An einem Tisch im Restaurant "Salzamt" nippt Andreas an seinem Apfelsaft. Einer der Kellner kommt vorbei, albert kurz mit ihm rum und widmet sich dann wieder den Gästen. Ja, Andreas Wiesinger ist seit einem Jahr nicht einfach ein Gast, sondern ein guter Freund. Er, die Gastronomen hier im Bermudadreieck und viele der Betroffenen sind seit jener Nacht des 2. Novembers 2020 ein eingeschworenes Team. Andreas war einer der 23 Verletzten, die dem dschihadistischen Attentäter von Wien zum Opfer fielen. Die Bluttat ereignete sich im Bermudadreieck, einer Partymeile unmittelbar beim Schwedenplatz. Vier Menschen verloren dadurch ihr Leben.

Auf keinen Fall, so der Mittvierziger, möchte er sein Leben von den Ereignissen dieser Nacht bestimmen lassen. Das ist auch der Grund, warum er immer wieder an die Schauplätze des Verbrechens zurückkehrt.

Heute vor genau einem Jahr war der Tag, bevor Österreich erneut in einen Lockdown ging. Es war ein ungewöhnlich warmer Herbstabend. Deshalb wählte Andreas mit einer Freundin einen Tisch im Schanigarten des Lokals "Philosoph". "Gegen 20 Uhr haben wir fünf Knaller gehört und wir haben uns im ersten Moment nur gewundert", beginnt Andreas zu erzählen. Er vergleicht die Situation scherzhaft mit einer Ufo-Landung: "Da würden wir uns jetzt auch im ersten Moment einfach nur mal wundern." Danach habe er jemanden im Wiener Akzent laut schreien gehört. "Da wussten wir dann, dass etwas nicht stimmt. Ich dachte im ersten Moment, dass das jemand von Martin Sellners (Anm.: Aktivist der rechtsextremen Identitären) Leuten ist, also an einen rechtsradikalen Anschlag." Dann kam der Attentäter ums Eck: "Ich hab plötzlich circa 15 Meter entfernt ein Gewehr und Feuerfunken gesehen, die aus dem Lauf geschossen sind."

Eine Rose liegt auf der Jerusalemstiege. Dort kam bei der Attacke das erste Opfer zu Tode. Die Familie legt bis heute alle zwei Wochen Blumen nieder. - © Krassay
Eine Rose liegt auf der Jerusalemstiege. Dort kam bei der Attacke das erste Opfer zu Tode. Die Familie legt bis heute alle zwei Wochen Blumen nieder. - © Krassay

Im nächsten Augenblick spürte Andreas etwas wie einen unglaublich schweren Hammerschlag gegen seinen Kopf. Das war der erste Streifschuss, den er abbekam. "Ich hab dann noch einen dumpfen Schlag am Knie gespürt" - das war der zweite Schuss. Eine Kugel, die in die Lokalwand einschlug, splitterte auf seinem Oberkörper ab.

"Zunächst sind wir alle ins Lokal gelaufen. Der Kellner hat uns unten im Keller die Vorratskammer aufgesperrt, wo wir uns versteckt haben. Keiner hat gedrängelt, sondern jeder hat auf den anderen Rücksicht genommen. Manche sind sogar stehengeblieben und haben die anderen durchgeschleust", erzählt Andreas. An diesen Zusammenhalt erinnert er sich gerne zurück: Das hilft, wenn scheußliche Erinnerungen des Anschlags im Kopf herumschwirren. "Unten im Keller sind dann vier Schwerverletzte kollabiert und ich habe mit blutverschmierten Händen versucht, deren Blutungen zu stoppen."

Als nach einer gefühlten Ewigkeit einer der Wega-Beamten zu ihnen kam, "hat er mit seinem Sturmgewehr auf mich gezielt und ‚Hände hoch, Hände hoch‘ geschrien. Also dieses Bild hat sich jetzt komplett darin gespiegelt, wie die Behörden im Nachhinein dann mit uns umgegangen sind. Dieses menschliche Versagen." Andreas möchte aber nicht den besagten Wega-Beamten beschuldigen, denn "der Beamte war halt in Sorge, einer der Terroristen könnte sich bei uns versteckt haben. Der war unter massivem Stress wegen dem Terroranschlag. Das kann man ihm jetzt nicht übelnehmen, dass er sich zu hundert Prozent an das Protokoll und die Anweisungen gehalten hat."

Opfer und Angehörige fühlen sich im Stich gelassen

Aber für die unsensible Behandlung danach findet er keine Entschuldigung. Die Regierung und die verschiedenen Behörden hätten einander die Schuld zugeschoben; vielleicht, so vermutet Andreas, habe man Angst davor gehabt, ein Ausdruck des Bedauerns hätte als Schuldbekenntnis verstanden werden können. "Ich kann mich bis heute einfach nur darüber wundern."

