Wien ist eine historische Stadt. Gewachsen um ihre Keimzelle, dem 1. Bezirk. Im Laufe der Jahrhunderte breitete sie sich organisch aus, schluckte Dörfer und Gemeinden, wuchs ins Umland, nach Nuss- und Kaiserebersdorf, nach Groß-Enzersdorf und Auhof. Doch die Verstädterung war unvollständig. Im urbanen Netz sind Löcher. Wiesen, Brachen, stillgelegte Industrieanlagen sind unbebaut. Nun werden sie gefüllt, mit Reißbrett-Städten innerhalb der historischen Struktur. Entwicklungsgebiete nennen sich die neuen Planstädte.

Auf ihnen ruht die Hoffnung der Stadtregierung. Ihre PR-Abteilung preist sie als urbane Utopia. Smarte Siedlungen für Tausende, ökologisch, nachhaltig, leistbar, lebenswert, schön. Schließlich könne man auf der grünen Wiese neu anfangen - und aus dem Bestand lernen. Lässt sich Stadt so einfach produzieren?

Neben der Seestadt Aspern und dem Sonnwendviertel in Favoriten ist das Nordbahnviertel in der Leopoldstadt Wiens prominenteste Planstadt. Und ihre spannendste. Das 85 Hektar große Areal des früheren Nordbahnhofes liegt im Zentrum der Stadt. Der Stephansdom ist zwei Kilometer entfernt. Es ist größer als die Seestadt in der Donaustädter Peripherie. In fünf Jahren werden 20.000 Menschen hier leben. 10.000 tun es bereits. Retortenviertel dieser Größenordnung und Lage sind hoch sensibel. Sie strahlen in die bestehende Nachbarschaft aus. Können die ganze Stadt verändern. Blaupause gibt es keine. Jede Gegend funktioniert anders. Seit Jahrzehnten diskutieren Planer, wie Urbanität künstlich erzeugt werden kann. Es geht um Erdgeschoßzonen, Erholungsgebiete, Freiräume, Infrastruktur, Verkehrskonzepte, den Mix aus Eigentum und Miete, geförderten und frei finanzierten Wohnraum, die Zusammensetzung der Bevölkerung. Unterschiedlichste Akteure tragen zur Entwicklung der Gebiete bei - Architekten, Stadtplaner, Soziologen, Investoren, Regierungen, Bauträger, Genossenschaften, Bürger. Mit ihnen allen steht und fällt auch das Gelingen des Nordbahnviertels. Im besten Fall entsteht hier ein lebendiger Stadtteil. Im schlimmsten eine Schlafstadt. Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Die ruhige Stadt

Dem Rudolf-Bednar-Park sieht man seine Jugend an. Keine knorrigen Kastanienbäume wachsen in den Himmel. Schmächtige Eschen stehen auf der Wiese. Wie mit dem Lineal gezogen liegt das fünf Fußballfelder große Rechteck mitten im Nordbahnviertel. Kinder hängen im Klettergerüst. Eltern rollen mit Lastenrädern über die Kieswege. Jugendliche trinken Dosenbier. Hier hat alles begonnen. Der Park ist so etwas wie der Grundstein des Viertels und bis heute sein Herzstück. 2008 wurde er eröffnet. Nur wenige Wohnbauten waren bis dahin realisiert. Erst in den Jahren danach bekam die Fläche ihren Rahmen - ein Potpourri moderner Wohnwürfel. Ihre Fassaden erinnern an aktuelle Architekturzeitschriften. Schlichte Formen, viel Beton und Glas, ein wenig Holz, ein wenig Farbe. Wie Renderings stehen sie um den Park.

Als einer der ersten fertigen Bauten am Nordbahnhof wurde das Haus "Wohnen am Park" 2009 bezogen.
Als einer der ersten fertigen Bauten am Nordbahnhof wurde das Haus "Wohnen am Park" 2009 bezogen.

Mit Renderings ist es so eine Sache. Sie zeigen Architekturperlen, lichtdurchflutet und schön. So richtig vorstellen, in den Grafiken auch zu leben, kann man sich nicht. Ein bisschen zu glatt und makellos, ein bisschen zu wenig pulsierende Urbanität, städtischer Raum, wie wir ihn uns vorstellen. Die Menschen in den Renderings wirken trotzdem immer zufrieden. Zufrieden ist auch Daniel. Der 39-jährige Historiker lebt mit seiner Frau und Tochter seit neun Jahren am Rudolf-Bednar-Park. "Es ist wirklich schön hier", sagt er. Daniel meint nicht die Häuser am Park. Er meint das Leben dazwischen. Die Ästhetik der Fassaden ist im Grunde nämlich egal. Entscheidend ist das Leben auf der Straße. Und das scheint im Grätzel zu funktionieren. "Es ist ein unglaublicher Gewinn an Lebensqualität, dass hier kaum Autos fahren", sagt er.

