Im Herbst verlieren die Bäume ihre Blätter. Und die Menschen ihren Verstand. So sieht es zumindest Claudia. Die 40-Jährige eilt durch den Wiener Stadtpark. Sie ist spät dran, an diesem kalten Herbstmorgen. Vor dem Büro möchte sie am Stubenring noch einen Corona-Test machen. Trotz dritter Impfung. Sicher ist sicher. Mit schnellen Schritten trippelt sie über den Asphaltweg. Vorbei an einem Transparent. "Corona ist ein Intelligenztest", steht da. "Wer durchfällt, wird geimpft." Claudia tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. Die Geste gilt dem Grüppchen daneben. In warmen Parkas sitzen Menschen um ein Lagerfeuer, hinter ihnen rund 20 Zelte auf laubbedeckter Wiese – das sogenannte Corona-Protestcamp.

Gegen das Coronavirus protestieren die Aktivisten natürlich nicht. Dafür bräuchte es keinen Protest. Maskentragen, Impfen, Abstandhalten, Testen würde genügen. Genau dagegen protestieren sie aber. Masken lehnen sie prinzipiell ab. Testen auch. Die Impfung sowieso. Jede einzelne Maßnahme gegen die Verbreitung des Virus ist in ihren Augen nichts als Humbug. Sinnlose Schikane. Denn das Virus existiere gar nicht. Und wenn, dann sei es harmlos. "Korrupte Kriminelle" würden das "weiße Volk" durch Impfungen "auslöschen" wollen. Die große Rochade der Rassen sei von langer Hand geplant, von den Rothschilds und Soros der Welt. Jörg Haider und Michael Jackson wussten davon, darum mussten sie sterben. Theorien wie diese haben Hochsaison. Die Aktivisten verbreiten sie seit knapp zwei Wochen im Stadtpark. Ob das Camp angesichts des verkündeten Lockdwons nun geräumt wird, ist ungewiss. "Aktuell sind Versammlungen weiter erlaubt", heißt es aus der Wiener Landespolizeidirektion. Freiwillig werden die Protestierenden nicht abziehen. Sie wollen ihren "Kampf" fortführen, um "den Wahnsinn des Corona-Herrschafts-Regimes" zu stoppen.

Den Wahnsinn ortet Claudia eher auf der Seite der Aktivisten. Zwischen ihr und dem frierenden Grüppchen klafft ein unüberwindbarer Graben. Hier die Bürgerin, die ihre Kontakte reduziert, Interviews mit Virologen und Epidemiologen liest, sich impfen lässt, die vorbildlich jede Maßnahme einhält. Dort die vehementen Corona-Leugner, die sich eher einsperren als impfen lassen würden, die der Wissenschaft kein Wort glauben, sich lieber in krude Verschwörungstheorien verstricken – und hinter jedem Zeitungsartikel selbst eine Verschwörung wittern. Sie stehen sich diametral gegenüber und repräsentieren die beiden Lager, in die sich auch die Gesellschaft spaltet.

Seit Monaten zieht sich ein Riss durch das Land. Er läuft über Stammtische, er läuft durch Büros, Pausenhöfe, Schlafzimmer. "Im Frühling 2020 stand die Bevölkerung noch relativ geschlossen hinter der Regierung und ihrem ersten verhängten Lockdown", sagt Julia Partheymüller vom Austrian Corona Panel Project (ACPP) der Universität Wien. Doch der Konsens war spätestens mit der zweiten Welle im Herbst dahin. Trotz Intensivstationen am Anschlag wollten manche die Einschränkungen nicht mehr mittragen. Und täglich wurden sie mehr. "Die Opposition, allen voran die FPÖ, befeuerte den Konflikt, indem sie gegen die Regierung mobilisierte", sagt Partheymüller.

Esoterische Medizinfeindlichkeit

Jenseits des Risses wurden – angesichts dramatisch steigender Todeszahlen – die Rufe nach härteren Regeln lauter. Sie fanden sich in der SPÖ wieder, die in Wien einen strengeren Weg als der Bund beschritt. Spätestens mit der Zulassung der Impfstoffe und der damit einsetzenden Diskussion über die Impfpflicht wurde aus dem Riss ein Graben. Auf der einen Seite stehen die Geimpften, auf der anderen die Ungeimpften. Die am Freitag verkündete Impfplicht könnte den Konflikt weiter anheizen. Laut Daten des ACPP sind 14 Prozent der Österreicher fest entschlossen, sich nicht impfen zu lassen. Unter den Wählern der FPÖ ist die Ablehung mit 29 Prozent am höchsten.

Das Spektrum der Impfgegner ist breit. Im Stadtpark campiert ihre Speerspitze. Die Positionen der Protestierenden sind harter Tobak. Sie verbreiten sie in Gesprächen, auf Flyern und Plakaten. Von "Impfpropaganda" ist da die Rede. Von einer neuen "Diktatur". Die Impfung würde töten. Sie sei dazu konzipiert worden, die Bevölkerung "auszurotten". Durch Corona selbst käme es zu keinen Todesfällen. Viren würden nicht krankmachen. Alles Fake. Auch die Spanische Grippe hätte es nie gegeben. Die Menschen seien alle an einer "Massen-Zwangsimpfung" gestorben.

