Sechs Jahre ist es jetzt her. Damals, am 1. Juni 2015, wurde die erste "Pfarre Neu" in der Erzdiözese Wien kirchenrechtlich offiziell eingerichtet. Die drei Pfarren St. Johann Evangelist, Zur Heiligen Familie und Zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit im 10. Bezirk schlossen sich zur neuen Großpfarre Zum Göttlichen Wort zusammen. Es war der erste große Schritt im Rahmen der großen Strukturreform, mit der sich die Erzdiözese auf eine Zukunft mit weniger Katholiken, weniger Priestern und auch weniger katholischen Gotteshäusern vorbereiten will.

Die knapp 660 bis dahin voneinander unabhängigen Pfarren in den drei Vikariaten in Wien und Niederösterreich wurden damals zu 140 sogenannten Entwicklungsräumen gruppiert. Als Ziel wurde ausgegeben, bis zum Jahr 2022 etwa 80 Prozent davon zu Großpfarren zusammenzuschließen. Ging es zunächst Schlag auf Schlag, verläuft dieser Prozess nicht erst seit der Corona-Pandemie schleppender. Bei manchen Pfarren klappte die Zusammenlegung mehr oder weniger reibungslos, andere hadern bis heute damit. Nicht jede Teilgemeinde kann mit jeder gut, und nicht alle sind mit allen gleich stark vernetzt; da und dort herrscht noch eine gewisse innere Autarkie.

Bereits im Jahr 2019 hat man in der Erzdiözese darauf reagiert und die Modelle erweitert. Aus der "Pfarre Neu" wurde die "Pfarre mit Teilgemeinden", und aus dem Entwicklungsraum als Basis, den jeweils mehrere Pfarren gemeinsam bilden, kann nun dreierlei werden: ein Seelsorgeraum, ein Pfarrverband oder eben eine komplett neue Pfarre mit Teilgemeinden. Bei Letzterer liegt die Quote derzeit bei 12 Prozent, "aber beim Pfarrverband stehen wir bereits bei 42 Prozent", erläutert Stefan Lobnig, Leiter des Bereichs Pfarrgemeinderäte und Pastorale Strukturentwicklung in der Erzdiözese Wien.

Zwei neue Großpfarren
noch im heurigen Jahr

Er glaubt allerdings, dass sich die Strukturen irgendwann wieder angleichen "und wir dann überall eine vielleicht auch adaptierte Form von Pfarren mit Teilgemeinden haben werden". Zwei neue Großpfarren kommen heuer noch dazu: Die eine ist die Pfarre Zu den Heiligen Schutzengeln (mit den Teilgemeinden Ebergassing, Gramatneusiedl, Mitterndorf/Fischa, Moosbrunn und Wienerherberg) im Vikariat Süd. Die andere ist die Pfarre Währing im Vikariat Stadt, zu der sich mit
1. Jänner vorerst vier der fünf Pfarren in Wien-Währing zusammenschließen. Die fünfte hat zwar bereits den selben Pfarrer und ist auch im selben Entwicklungsraum, wird aber noch nicht Teil der gemeinsamen Pfarre.

Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre liegt der Fokus bei der Strukturreform momentan stärker auf den Pfarrverbänden, "die in vielerlei Hinsicht ja schon das tun, was eine Pfarre mit Teilgemeinden tut: gemeinsame Leitung, gemeinsame Aktivitäten, gemeinsame Gremien - aber halt vermögensrechtlich eine Selbständigkeit, was für viele noch ein großes Thema zu sein scheint", wie Lobnig feststellt. Die eigene Rechtspersönlichkeit zu verlieren, davor scheuen manche noch zurück. "Es hat viel mit Identität zu tun. Und es dauert einfach, bis das gegenseitige Vertrauen im Pfarrverband groß genug ist. Und dass man weiß, dass die Identität am Standort hängt, aber nicht an der Rechtspersönlichkeit."