Das erste Todesopfer Nedzip wurde als Nordmazedonier in seiner ursprünglichen Heimat begraben. "Und die haben nicht einmal die Kosten für die Überführung der Leiche übernommen. Keine Begräbniskosten, einfach gar nichts", erzählt Andreas und schüttelt seinen Kopf. Er selbst habe ein Schreiben von Bundespräsident Alexander Van der Bellen erhalten. "Man hat darin wirklich seine Betroffenheit ablesen können." Schmerzensgeld habe er allerdings nicht erhalten, denn: "Ich zähle für die Regierung nicht zu den Schwerverletzten. Wäre ich einer gewesen, hätte ich 2.000 Euro bekommen."

Außer dem bescheidenen Gedenkstein auf dem Desider-Friedmann-Platz erinnert heute nichts mehr an die Terrornacht. Momentan ist der untere Teil des Gedenksteins in Plastik gewickelt. In schwarzer Schrift ist darauf zu lesen: "Stein wird gereinigt. Bitte Folie nicht entfernen." Andreas ist sich sicher, dass der Stein für die Regierung geputzt wird. "Dieser Gedenkstein ist für mich das ultimative Zeichen für das Versagen der Behörden. Allein die Übersetzung darauf ins Englische ist furchtbar", sagt Andreas und lacht. Generell findet er es aber gut, dass nicht mehr an die Nacht erinnert, "sonst würde man dem Täter mehr Platz geben".

Optimistisch und zufrieden sagt Andreas: "Er hat sich neun Minuten meines Lebens genommen, die konnte ich ihm nicht verwehren. Aber mehr möchte ich ihm nicht geben. Ich möchte mich darauf konzentrieren, dass das Leben weitergeht". Doch wie geht es ihm damit, wieder an den Ort der Tat zu kommen?

"Also die ersten Male waren schon sehr emotional", gibt er zu. In den ersten Tagen kam er immer wieder zum Tatort, stellte umgefallene Kerzen auf und zündete neue an. "Mit der Zeit waren da immer dieselben Menschen, die das Gleiche gemacht haben": Es waren ebenfalls Opfer des Anschlags und Angehörige. "Da haben wir uns sozusagen gefunden", sagt er lächelnd. "Das ist einer der schönen Aspekte des Terroranschlags, dass wirklich alle näher zusammengerückt sind. Es haben in dieser Nacht im Keller alle zusammengehalten. Es hat niemand an sich gedacht", erzählt Andreas. Außerdem: "Es ist schön, die Gastronomen zu sehen. Ich bin noch immer da und der Täter hat sein Leben sinnlos weggeschmissen."

Leben nicht auf den Hass des Attentäters reduzieren

Andreas Wiesinger will sein Leben auf jeden Fall nicht auf den Hass des Attentäters reduzieren. "Wenn ich nicht weiterhin oft herkommen würde, hätte er ja gewonnen, und das will ich nicht", sagt er zufrieden. Als er aufsteht, greift er nach seinem Schal, der neben ihm auf der Sitzbank liegt: "Der Schal war übrigens schuld daran, dass ich da war. Ich hab ihn mir bei einem Schneider hier in der Nähe machen lassen. Den hab ich am 2. November nachmittags abgeholt und danach spontan beschlossen, noch auf ein Bier ins Bermudadreieck zu gehen." Direkt nebenan ist das Beisl "Philosoph". Es ist jene Bar, in der Andreas vor einem Jahr fast sein Leben verlor. Peter sitzt mit einem Bier auf einem Barhocker. Er trägt einen grauen Kapuzenpulli und stützt mit einer Hand seinen Glatzkopf. Metal-Musik läuft im Hintergrund. Peter ist hier Stammgast. Die Hauptfrage, die er sich stellt: "Was wäre wenn?" Peter wäre an dem Abend nämlich garantiert hier gewesen, wenn er nicht Nachtschicht gehabt hätte.

"Ich bin froh, wie in Österreich damit umgegangen wurde. Das Ziel von Terror ist ja, Angst zu schüren, und das ist meiner Meinung nach nicht passiert. Eine der aussagekräftigsten Aussagen war ‚Schleich di, du Oaschloch!‘ - das finde ich großartig. Wir gehen einfach mit der Wiener Art gegen den Terror vor", erzählt der bärtige Stammgast. Auch finde er es toll, dass durch den Anschlag keine Ausländerfeindlichkeit hochgeschwappt sei.