Wer groteske Theorien dieser Art hören möchte, muss nicht erst in den Stadtpark gehen. Sie sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ein ehemaliger Universitätsprofessor befürchtet, von Bill Gates persönlich gechipt worden zu sein. Der Onkel am Küchentisch faselt von gefälschten Todeszahlen, während er seine Suppe löffelt. Die nette Nachbarin redet nicht mehr mit Geimpften. Sie hat Angst, dadurch unfruchtbar zu werden. "Seit Beginn der Pandemie verzeichnen wir einen starken Beratungsanstieg zum Thema Verschwörungstheorien", sagt Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen. "Die Theorien werden nicht nur häufiger, sondern auch irrationaler und extremer." Familienangehörige, Partner, Freunde radikalisieren sich plötzlich und vertreten realitätsferne Ansichten.

Die Protestierenden vom Stadtpark vergleichen die Corona-Politik mit der Judenverfolgung durch das NS-Regime. 
- © Matthias Winterer

Die Protestierenden vom Stadtpark vergleichen die Corona-Politik mit der Judenverfolgung durch das NS-Regime.

- © Matthias Winterer

Die Gründe dafür sind laut Schiesser vielfältig. "Wir leben in einer Zeit, in der wir ständig mit Krisen konfrontiert sind, sei es die Flüchtlingsproblematik, sei es der Klimawandel, sei es die Pandemie. Aufbruchsstimmung herrscht schon lange keine mehr." Die Menschen würden eine Ohnmacht empfinden, angesichts der komplexen Probleme der Welt. "Die Verschwörungstheorie gibt einfache, wenn auch falsche, Antworten." Sie lebe auch vom Verlust der Autoritäten. "In einer postmodernen Welt kann sich jeder seine Fakten kreieren. Wir haben unsere Kinder dazu ermutigt, ihrem Bauchgefühl zu vertrauen, sich selbst als Zentrum des Universums zu sehen, ihr Wohlbefinden vor jenes der Gemeinschaft zu stellen." Menschen, die in abstruse Weltanschauungen abdriften, befriedigen damit auch narzisstische Bedürfnisse. "Sie sehen sich als Teil einer Elite, die die Wahrheit kennt und genießen es, die Person in der Familie zu sein, die die anderen belehrt." In der Esoterik machen sich seit Jahren Verschwörungstheorien breit. "Viele esoterische Strömungen zeichnet eine starke Medizinfeindlichkeit aus", sagt Schiesser. "Sie kritisieren Pharmafirmen, vertrauen keinen Ärzten, stehen der Wissenschaft skeptisch gegenüber."

Rechtsextreme Unterwanderung

Steine im Krug sollen das Trinkwasser beleben. Kinder schlucken homöopathische Kügelchen gegen Nervosität. Wünschelrutengänger loten das Parlament nach Störfeldern aus. Phänomene wie diese sind längst Mainstream geworden. Sie wurden über Jahrzehnte kaum hinterfragt. Wissenschaftlich belegen lässt sich ihre Wirkung nicht. Ganz im Gegenteil. Sie widersprechen der Wissenschaft.

Und bereiteten den Weg für die abstrusen Ideen der Protestierenden vom Stadtpark. Die verstehen sich als Widerstandsbewegung. Als eingeschworene Gemeinschaft, die sich selbstlos gegen das Unrecht einsetzt. Am Lagerfeuer sitzt eine zierliche Frau. Braune Jacke, rot gefärbte Haare, ein Piercing über dem Mund. Die Protestierenden hängen ihr an der Lippe. Jennifer Klauninger ist eines der Aushängeschilder der heimischen Corona-Leugner-Szene. Bekanntheit erlangte sie durch das Zerreißen einer Regenbogenfahne auf der Bühne einer Kundgebung. 2015 organisierte sie an der österreichisch-slowenischen Grenze Demonstrationen gegen "unkontrollierte Zuwanderung". Klauninger war Mitglied der FPÖ und pflegt Kontakte zur rechtsextremen Szene. In den Sozialen Medien erreicht sie Millionen.

Rechtsextreme haben längst den Coronadiskurs gekapert. "Sie haben sich auch geschickt in esoterische Kreise eingebracht. Auch weil sich gewisse Vorstellungen überschneiden", sagt Schiesser. Vor den Zelten im Stadtpark kleben massenhaft Plakate am Boden. Einige vergleichen die Corona-Politik mit der Judenverfolgung durch das NS-Regime. "Schluss mit dem Corona Faschismus" steht da etwa auf einer rot-weiß-roten Flagge.

Claudia schüttelt fassungslos den Kopf, setzt sich eine FFP2-Maske auf und eilt Richtung Teststraße davon.