Das Nordbahnviertel ist verkehrsberuhigt. U- und Schnellbahn sind nahe, die Straßenbahnlinie O durchquert das Gebiet, der Autobus ist dicht getaktet. Direkt am Rudolf-Bednar-Park gibt es keine Autostraßen. Die Fahrbahnen um die angrenzenden Blocks sind schmal, die Gehsteige breit. Viele Straßen sind Sackgassen. Durchzugsstraße gibt es im ganze Quartier keine. Wo Autos fahren, ist 30er-Zone. Das Weg- und Fahrradnetz ist eng. Es ist ruhig hier. Eine Krähe kräht auf einem Ast. Der Löffel klimpert in der Kaffeetasse.

"Ich treffe fast täglich Menschen, mit denen ich mich auf der Straße unterhalte, wir spielen hier mit unserer Tochter, sie kann vor unserem Haus Radfahren lernen. Das geht sonst nur im Dorf", sagt Daniel. Für Vergleiche mit dem Dorf muss das Nordbahnviertel oft herhalten. Menschen erinnert es an das Land, vor ihrem Haus mit Nachbarn zu plaudern. In Wahrheit ist es genau das, was Urbanität ausmacht. In der Bestandsstadt ist das oft nicht mehr möglich. Neben engen Gehsteigen brausen mehrspurig Autos vorbei. Die Bürger sind in ihren Wohnungen isoliert. Im Grunde ist das ländlich.

"Ich konnte mir lange nicht vorstellen, in einem Neubaugebiet zu leben", sagt Markus Zilker. Zilker ist Architekt und Mitbegründer des Architekturbüros einszueins. "Als ich 2013 ins Nordbahnviertel zog, konnte ich mir bereits am Tag des Umzuges nicht mehr vorstellen, im Verkehr des 6. Bezirks zu leben." Er zog ins Wohnprojekt Wien, ein Baugruppen-Haus in der Krakauer Straße, das sein Büro plante. Alle rund 100 Bewohner konzipierten den siebenstöckigen Bau gemeinsam mit einem Bauträger und verwalten ihn selbst. Ihnen war es wichtig, das Erdgeschoß für das Grätzel zu öffnen. Im Salon am Park betreiben Bewohner eine kleine Greißlerei, die regionale Produkte vertreibt, Kaffee ausschenkt, Frühstück serviert.

Die zersplitterte Stadt

Erdgeschoßzonen sind für die Stadt essenziell. Sind sie belebt, blühen Grätzel auf. Sind sie tot, verwelken sie. In vielen Neubaugebieten - etwa im Sonnwendviertel - werden Parterre oft für Radabstellplätze, Müllräume, Wohnungen genutzt. Sie kommunizieren nicht mit dem öffentlichen Raum. In der Folge verwaisen ganze Straßenzüge. Die Stadt Wien hat das Problem erkannt. Auch im Nordbahnviertel gelobte sie Besserung und besann sich auf die bewährte gründerzeitliche Melange - im Erdgeschoß Geschäfte, Dienstleister, kleine Betriebe, darüber Büros und Wohnungen. In Teilen des Nordbahnviertels ist das Konzept zumindest erkennbar. In den Erdgeschoßen konzentriert sich allerdings hauptsächlich die Mittagsgastronomie. Handel betreiben vorwiegend die großen Supermarktketten. Hie und da eine Trafik, ein Reformhaus. Kleidergeschäfte sucht man vergebens, Handwerk gibt es keines.

Die Betonwüste um den Austria Campus ist ein Anachronismus
Die Betonwüste um den Austria Campus ist ein Anachronismus

Vor allem im Austria Campus ist das Problem evident. Der riesige Geschäftsstandort aus sechs Bürokomplexen und einer Gesamtfläche von 200.000 Quadratmetern nimmt einen wesentlichen Teil des Viertels ein, auch entlang der Bruno-Marek-Allee, dem "Boulevard" am Nordbahnhof. Der Campus ist völlig monofunktional. Hier findet ausnahmslos Büroarbeit statt. Seine Sockelzone ist tot - in wenigen Lokalen findet wenigstens zu Mittag Leben statt. Davor breitet sich eine Betonwüste aus. Der Versiegelungsgrad ist enorm. Das Büro von Planungsstadträtin Ulli Sima (SPÖ) sieht die Entwicklung positiv. "Gerade entlang der Bruno-Marek-Allee läuft die Ansiedlung verschiedener Geschäfte und Dienstleistungen gut", heißt es. Natürlich seien weitere Geschäfte willkommen, "Straßenleben ist aber durchwegs vorhanden".

Auch in manchen privaten Wohnblocks ist die Erdgeschoßzone nach innen abgeschottet. "Von einem urbanen Viertel sind wir hier nach wie vor meilenweit entfernt", sagt der Stadtplaner Reinhard Seiß. "Es fehlt an der funktionalen Durchmischung der einzelnen Bauten ebenso wie an ihrer Verzahnung mit der Straße und den Nachbarhäusern. Nicht untypisch, wenn Bauträger und Investoren den Städtebau verantworten." Die Innenhöfe ihrer Bauten sind mit Zäunen vom öffentlichen Raum getrennt. Man erkennt im Viertel welcher Bauträger wo gebaut hat.