Etwa 15 Meter entfernt vom "Philosoph", quer über den Platz, kam das erste Opfer zu Tode. Nedzip musste mit nur 21 Jahren auf der Jerusalemstiege sein Leben lassen. Eine rote Rose erinnert an Ort und Stelle. Nedzips Familie kommt alle zwei Wochen an den Ort, bringt Blumen und zündet Kerzen an. Sein Onkel Eugen Kaba ist wütend auf die Politik, Behörden und Regierung. Eugen und Nedzips Eltern fühlen sich mit ihren Problemen im Stich und alleine gelassen. Außer einem Kondolenzschreiben des Bundespräsidenten und den 3.000 Euro Schmerzensgeld habe die Familie nichts erhalten. "Der Staat und die Regierung haben total versagt. Es ist ein Jahr vergangen und es ist nichts passiert", erzählt Eugen Kaba betroffen.

Die Familie will nicht, dass die Tat vergessen wird, aber "die Regierung macht genau das und versucht, es unter den Tisch zu kehren". Nicht einmal die Hilfe eines Kriseninterventionsteams wurde angeboten, erklärt die Familie. Auch habe es keine Initiative seitens der Behörden in Bezug auf Therapieangebote gegeben. Nedzips Eltern brauchen nach wie vor psychotherapeutische Hilfe: Um die müssten sie sich aber auch selbst kümmern, "und dann auch noch um die Bewilligung, dass die Kosten dafür übernommen werden" - und bis das passiert, vergehen Monate, sagt Eugen. Derzeit kümmere er sich mit Unterstützung der FPÖ um eine Gedenktafel für seinen Neffen, die bei der Jerusalemstiege angebracht werden soll.

Die Meinungen bezüglich Gedenktafeln sind geteilt. Die einen wollen, dass mehr an die Terrortat erinnert, wiederum die anderen finden es gut, dass es nur einen einzigen Gedenkstein gibt, um der Schreckenstat nicht zu viel Raum zu überlassen.

In der Seitenstettengasse, die hinunter zum Schwedenplatz führt, stehen zwei Mädchen. "Wir haben gerade über den Terroranschlag geredet", geben die beiden Korneuburgerinnen verlegen zu. Sie würden sich aber deshalb nicht unsicher fühlen. "Die Stimmung hat sich eigentlich nicht wirklich geändert. Vielleicht sind wegen Corona ein bisschen weniger Leute unterwegs", sagen die 17- und 18-Jährige. Zum Thema Gedenkstein kommentieren sie: "Es ist eigentlich schon ein bisschen traurig, dass außer dem Gedenkstein nichts mehr an den Terroranschlag erinnert." Wobei: Ein paar Meter unterhalb von den beiden Mädchen stehen zwei Wega-Beamte mit Sturmgewehren: "Wir sind jeden Freitag und Samstag hier. Das war aber schon vor dem Terroranschlag so." In der Seitenstettengasse befinden sich nämlich eine Synagoge und der Sitz der Israelitischen Kultusgemeinde.

"Unsere Gäste haben die Terrornacht eher vergessen"

Vor dem "Roten Engel" stehen einige Raucher und frieren sichtlich. Aus den großen Fenstern der Bar dringt warmes, rotes Licht. Drinnen mixt Ali gerade Cocktails hinter der Bar. Er ist der Inhaber vom "Roten Engel" und bereits weißhaarig. Auf den Fernsehbildschirmen hinter ihm tanzen leichtbekleidete Frauen. Er war an jenem Abend kurz in der Bar, um aufzuräumen und den Strom abzustellen. Das Lokal war bereits seit Halloween geschlossen. "Plötzlich habe ich gesehen, wie mein Nachbar vom Ecklokal gegenüber, niedergeschossen wurde. Er ist vor meinen Augen gestorben", erzählt Ali betroffen. Er habe sofort die Türe abgesperrt, das Licht ausgeschaltet und sich hinter der Bar versteckt. Minutenlang beobachtete er das Geschehen und sah den Täter immer wieder vor seinen Fenstern vorbeilaufen. Unter Todesangst rief er die Polizei an.

Nach vier Stunden befreiten ihn Wega-Beamte - in derselben energischen Weise wie Andreas im "Philosoph" - aus seinem Versteck und brachten ihn nach Hause. In den ersten drei Tagen habe er seine Wohnung nicht verlassen. Und als er dann das erste Mal wieder im Bermudadreieck war? "Ich habe Gänsehaut bekommen." Aber "jetzt redet niemand mehr darüber. Die Zeit heilt Wunden und das ist auch gut so. Unsere Gäste haben die Terrornacht, denke ich, eher vergessen", erzählt der Barinhaber. Vor einer anderen Bar zieht ein Kellner gerade genüsslich an seiner E-Zigarette. Er will zwar nicht über seine Erlebnisse vom 2. November 2020 erzählen, aber: "Am Dienstag haben hier alle aus Angst vor der großen Medienpräsenz geschlossen. Nur ein Lokal wird geöffnet sein, aber nur für Angehörige und Betroffene."