In den vergangenen zehn Jahren sind vor allem in Wien die Mieten in Hauptmietwohnungen besonders stark gestiegen - nämlich um bis zu 50 Prozent. Dabei verteuerten sich Gemeindewohnungen im Schnitt um 35 Prozent, Genossenschaftsmieten um 41 Prozent und private und andere Mieten um 61 Prozent, wie aus den aktuellen Agenda-Austria-Berechnungen auf Basis von Daten der Statistik Austria hervorgeht. Und das machen sich sogenannte Prozessfinanzierer zum Vorteil: Sie bieten Mietern an, ihre Mietverträge zu überprüfen, um gegebenenfalls Mietreduktionen zu erwirken - und verlangen dafür sehr viel Geld.

Man sollte keine Verträge zwischen Tür und Angel abschließen, warnt Mieterhilfe-Leiter Christian Bartok. "Die Methoden der Prozessfinanzierer werden immer dreister." - © stock.adobe.com / Dan Race
Man sollte keine Verträge zwischen Tür und Angel abschließen, warnt Mieterhilfe-Leiter Christian Bartok. "Die Methoden der Prozessfinanzierer werden immer dreister." - © stock.adobe.com / Dan Race

Österreichweit sind laut Agenda Austria die Mieten von 2010 bis 2020 mehr als doppelt so stark angestiegen wie die Inflationsrate. Während die Preise insgesamt von 2010 bis 2020 um 19,8 Prozent zulegten, verteuerten sich die Mieten im Schnitt um 44 Prozent pro Quadratmeter. "Gestiegen sind die Wohnkosten quer über alle Segmente hinweg - ob am privaten Wohnungsmarkt, in Genossenschaftswohnungen oder in den vielen Gemeindebauten", so der wirtschaftsliberale Thinktank am Montag. Teurer als in Wien kamen private Mietwohnungen im Jahr 2020 in absoluter Höhe nur in Vorarlberg, Salzburg und Tirol.

Sinken würden die Wohnkosten erst, wenn das Angebot schneller wachse als die Nachfrage und sich die Geldpolitik normalisiere, erklärte Agenda-Austria-Ökonom Hanno Lorenz. Die vergleichsweise geringsten Verteuerungen hat Agenda Austria für diesen Zeitraum mit 35 Prozent für Gemeindewohnungen festgestellt, die an sich die günstigste Wohnform darstellen. Etwas stärker, um 38 Prozent, stiegen die Genossenschaftsmieten.

Geben sich als Mitarbeiter
der Stadt Wien aus

Windige Prozessfinanzierer würden nun schon seit geraumer Zeit versuchen, daraus Kapital zu schlagen und mit den Mietern von Altbauwohnungen schnelles Geld zu machen, beklagte Wiens Wohnbaustadträtin Kathrin Gaal am Montag. Dabei handelt es sich konkret um Unternehmen, die anbieten, das gesamte Kostenrisiko eines Verfahrens auf Hauptmietzinsüberprüfung gegen eine hohe Erfolgsbeteiligung zu übernehmen. Diese Mieterkeiler werben laut Gaal oft auf Social-Media-Kanälen oder gehen von Tür zu Tür. Sie geben sich teilweise sogar als Mitarbeiter der Stadt aus und bringen Mieter dazu, Verträgen mit sehr hohen Provisionszahlungen zuzustimmen.

"Im Gegensatz dazu hilft die Mieterhilfe Mieterinnen und Mietern von Altbauwohnungen kostenlos dabei, überteuerte Mieten zurückzufordern", betonte Gaal. Um die Wiener zu diesem Thema zu informieren und zu sensibilisieren, startet die Mieterhilfe in Kürze mit einer Social Media-Infokampagne. Gaal betonte, dass Mitarbeiter der Stadt Wien niemals ohne Vorankündigung kommen würden - und sie würden immer einen Dienstausweis dabei haben, den sie jederzeit vorzeigen können.

"In jüngster Zeit werden die Methoden der Prozessfinanzierer immer dreister. Mittels eines ‚Schnellchecks‘ werden an der Wohnungstür nur wenige Daten abgefragt, die oft zu ungenauen Ergebnissen führen und fast immer den Verdacht nahelegen, dass zu viel Miete bezahlt wird. Seien Sie deshalb auf der Hut und schließen Sie keine Verträge zwischen Tür und Angel ab", warnte auch Mieterhilfe-Leiter Christian Bartok.

Prozessfinanzierer wollen laut Bartok den Mietern vordergründig zu Gerechtigkeit verhelfen, indem sie ihre Mieten überprüfen und zu Unrecht überbezahlte Mieten zurückfordern. Diese Praxis gestaltet sich jedoch oft problematisch, da sie teilweise mehr als 50 Prozent als Provision des zurückgeforderten Betrages verlangen. Und dies nicht nur für zu viel bezahlte Miete in der Vergangenheit, sondern auch für die künftige Ersparnis - bis zu 3 Jahre im Voraus - der herabgesetzten Miete, so Bartok. Das könne sich in vierstelligen Eurobeträgen niederschlagen. Von der Rückzahlung und der ersparten Miete bleibt den Mietern dann oft nicht mehr viel übrig, wie die Beratungspraxis der Mieterhilfe zeigt.

Um die Wiener Bevölkerung über das Geschäftsmodell der Prozessfinanzierer zu informieren, startet die Mieterhilfe mit einer Social Media-Kampagne auf ihrem Facebook-Kanal. Anhand mehrerer Fallbeispiele werden die Geschäftspraktiken der Prozessfinanzierer erklärt, Rechenbeispiele sollen dabei helfen, die teils undurchsichtigen Provisionsberechnungen nachzuvollziehen.

Fallbeispiel, bei dem es einen Schaden von 25.000 Euro gab

Der Fall des Herrn B. zeige konkret, wie man die Forderungen eines Prozessfinanzierers erfolgreich abwehren kann: Der Mieter, ein junger Saxophonist aus Favoriten, bat die Mieterhilfe um Unterstützung, weil ein Prozessfinanzierer monatelang untätig war und seinen Antrag auf Mietzinsrückzahlung verjähren ließ. Die Folge: Dadurch ist Herr B. nicht mehr in der Lage, eine Rückforderung geltend zu machen. Der Gesamtschaden beläuft sich auf 25.000 Euro. Der Prozessfinanzierer-Verein streitet jede Schuld ab, bietet Herrn B. nun jedoch an, 2.000 Euro an eine karitative Organisation seiner Wahl zu spenden. Die erste Verhandlung sei zugunsten von Herrn B. ausgefallen, eine zweite Verhandlung werde folgen. Herrn B. wurde eine Rechtsanwältin zur Seite gestellt, hieß es am Montag vonseiten der Mieterhilfe.(rös)