sein. Im benachbarten Kapellerfeld in Niederösterreich gibt es das alles. Warum also in Süßenbrunn nicht?

"Es geht hier schon auch um Angebot und Nachfrage", erklärt Bezirksvorsteher Nevrivy. Es habe Gespräche mit Supermarktketten gegeben, doch für die ist Süßenbrunn aufgrund seiner Größe und seiner Abgelegenheit nicht attraktiv genug. Ebenso verhält es sich bei Schule und Kindergarten. Wäre Süßenbrunn ein Teil Niederösterreichs, wäre ein entsprechender Kleinbetrieb - wie im Kapellerfeld - möglich. Doch Wien baut primär Volksschulen für 16 Klassen - das macht bei 20 Schülern pro Klasse 320 Kinder nötig. In Süßenbrunn gibt es derzeit 97 Kinder im Alter von 6 bis 9 Jahren. In ländlichen Regionen wird schon einmal zusammengelegt. Dann gibt es zwei Klassen für vier Jahrgänge und teilweise sogar eine Klasse für vier Jahrgänge. Doch hier winkt Bezirksvorsteher Nevrivy ab: "Wir werden in Wien nicht beginnen, Landschulen mit zusammengelegten Schulstufen zu bauen. Wien ist eben eine Großstadt und kein kleines Dorf." In der ehemaligen Volksschule Süßenbrunns wäre übrigens ohnedies kein Platz, dort wohnt jetzt ein Bildhauer.

Auch die Verbindung zur Volksschule in Breitenlee gestaltet sich schwierig. Schullinien können nur auf bestehenden Linien des öffentlichen Verkehrs fahren. Doch der nach Breitenlee führende Friedhofweg ist zu schmal, als dass ein öffentlicher Bus dort fahren dürfte. Ganz abgesehen davon, dass sich die Linie aufgrund mangelnder Fahrgäste nicht rechnen würde, erklärt Nevrivy.

Ihre Entlegenheit bekommen die Süßenbrunner sogar bei Taxifahrten zu spüren. Weil die bevorzugte Strecke durch Niederösterreich führt, versuchen die Fahrer, einen Überlandzuschlag zu verrechnen. Das führt regelmäßig zu Diskussionen. Mancher Süßenbrunner sagt dann schon einmal: "Ich wohne in Wien, wie Sie dorthin kommen, ist mir egal."

Das ist das schwierige Los: ländliche Voraussetzungen in einer Stadt. Spätestens in einem halben Jahr wird das wieder schlagend, wenn ab 1. März 2022 in Wien das flächendeckende Parkpickerl eingeführt wird, von dem Süßenbrunn bisher verschont geblieben ist. Denn ausgewiesene Parkplätze sind hier eher die Ausnahme, denn die Regel. Typischerweise wird auf dem Grünstreifen entlang der Straßen und Gassen geparkt. "Wir werden uns von Gasse zu Gasse vorhanteln müssen und sehen, wo wir offiziellen Parkraum schaffen", sagt dazu Nevrivy. Allerdings ändere sich für die Süßenbrunner durch das Parkpickerl nichts. "Wenn man jetzt dort parken darf, darf man das nachher auch. Das Einzige, das sich ändert, ist, dass vorher nicht kontrolliert wurde, ob korrekt geparkt wurde, und danach schon", erklärt Nevrivy.

Dorf bleiben

Ob es letztlich nicht besser wäre, zu Niederösterreich zu gehören? Hier sind sich die Süßenbrunner einig. Egal, wen man fragt, die Antwort lautet: Nein. Doch wie das Problem als Teil von Wien lösen? Die einfachste Lösung wäre, Süßenbrunn zum Stadterweiterungsgebiet zu erklären. Das würde große Wohnbauten und damit verbunden die gewünschte Infrastruktur bringen. Doch auch hier sind sich die Süßenbrunner einig: Sie wollen den dörflichen Charakter des Grätzls beibehalten.

Während die Frischsüßenbrunner mit Petitionen und Vorsprechen bei Politikern mobilmachen, haben alteingesessene Süßenbrunner meist einen gelasseneren Zugang. Florian Mattes etwa. Der gebürtige Süßenbrunner Koch hat nach Ausbildung im Steirereck und bei Toni Mörwald vor zehn Jahren den leer stehenden Hof seiner Großmutter am Hauptplatz in ein vorzügliches Gasthaus verwandelt. "So ist es eben, und so war es stets, seit ich denken kann", sagt er zur infrastrukturellen Situation. Die verhindere nicht, dass Gäste aus dem gesamten Umfeld in sein "Flokal" kommen. Auch wenn sich die Abgeschiedenheit auch auf seinen Betrieb auswirkt. So habe er beispielsweise eine gute Köchin nicht einstellen können, weil diese nicht über einen Führerschein verfügte und nach Lokalschluss kaum mehr nach Hause gekommen wäre.

Eine bessere Anbindung und bessere Infrastruktur wäre letztlich etwas, das alle Süßenbrunner begrüßen würden. Doch schnell wird das wohl nicht gehen.

Bleibt nur noch, Schritt um Schritt dafür zu kämpfen, um das zurückzuerhalten, was sie vor Jahrzehnten verloren haben.