Dass ein Männerchor Frauen sucht und sich per folgender Presseaussendung an die Öffentlichkeit wendet, mag zuerst vielleicht amüsant klingen - entpuppt sich aber schnell als Tragödie:

"Wer es tut, wirkt glücklich, ob im kleinen Kreis unter Freunden oder im großen Festsaal. Singen ist Balsam für die Seele, und zwar gleichermaßen für Mann und Frau", weiß Direktor Wilfried Mandl vom Wiener Männergesang-Verein. Zur Verstärkung sucht der traditionsreiche Chor sangesfreudiger Herren ab sofort auch Sängerinnen, und zwar in der Stimmgruppe der Tenöre. Die erste Probe findet am Donnerstag, 13. Jänner 2022, um 19 Uhr im Wiener Musikverein statt. Anmeldungen unter Tel. 0676/432 68 04.

"Die Männerchöre sterben - bei uns ebenso wie in Deutschland", erzählt Chordirektor Wilfried Mandl im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Nach 172 Jahren sehen wir in den Tenören kaum eine Möglichkeit durchzukommen, wenn wir die Stimmen nicht durch Frauen verstärken", ergänzt der 75-jährige Vereinsobmann. Mit nur noch zwei Tenören in einem nunmehr 30-köpfigen Chor seien Proben nahezu unmöglich geworden, beklagt Mandl - "die werden von den Bässen weggeputzt wie nichts, die Stimmen sind gar nicht mehr zu hören".

Dabei sei der Wiener Männergesang-Verein (WMGV) noch der größte von den rund 600, die es in Österreich gebe, alle anderen hätten maximal noch zehn Sänger in der Gruppe. "Vor einem Jahr waren wir noch
40 Sänger - aber seit Corona fahren wir von einem Begräbnis zum anderen." Und von den zehn Nachwuchssängern - überwiegend Rechtsanwälte und Lehrer - komme kaum noch jemand, "die haben gesagt, sie machen erst weiter, wenn Corona ganz vorbei ist".

Eine Entwicklung, die Mandl große Sorgen bereitet. Denn sogar nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der 1843 gegründete Wiener Männergesang-Verein noch 500 Mitglieder und acht Chöre. Der WMGV galt damals noch als Sprungbrett in die Oper. Und zu Lebzeiten von Johann Strauss Sohn war er laut Mandl Auftraggeber für sieben Walzer, die heute noch regelmäßig bei den Neujahrskonzerten gespielt werden. "Die wenigsten wissen, dass der ‚Donauwalzer‘ im Auftrag des Wiener Männergesang-Vereines geschrieben wurde", erzählt er stolz. Tatsächlich wurde der "Donauwalzer" von Strauss im Spätherbst und Winter 1866/1867 komponiert und am 15. Februar 1867 in einer eigenen Fassung mit dem Wiener Männergesang-Verein uraufgeführt.

Mitbegründer des Musikvereins

Und weil dem Verein damals der ursprüngliche Schluss des vierteiligen Werkes nicht gefallen hat, soll Strauss schnell einen abschließenden fünften Teil dazugeschrieben und dafür dann statt vier auch fünf große Golddukaten dafür bekommen haben. "Ab diesem Zeitpunkt hat Strauss nur noch Walzer in fünf Teilen komponiert, weil er dafür gutes Geld bekommen hat", meint der heutige WMGV-Chef. Das Orchester von Strauss habe sich bei größeren Aufführungen sogar Fräcke und Smokings vom damals sehr wohlhabenden WMGV ausborgen müssen, der im Übrigen als größter Spender auch Mitbegründer des Wiener Musikvereinsgebäudes war. Kaiser Franz Joseph I. schenkte der Gesellschaft 1863 den Baugrund und eröffnete das von Architekt Theophil Hansen errichtete Gebäude am 5. Jänner 1870.

Der geschichtskundige Mandl erzählt auch, dass Anton Bruckner in jungen Jahren dem WMGV beitreten wollte, aber die Aufnahmeprüfung nicht schaffte. "So hochkarätig war der Männergesang-Verein einmal." Heute ist der WMGV darauf angewiesen, dass die Wiener Philharmoniker und die Niederösterreichischen Tonkünstler regelmäßig seine Räume für den Unterricht ihrer Akademiestudenten mieten. "Das hilft uns zu überleben."

Den Männerchören in Deutschland dürfte es ähnlich ergehen. So wurde der WMGV vor kurzem dorthin eingeladen - allerdings unter der Bedingung, mit mindestens 25 Sängern zu kommen. Der Grund dafür war laut Mandl die Tatsache, dass die Deutschen ohne die Wiener nicht in der Lage gewesen wären, Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel" aufzuführen. Aber schließlich musste auch Mandl fünf Tenöre als Substitute "zukaufen", weil er selbst keine 25 Sänger mehr zusammenbekam. "Wenn im ersten Tenor zwei über 70-Jährige sind und im zweiten Tenor ein 81-Jähriger, dann ist wirklich Feuer am Dach", meint der Chordirektor.

Frauen bringen ihre Söhne

Deswegen jetzt auch die Flucht nach vorne mit der Suche nach (älteren) weiblichen Tenören - auch wenn es im Archiv rund 3.500 ausschließlich für Männerchöre geschriebene Stücke gibt. Die Erfahrung anderer Männerchöre, die ebenfalls diesen Weg eingeschlagen haben, zeigt nämlich, dass Frauen die Mitgliederzahlen wieder zum Steigen bringen, "weil die dann oft ihre Söhne überreden können, ebenfalls singen zu gehen", meint Mandl. Gesungen wird beim WMGV im Übrigen ehrenamtlich, die Mitgliedschaft kostet 250 Euro im Jahr. Für Studenten gibt es eine finanzielle Unterstützung für ihr Studium, dafür müssen sie fünfmal im Monat zur Probe kommen.