Bei SOS-Kinderdorf denken die meisten wohl in erster Linie an Frauen, die mit mehreren Kindern in Wohngemeinschaften zusammenleben. Dabei umfasst die 1949 von Hermann Gmeiner gegründete Organisation, die heute in 137 Ländern aktiv ist, inzwischen sehr viel mehr: Allein in Wien betreibt SOS-Kinderdorf nicht nur mehrere Wohngruppen und Betreutes Wohnen, sondern auch mobile Hilfe für Familien, ein Ambulatorium für Kinder- und Jugendpsychiatrie, eine Nachbetreuungsstelle für ehemalige Kinderdorfbewohner - und seit dem 27. Oktober 2020 auch einen Second-Hand-Shop für Spielzeug.

Mitten in der Pandemie wurde im Vorjahr der "SOS-Ballon" an der Schönbrunner Straße 75 im 5. Bezirk eröffnet. Die Kunden, die in diesem speziellen Spielzeuggeschäft einkaufen dürfen, in dem es von Puppe über Puzzle bis Buch so gut wie alles gibt, sind Geringverdiener. "Das teuerste Spielzeug kostet momentan 20 Euro, die meisten Sachen bewegen sich aber zwischen 50 Cent und 5 Euro - der Neupreis wäre natürlich ein Vielfaches", erklärt Martina Wiener. Die Mitarbeiterin von SOS-Kinderdorf verbringt zehn Stunden pro Woche ihrer Dienstzeit im "SOS-Ballon". Ihr zur Seite steht Sarah Tanzer als zweite Angestellte. Daneben gibt es mehrere Freiwillige, die beim Sortieren und Verkaufen helfen. "Da suchen wir immer Helfer", sagt Kinderdorfleiter Dieter Schrattenholzer.

- © Aleksandra Pawloff
© Aleksandra Pawloff

"Vielen ist nicht bewusst, dass sie bei uns einkaufen dürfen"

Auch wenn die Preise den Einkommensverhältnissen der Kunden angepasst sind, sollen sie sich nicht als Bittsteller fühlen. Deshalb wirkt der "SOS-Ballon" auch ganz bewusst nicht wie der Sozialmarkt, der er ist. Das Spielzeug kommt freilich ausschließlich von privaten Spendern. Das ist auch die Intention des Second-Hand-Shops. "Wir wollen einerseits Kindern und ihren Familien helfen und andererseits auch Spielzeug eine zweite Chance geben", erläutert Schrattenholzer. "Es ist B- und C-Ware - aber hochwertige", betont er. Und: "Es ist ein offenes Geschäft - Ehrenamtliche, Kunden und Spender begegnen einander hier, und zwar auf Augenhöhe." Spielzeug im Laden auszuprobieren, ist übrigens ausdrücklich erlaubt, betont Wiener.

Angesichts der gar nicht so niedrigen Einkommensgrenze - 1.200 Euro netto für Alleinerziehende, 1.600 Euro netto für Paare und 350 Euro zusätzlich pro Kind - stellt Wiener fest: "Vielen ist gar nicht bewusst, dass sie bei uns einkaufen dürfen. Spielwaren haben wir also genug - uns fehlen die Kunden dafür." An Sachspenden mangelt es tatsächlich nicht: Im Lager türmt sich das hochwertige Spielzeug in hohen Schwerlastregalen. Auf derzeit rund 500 Kunden - und damit wohl etwa doppelt so viele Kinder, die davon profitieren - dürften etwa zehnmal so viele Sachspender kommen. Systematisch erfasst werden die einzelnen Artikel nicht, aber Tanzer schätzt, "dass es weit mehr als 10.000 sein dürften", die auf bedürftige Käufer warten.

Um die 500 Stück Spielzeug dürften in der Woche verkauft werden. "Aber wir haben natürlich auch unsere Ladenhüter, die uns irgendwie auch ans Herz gewachsen sind." Etwa jenes Puppenhaus, das seit der Eröffnung im Eingangsbereich stand und erst vorige Woche verkauft wurde. Besonders gefragt sind natürlich Lego und Playmobil - und Kinderfahrräder und Scooter. "Die suchen wir ganz dringend, da ist der Bedarf wirklich groß", berichtet Wiener.

Beim Rundgang durch die Verkaufsräume zeigt, dass der "SOS-Ballon" wirklich kein Ramschflohmarkt ist. Als sie an der Ecke mit den "Masters of the Universe"-Actionfiguren vorbeikommt, wird Wiener nostalgisch: "Das war meine Kindheit." Plötzlich liegt neben He-Man ein zweiter. Den hat eine Dame zurückgelegt, die erst an der Kassa draufgekommen ist, dass sie in diesem speziellen Spielzeuggeschäft nicht einkaufen darf. "Wir sehen es als Kompliment an unser Geschäft", meint Schrattenholzer, "dass Leute einfach Lust haben, hier einzukaufen."

Die Verkaufserlöse reichen bei weitem nicht, um den "SOS-Ballon" selbst zu tragen. SOS-Kinderdorf, das sich aus Spenden finanziert, muss gut 70 Prozent zuschießen, so Schrattenholzer. Er betont, wie wichtig solche Sozialmärkte sind: "Jedes fünfte Kind in Österreich ist von Armut betroffen, wir reden da von rund 300.000 - und das war die Zahl vor Corona. Die Pandemie und ihre Folgen werden das sicher noch einmal verschärft haben." Kurzfristig können Initiativen wie der "SOS-Ballon" helfen, "aber langfristig braucht es hier politische Lösungen".