Die Stadtblase

Laut Büro von Baustadträtin Kathrin Gaal (SPÖ) sind etwas mehr als ein Drittel der bestehenden Wohnungen im Nordbahnviertel frei finanziert. Private Investoren verkaufen oder vermieten sie um teures Geld. Das Geschäft floriert. Eigentumswohnungen sind beliebtes Anlageprodukt. Die Nachfrage ist vor allem im Nordbahnviertel groß. Die Zentrumslage, die gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr, die Nähe zu den großen Wiener Grünräumen Prater und Donauinsel machen die Gegend attraktiv - für Anleger genauso wie für zahlungskräftige Bewohner. Dacheigentumswohnungen am Park sind inzwischen mit mehr als 800.000 Euro für knapp 100 Quadratmeter auf dem Markt.

Für die restlichen zwei Drittel der Wohnungen im Nordbahnviertel wurden Mittel der Wohnbauförderung eingesetzt. Sie gelten als leistbar. Meist zahlen die Bewohner einen Genossenschaftsbeitrag bei Einzug und später eine günstige Miete. "Im geförderten Bereich liegt die Durchschnittsmiete bei acht Euro pro Quadratmeter", heißt es aus dem Büro von Gaal. Die Wohnung von Daniel kostet um die zehn Euro. "Der geförderte Wohnbau zielt auf die Mittelschicht ab", sagt Raumplaner Christian Peer, Mitarbeiter am Research Center der TU Wien. "Der Genossenschaftsbeitrag ist für viele Menschen eine Hürde. Der Zugang zu Gemeindebauten ist wesentlich niederschwelliger." Nur Gemeindebauten gibt es in der neuen Planstadt keine.

Die Struktur der verschiedenen Wohn- und Finanzierungsformen spiegelt sich in der Bevölkerung des Viertels wider. Die Stadt wollte eine hohe soziale Durchmischung forcieren. Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) sprach von "interkulturellem Wohnen". Wirklich divers ist die Bevölkerung nicht. Im Rudolf-Bednar-Park dominiert die junge Kleinfamilie, oft mit akademischem Hintergrund. Genaue Daten zur Demografie des Viertels hat die Stadt Wien bisher keine erhoben. Einen Anhaltspunkt liefern die Sprengelergebnisse der Gemeinderatswahl 2020. Im Grätzel um den Park sind die Grünen und Neos stark, Parteien, die gerne von Menschen mit hohem Bildungsniveau gewählt werden, während in den alten Gemeindebauten entlang der Engerthstraße SPÖ und FPÖ eine satte Zweidrittelmehrheit erreichen würden.

Die Stadt am Scheideweg

Wird hier eine Insel gebaut, ein Fremdkörper in der organischen Stadtstruktur? "Die neuen Stadtentwicklungsgebiete sind hoch spannend", sagt Peer. "Sie entstehen in einer Zeit des Umbruchs, ähnlich der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg." Veränderten damals der Siegeszug des Autos und die Studentenbewegung Gesellschaft und Stadtraum, ist es heute die Klimakrise. "Will die Stadt auch in Zukunft lebenswert sein, muss sie sich radikal ändern." Dieser Wandel deutet sich am Nordbahnhof an. So richtig spürbar ist er noch nicht. "Grundsätzlich ist das Viertel nachhaltig und innovativ. Es geht drei mutige Schritte vorwärts, bleibt dann aber stehen." Was Peer meint, wird auf den Straßen des Quartiers sichtbar. Die Verkehrsberuhigungen weisen in eine autofreie Zukunft. Gleichzeitig führt in fast jedes Haus eine Tiefgarageneinfahrt. Die Wiener Stellplatzverpflichtung schreibt pro 100 Quadratmeter Wohnnutzfläche einen Autoabstellplatz vor. Ein Anachronismus, von dem sich auch die neuen Viertel nicht lösen können. Auch in den vielen versiegelten Böden schlägt sich die alte Stadt nieder.

Hier entsteht ein "vielseitiger Rand".
Hier entsteht ein "vielseitiger Rand".

Im Norden des Areals könnte die Wende weiter vollzogen werden. Unter dem Namen "Freie Mitte - vielseitiger Rand" wird der nächste Abschnitt der Planstadt gebaut. Kräne drehen sich in der Luft. Um einen neun Hektar großen Park ziehen sie Wohnbauten hoch, darunter acht Hochhäuser. Die Stadt ist stolz auf die Grünfläche. "Mit der Freien Mitte gehen wir neue Wege in der Parkgestaltung", sagt Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ). Ihr Herz - die sogenannte Stadtwildnis - ist eine über Jahrzehnte gewachsene Gstetten.

Ein bisschen gewachsene Natur, für die künstliche Planstadt also.