"Das Ziel ist Profilierung
und nicht Assimilierung"

Grundsätzlich besteht der Sinn der ganzen Reform in Synergieeffekten, die sich durch eine Zusammenarbeit in einzelnen Bereichen ergeben sollen. "Das Ziel ist eine Profilierung und nicht eine Assimilierung. Also verschieden ausgerichtete Gemeinden unter einem Dach sind schon gut. Und gerade jene, die vielleicht schon seit Jahrzehnten alleine an einen Pfarrer gebunden sind, sollten sich mit Blick auf die Zukunft öffnen. Diese enge Verknüpfung von Gemeinde und Pfarrer geht für eine gewisse Zeit gut, aber irgendwann kommt der Moment, wo es beginnen kann, schwierig zu werden." Das könnte auch den Übergang zu einer neuen Führung erleichtern.

Die Pfarre mit Teilgemeinden sorgt auch dafür, dass die Geistlichen sich daran gewöhnen müssen, dass die Laien in der Pfarrgemeinde noch mehr mitbestimmen als früher. Denn neben dem Pfarrgemeinderat (PGR) wurden weitere Gremien eingezogen: ein Vermögensverwaltungsrat, in dem neben dem Pfarrer als Vorsitzendem auch ehrenamtliche Vertreter der Teilgemeinden sitzen; ein Pfarrleitungsteam (früher: PGR-Vorstand), in dem ebenfalls die Laien eine wichtige Rolle spielen; und jeweils eigene Gemeindeleitungsteams für die Teilgemeinden. Umgekehrt müssen auch die Gemeindemitglieder erst lernen, dass jetzt eben nicht mehr jede Entscheidung dem Pfarrer überlassen werden kann.

Eine weitere Umstellung für die Geistlichen ist, dass sie nun - für viele ungewohnt - in größeren Teams zusammenarbeiten (müssen): Sie sind jetzt meistens zu dritt bis fünft. Hier wurde ein Pilotprojekt für eine zweijährige Begleitung in einigen Entwicklungsräumen ausgerollt, auch auf Basis der Erkenntnisse aus einer großen Studie zur Situation der Seelsorger, die vor drei Jahren durchgeführt wurde. Ob nun die Geistlichen einer Pfarre in einer "Vita communis" gemeinsam an einem Ort wohnen sollen oder doch jede Teilgemeinde weiterhin "ihren" Priester vor Ort im bestehenden Pfarrhaus haben soll, dazu gibt es keine strikte einheitliche Vorgabe seitens der Erzdiözese, erklärt Lobnig. "Es gibt schon das Ziel einer ‚Vita communis‘ seitens des Erzbischofs, aber es kommt auch auf die örtlichen Gegebenheiten an. Es darf auch nicht zu einem Hausmeistertum verkommen. Und die Frage ist natürlich, wie viele Immobilien wir uns langfristig leisten können."

Es könnten noch weitere Kirchen abgegeben werden

So ist die Übergabe von Kirchen an andere christliche Gemeinschaften noch nicht abgeschlossen. "Es gibt noch die einen oder anderen Ideen", sagt der Bereichsleiter, Details dazu will er aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht verraten. Insbesondere die Übergabe der Pfarrkirche Maria vom Siege im 15. Bezirk hat ja im Nachklang für einigen Unmut gesorgt. Nicht alle Anrainer waren glücklich darüber, als das Gotteshaus im Jahr 2015 der koptisch-orthodoxen Kirche geschenkt wurde. Allerdings war davor auch schon nicht alles rund gelaufen am Mariahilfer Gürtel: Die Kirche war dringend sanierungsbedürftig, mindestens 10 Millionen Euro hätten investiert werden müssen, weshalb die Erzdiözese das Gebäude schon 2010 an die serbisch-orthodoxe Kirche abgeben wollte. Nun beten dort eben ägyptisch(stämmig)e Christen.

