Von den Vanillekipferln sind nur noch die Brösel auf dem Boden der Keksdose geblieben. Der Familienstreit ist abgeebbt. Die Bratwürstel wurden verdaut. Die Geschenke umgetauscht. Es ist eindeutig: Weihnachten ist überstanden. Doch der Ausnahmezustand wird schon vom nächsten abgelöst. Nach den Feiertagen stolpert der Mensch in eine seltsame Leere. Die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester sind tote Tage, Wartezeit zwischen zwei roten Kreisen im Kalender.

Der Alltag will sich nicht einstellen. Die Büros sind halb leer, viele Menschen haben frei, auf Urlaub sind sie trotzdem nicht. Es ist zu früh für den Neustart. Die Zäsur kommt erst mit dem Neujahr. Während der Kiefer die Reste des Weihnachtsschinkens zerkaut, denkt das Hirn über mögliche Vorsätze nach. Die Nachwehen des großen Festes mischen sich mit dem Blick in eine gesündere, belesenere, aktivere Zukunft. Doch noch herrscht Galgenfrist.

In den Tagen vor der großen Veränderung werden Horoskope studiert, die Playmobil-Ritterburg der Tochter zum x-ten Mal aufgebaut, das Fondue-Set entstaubt, Sudokus ausgefüllt. Beschäftigungstherapie, so richtig ins Tun kommt man nicht. Dabei gibt es so einiges zu erledigen. Der verstopfte Siphon in der Küche muss ausgeputzt, die Steuererklärung gemacht, der Keller entrümpelt werden. Dostojewskis "Schuld und Sühne" steht seit dem vorvorletzten Weihnachten unberührt im Regal. Nach den ersten gelesenen Sätzen fällt der Christbaum ins Auge.

Er verstellt den Blick auf den Fernseher. In den will man im neuen Jahr zwar nicht mehr so oft schauen, weg muss der Baum trotzdem. Kinderaugen bringt er sowieso keine mehr zum Leuchten. Die Mehrzahl seiner Nadeln liegt eindeutig unter ihm - und von den Filzschlapfen im Rest der Wohnung verteilt. Der Behang ist abgefressen. Die Kerzen ab-, die Lichterkette durchgebrannt.

Der Baum muss weg

Nichts wie weg mit dem Klimbim, mit den Kugeln, Sternen, Engerln, Ketten, Lametta. Nichts wie weg mit dem Baum. Endlich etwas Sinnvolles tun. Die bösen Erinnerungen an den Heiligen Abend löschen, an die hyperventilierende Mutter, den besoffenen Onkel, die Corona leugnende Tante, die pubertierende Tochter mit dem Handy vorm Schädl. Nichts soll das Trauma mehr triggern.

Wien ist nicht Stockholm. Der Wiener darf sich seines Bäumchens nicht über das Fenster entledigen. Er muss es die Stockwerke hinunterschleppen, danach das Stiegenhaus kehren, denn leugnen ist zwecklos, erbarmungslos verrät die Nadelspur den Entsorger. Sie zieht sich den Gehsteig entlang über den Zebrastreifen, hinter dem sie sich mit anderen Nadelspuren zu einer noch breiteren Nadelspur vereint, die vor einem großen Haufen dürrer Bäumchen endet. 557 solcher Haufen gibt es in Wien. 24,2173 im Schnitt in jedem Bezirk.

Schließlich müssen 750 Tonnen Weihnachtsbäume entsorgt werden. 170.000 Stück landen laut MA 48 (Abfallwirtschaft) jährlich auf den Sammelstellen. Laut Wiener Marktamt werden aber 400.000 verkauft. Was passiert mit den restlichen 230.000? Bei der Bescherung entflammt? Kompostiert? Im Schwedenofen verheizt? Im Restmüll entsorgt? Im Hinterhof? Am Gehsteig? Oder wurden sie einfach nicht an Wiener verkauft? Man weiß es nicht. Vermutlich eine Mischung aus allem.

Fest steht: Wären die Wiener Christbäume nicht nach wenigen Lebensjahren gekappt und verscherbelt worden, wären sie 25 Meter hohe, acht Meter breite Bäume geworden. 60 Quadratmeter braucht so eine Nordmanntanne im Wald. 400.000 solcher Bäume bilden ein stattliches Wäldchen, etwa so groß wie die Leopoldstadt mitsamt dem Prater. Ein irrationaler Gedanke. Denn für die Wiener Christbäume war nie ein artgerechtes Baumleben in der Natur vorgesehen. Ihre Bestimmung war von vornherein der Christbaumständer. Sie sind ein Produkt der Kultur - der Monokultur.

Dicht gesetzt wachsen sie in engen Reihen in humusreichen Böden in Niederösterreich, Tirol, Dänemark, Finnland. Kein Reh knabbert an ihren Wipfeln, keine Meise nistet in ihren Ästen. Hinter Maschendrahtzäunen stehen sie in Reih und Glied, schnurgerade Stämme, mit symmetrisch gezogenen Astreihen. Produziert für die Wohnzimmer der westlichen Welt, für glänzende Kinderaugen, in denen sie sich spiegeln dürfen, bevor sie zwischen Geschenkspapierberg und gefülltem Truthahn verdursten. Ein Leben für wenige Tage als Dekoelement. Nach dem Stephanitag wird der Christbaum schnellstmöglich entsorgt. Wer braucht schon einen Weihnachtsbaum nach Weihnachten? Verstellt doch nur die Sicht auf den Fernseher.

Christbäume einheizen

Doch der Christbaum kehrt zurück. Seine letzte Reise führt ihn an den Ort seines Untergangs - dem spießigen Wiener Wohnzimmer, wenn auch in anderer Form. Er wird es beheizen. In der Müllverbrennungsanlage Pfaffenau in Simmering wird mit den Christbäumen die Fernwärmeanlage befeuert. Über Kraft-Wärme-Kopplungen generieren Christbäume Strom und Wärme. Nicht einmal wenig, denn laut Wien Energie können mit den entsorgten Wiener Christbäumen einen Monat lang 1.060 Haushalte mit Strom und rund 2.470 Haushalte mit Fernwärme versorgt werden.

Brennholz verpufft in Sekunden. Und mit ihm jedes Indiz, dass eben noch Weihnachten war. Die Kekse sind aus, die Engelchen heiser, das Christkind hat Pause. Und auch die Leere zwischen den Jahren ist bald überstanden. Der Alltag steht vor der Tür. Wir lechzen nach ihm. Bis er uns einholt.