Sie steht inmitten des Wiener Regierungsviertels und damit im Zentrum der Macht. Und sie wird - obwohl sie mit den Minoriten inzwischen nichts mehr zu tun hat - immer noch so genannt: Die Minoritenkirche im 1. Bezirk ist zum Austragungsort eines innerkatholischen Zwistes geworden. Ausgebrochen ist dieser am 27. Jänner 2019, als die Spaltung der bis dahin in der Minoritenkirche ansässigen italienischen Gemeinde verkündet wurde. Deren Wurzeln am Standort reichen bis ins Jahr 1784 zurück, als Kaiser Josef II. die Minoritenkirche der Italienischen Kongregation Maria Schnee schenkte, damit die katholische Gemeinde der Italiener in Wien ein spirituelles Zuhause bekam.

Entsprechend groß war die Verbitterung in der Italienischen Kongregation darüber, dass ein Teil der Gemeinde als Missione Cattolica Italiana von der Erzdiözese Wien in die Pfarre Alser Vorstadt im 8. Bezirk, wo der Minoritenorden seine Konventskirche hat, transferiert wurde. Als sogenannte Rektoratskirche ist die Minoritenkirche nämlich keine eigenständige Pfarre, sondern ihr Rektor untersteht direkt dem Erzbischof. Und ab hier wird es schwierig. Denn der Verein, in dessen Besitz die Minioritenkirche bisher war, hat diese mit 25. Mai 2021 an den Verein der Freunde der Priesterbruderschaft St. Pius X. geschenkt.

Schwieriges Verhältnis

Ein Vorgang, von dem man in der Erzdiözese Wien erst im Nachhinein aus den Medien erfahren hat. Und der dort manchem sauer aufgestoßen sein dürfte. Denn, so Diözesansprecher Michael Prüller: "Die Piusbruderschaft erkennt den regulären Bischof nicht als Vorgesetzten an. Somit hat die Erzdiözese über das weitere Geschehen in der Minoritenkirche keinen Einfluss und keine Aufsicht." Der Ursprung des Konflikts liegt in den 1960er Jahren, als sich der konservative französische Erzbischof Marcel Lefebvre gegen die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils wandte und in weiterer Folge die Piusbruderschaft gründete. Er wurde später erst von Papst Paul VI. suspendiert und dann von Johannes Paul II. auch exkommuniziert, nachdem er gegen dessen Veto vier Bischöfe geweiht hatte. Das Verhältnis der Piusbrüder zur Amtskirche hat sich zwar unter den Päpsten Benedikt XVI. und Franziskus wieder verbessert, ihr kirchenrechtlicher Status ist aber bis heute nicht ganz klar.

Die Erzdiözese vertritt jedenfalls den Standpunkt, dass "nach der nunmehr erfolgten Übergabe der Minoritenkirche an die mit der katholischen Kirche im Konflikt stehende Piusbruderschaft der Stiftungszweck wohl nicht mehr erfüllt werden kann", während die Seelsorge der italienischen Gemeinde durch die Übersiedlung in den 8. Bezirk ungefährdet sei. Die Verlegung in die Pfarrkirche Alser Vorstadt "garantiert eine ruhige und gedeihliche Weiterführung ihrer Tätigkeit".

In der Italienischen Kongregation sieht man das ein wenig anders. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" wird Kritik an der Vorgehensweise der Erzdiözese und des Minoritenordens geübt: "Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt." Vor allem wird die positive Rolle der Piusbrüder betont: "Von der Erzdiözese wurden wir in der Vergangenheit vernachlässigt. Die Übernahme durch die Piusbruderschaft verbessert unsere Situation, weil sie für Kontinuität sorgt. Im Rahmen des Schenkungsvertrags wurde nämlich garantiert, dass für die italienischsprachigen Messen immer ein Zelebrant da sein wird. Auch der Vereinssitz in den gewohnten Räumlichkeiten, die Kurse der italienischen Schulen und die musikalischen Programme bleiben in der gewohnten Autonomie bestehen." Ob dem kircheninternen Zwist ein handfester öffentlicher Konflikt folgen wird oder ob die ganze Sache irgendwann still beigelegt wird, bleibt abzuwarten.

Reine Gottesdienstgemeinde

Italienischsprachige Messen gibt es jedenfalls in der Minoritenkirche nach wie vor zwei pro Woche: eine meist schwach besuchte samstags um 17 Uhr und eine mit mehr Zulauf sonntags um 11 Uhr. Zu den Gottesdiensten kommen neben in Wien lebenden Italienern vor allem Touristen. Die Italienische Kongregation Maria Schnee ist heute eine reine Gottesdienstgemeinde, es gibt also kein Gemeindeleben abseits der Gottesdienste, auch kein Pfarrcafé, höchstens ab und zu eine Agape bei großen Festen. Zur abgespalteten italienischen Gemeinde in der Alser Vorstadt gibt es noch lose Kontakte.

Zum Schluss noch eine kurze Erläuterung zu Maria Schnee. Der Beiname der Kongregation geht auf ein Schneewunder im 4. Jahrhundert in Rom zurück: Laut Überlieferung erschien die Gottesmutter in der Nacht auf 5. August 358 dem Patrizier Johannes und seiner Frau und versprach ihnen einen Sohn, wenn ihr zu Ehren eine Kirche dort errichtet werde, wo am nächsten Morgen Schnee liege. Das Ehepaar begab sich daraufhin zu Papst Liberius, der denselben Traum gehabt hatte. Am Morgen des 5. August lag dann auf der höchsten Erhebung des Esquilinhügels mitten im Sommer Schnee. Liberius ließ dort die Basilika Santa Maria Maggiore errichten.