Auch mit dem Modell der Pfarre mit Teilgemeinden sind nicht alle Betroffenen zufrieden. Immer wieder gibt es Animositäten zwischen einzelnen Teilgemeinden, fühlen sich manche übervorteilt oder übergangen. Schwierig wird es auch, wenn zum Beispiel das geistliche Führungsteam nicht ausgetauscht wird und dem einen Pfarrer der andere plötzlich als Chef vor die Nase gesetzt wird. Auch die Mitglieder der ehrenamtlichen Gremien müssen bei solchen Pfarrfusionen erst lernen, wie sie richtig zusammenarbeiten und wo sie gemeinsam besser dran sind als mit Alleingängen, dass es zum Beispiel kein Wegnehmen ist, wenn alle (wenigen) Firmlinge in einer von drei oder vier Teilgemeinde vorbereitet werden.

Wie kann man den Pfarrgemeinden die Scheu davor nehmen? "Das muss man auf jeden Fall vor Ort lösen, nicht zentral", meint Lobnig. "Realistischerweise muss man auch sagen, dass gerade in Wien viele dieser Jugendlichen nach der Firmung eine längere kirchliche Durststrecke haben werden und erst als junge Familien wiederkommen und dabei vielleicht ohnehin in ganz anderen Pfarren landen werden. Aus dieser Perspektive wäre es sinnvoll, wenn sie sehen: Das ist die katholische Kirche, die hat verschiedene Standorte, und ich wähle für mich den aus, der am besten passt." Und ein Stück weit wird sich die Kirche auch einfach daran gewöhnen müssen, dass sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ändern. Generell sieht Lobnig einen Schlüssel für die Veränderung in einer gemeinsamen Ausrichtung. "Je klarer diese Ausrichtung ist, desto mehr rücken die Partikularinteressen in den Hintergrund."

"Die Spielräume sind da - sie werden nur oft nicht genutzt"

Es gibt mehrere Beispiele für gelungene Pfarrzusammenlegungen in Wien. Lobnig nennt etwa die neuen Pfarren Zur Frohen Botschaft (4./5. Bezirk), Mutter Teresa (14. Bezirk), Hildegard Burjan (15. Bezirk) oder Franz von Sales (19. Bezirk). Es hängt natürlich viel vom Pfarrer ab, ob er tatsächlich eine Führungspersönlichkeit ist, die aber auch dem ehrenamtlichen Leitungsteam genügend Mitbestimmung lässt. "Dann erkennen die Gemeindemitglieder auch den Mehrwert und identifizieren sich damit", meint Lobnig.

Er stellt auch fest: "Die Spielräume durch die Diözese sind da - sie werden nur oft nicht genutzt. Die Frage ist, wie lange das gut geht." Daraus resultiert seiner Meinung nach auch zu einem Teil "die Frusterfahrung in manchen Pfarren, dass sich durch die neuen Strukturen nichts geändert hat - aber wenn man vor Ort nichts ändert, dann bleibt alles, wie es war. Das kann auch nicht zentral geändert werden." In der Erzdiözese hat man aber zumindest die Hoffnung, dass die Pfarren durch die neuen Strukturen für die Zukunft gerüstet sind.

Ob die einzelnen Pfarren ohne die Zusammenschlüsse schlechter durch die Corona-Pandemie gekommen wären, wagt Lobnig nicht zu beurteilen. Was er aber feststellt: "Die Pfarre Franz von Sales zum Beispiel profiliert ihre einzelnen Teilgemeinden sehr stark mit unterschiedlichen Ausrichtungen, sei es Jugend oder Caritas, und investiert auch entsprechend in ihre Gebäude. Eine einzelne Pfarre für sich hätte das so sicher nicht machen können. Hier werden die vorhandenen Spielräume auch stark genutzt." Überhaupt ergeben sich im Idealfall viele Synergieeffekte, auch in den Leitungsgremien. Denn in jeder Teilgemeinde gibt es den einen oder anderen Spezialisten, von dessen Expertise auch die anderen profitieren können. Wenn er von ihnen gefragt wird.

Ein Indikator dafür, ob sich die Strukturreform bewährt, werden unter anderem die Pfarrgemeinderatswahlen am 20. März 2022 sein: Da wird sich weisen, ob die bisherigen Mitglieder der Leitungsgremien für eine weitere Amtszeit in den neuen Pfarrstrukturen kandidieren.