Rudy Althoffs Hunde wuseln bellend durch die Manege, Jongleur Mario Berousek wirft sieben Keulen gleichzeitig in die Luft, Los Ortiz aus Kolumbien radeln über das Hochseil und lassen dem Publikum den Atem stocken, wenn einer von ihnen beim waghalsigen Springseilspringen auf dem Todesrad in luftiger Höhe ins Stolpern gerät, und auch Andrea Navratils Luftakrobatik am Netz hat es in sich. Das Publikum spendet den Artisten rund um Direktor Louis Knie junior frenetischen Applaus, johlt, pfeift und macht auch jeden Blödsinn von Clown Don Christian gerne mit. Wäre nicht zu Beginn eine Durchsage gewesen, in der die Erleichterung darüber, endlich wieder vor Publikum auftreten zu dürfen, in Worte gefasst wurde, könnte man meinen, es wäre alles so wie früher beim aktuellen Wien-Gastspiel des Circus Louis Knie. Zumal bisher noch keine Maskenpflicht gilt.

Ausverkauft ist das Zelt an diesem Sonntagnachmittag freilich nicht, das noch bis 28. November bei der U2-Statio Donaumarina steht. Dabei war es eine der besser besuchten Wochenendvorstellungen. Unter der Woche ist es seit der 2G-Regelung "ruhiger geworden ist", wie es der Direktor formuliert. Knie ist aber froh, dass sein Zirkus überhaupt spielen kann: "Voriges Jahr haben wir im März angefangen - und nach genau drei Spieltagen war Lockdown. Dann war sieben Monate nix, danach haben wir drei Monate gespielt, und dann war wieder elf Monate nix. Jetzt haben wir in Linz wieder begonnen und einen Monat gespielt, das war ziemlich gut besucht. Und jetzt sind wir schon fünf Wochen in Wien und können zufrieden sein."

Angesichts der jüngsten Corona-Verschärfungen zittert Knie freilich nun darum, dass es so bleibt und er nicht ein weiteres Mal zusperren muss: "Wir hoffen einfach. Wir können es nicht mehr erlauben, dasselbe wie vergangenes Jahr zu haben. Das war wirklich eine furchtbar harte Zeit für uns. Wir haben das Zelt aufgebaut gelassen und täglich von acht Uhr morgens bis abends um zehn alle wie verrückt trainiert, sogar am Sonntag. Die Akrobaten haben Angst gehabt, dass sie die Kraft verlieren und das Vertrauen, was auf dem Todesrad oder dem Hochseil natürlich fatal wäre." Kurzarbeit gibt es nicht im Zirkus, betont Knie. Seine rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat er in der Pandemie alle gehalten. "Die sind ohne Lohn bei uns geblieben, wir konnten ihnen ja nicht einen Cent bezahlen. Unser Team ist ein Wahnsinn."

Louis Knie junior präsentiert selbst eine Pferdenummer. - © Circus Louis Knie
Louis Knie junior präsentiert selbst eine Pferdenummer. - © Circus Louis Knie

Nicht einmal Geld für Zigaretten

Und auch den Bürgermeistern und Bauern von Graz und Linz sowie dem Lions Club richtet er besonderen Dank aus: "Die haben uns so sehr geholfen! Wir haben Gutscheine über 20.000 Euro bekommen, damit unsere Leute was zu Essen bekamen. Rechnungen wurden gestundet, wir haben den Standplatz gratis bekommen, Strom und Wasser, die Linz AG hat für uns mehr als 600 Tonnen Mist weggeführt, einzelne Personen haben uns mit Essen und Tierfutter versorgt. Das war großartig!" Hart war es insbesondere für die jungen Kolumbianer, die nun wieder auf Hochseil und Todesrad zu sehen sind, erzählt der Direktor: "Die sind Anfang 2020 mit vielleicht 50 Euro in der Tasche zu uns gekommen und konnten gerade einmal drei Tage spielen. Sie konnten sich dann nicht einmal mehr Zigaretten kaufen."

Besonders deprimierend war das tägliche Training in der Manege vor gähnend leeren Rängen: "Der Jubel, das Klatschen, das Lachen haben uns so gefehlt. Am ersten Tag in Linz, als wir wieder gespielt haben, hatten alle Tränen in den Augen. Wieder vor Publikum auftreten zu können, dieses Gefühl war noch schöner, als endlich wieder Geld zu verdienen." Sein Zirkus ist nur einer von vielen, denen die Pandemie zugesetzt hat. "Viele große Nummern, die auch nach Monte Carlo zum Zirkusfestival fahren hätten sollen, sind kaputt. Wo ein Dutzend Artisten zusammenarbeiten sollten, das hat sich zerstreut in der Pandemie", erzählt Knie, der ja einer berühmten Zirkusdynastie entstammt. Bis auf den Schweizer Familienzweig ist von den großen Zirkussen derzeit sonst keiner auf Tournee. Und von den kleineren mussten nicht wenige zusperren.

"Die Leute fragen explizit, ob wir eh auch Tiere haben", sagt Zirkusdirektor Knie. - © Circus Louis Knie
"Die Leute fragen explizit, ob wir eh auch Tiere haben", sagt Zirkusdirektor Knie. - © Circus Louis Knie

Besonderen Zulauf hat in Wien natürlich die Tierschau in der Pause. Der Circus Louis Knie wurde mit der Note 1 für seine Tierhaltung ausgezeichnet. Aber braucht ein Zirkus im Jahr 2021 wirklich noch Tiere, wo doch zum Beispiel Roncalli höchst erfolgreich auf einen reinen Menschenzirkus umgestellt hat oder auch der Cirque de Soleil von Anfang an mit diesem Konzept reüssieren konnte? "Die Leute rufen bei uns an und fragen explizit nach, ob wir eh Tiere haben", erklärt der Direktor, der selbst eine Pferdenummer präsentiert. "Die Leute wollen Tiere sehen. Ich selber bin mit Elefanten aufgewachsen, die gibt es seit 2005 nicht mehr. Wir haben sie immer artgerecht gehalten. Unseren Pferden geht es gut - alle Vorgaben erfüllen wir noch dreimal stärker." Das gelte nun auch für die Corona-Regeln, sagt Knie. Nicht auszudenken, wenn das 440 Sitzplätze fassende Zirkuszelt zum Corona-Cluster würde. Ein mulmiges Gefühl bleibt aber, wenn die Masse - bisher ohne Maskenpflicht - zum lautstarken Johlen aufgefordert wird.

Auf die Frage, was er selbst aus der Pandemie für sich mitnimmt, sagt Knie: "Nix. Es war ein Albtraum. Wir haben schon alles erlebt: Matschplätze, wo uns die Feuerwehr rausziehen musste, oder Stürme, die das Zelt weggeweht haben - aber so etwas Schlimmes wie die vergangenen eineinhalb Jahre hatten wir noch nicht. Das war ein Horror."