Die rote Tapententür der Präsidentschaftskanzlei ist wohl schon jedem aufmerksamen Zuseher österreichischer Nachrichtensendungen zum Begriff geworden. Dutzende Übertragungen von Kanzler- und Ministerwechseln wie auch Covid- und Ibiza-Sondersendungen zeigten sie im Bild. Von hier aus tritt der Bundespräsident ein, auf und ins Scheinwerferlicht. Und hier verschwindet er auch wieder, allein oder mit Gast. Wie es hinter dieser Tür genau aussieht, wissen daher nur die wenigen Auserwählten, die direkt zu Van der Bellen oder einem seiner Vorgänger durften. Selbst an zum Volksfest mit Massenauflauf gewordenen "Tagen der offenen Tür" in der Präsidentschaftskanzlei vor Corona gab es bestenfalls entfernte, kurze Blicke durch den kleinen Tapeteneingang.

Der Bundespräsident und der Amtskollege aus der Schweiz gehen durch die "Hintertür" des Schlafgemachs von Maria Theresia. Im Bild auch die "verkehrt" laufende Uhr. - © Diego Rainer
Der Bundespräsident und der Amtskollege aus der Schweiz gehen durch die "Hintertür" des Schlafgemachs von Maria Theresia. Im Bild auch die "verkehrt" laufende Uhr. - © Diego Rainer

Seit 1946 residieren hier unsere Staatsoberhäupter. Der erste republikanische Büroherrscher in diesen Amtsräumen war Theodor Körner (1873 bis 1957). Die Vorgänger residierten noch in Räumen des Kanzleramts. Den "Leopoldinischen Trakt" der Hofburg hat der von den Wienern "Fotzenpoldl" genannte Kaiser Leopold I. (1658 bis 1705) errichten lassen. Den Namen erhielt er wegen seiner markanten Unterlippe, die auch auf der von ihm gestifteten Pestsäule in seiner Darstellung verewigt ist. Unter Leopold wurde übrigens 1703 auch die "Wiener Zeitung" gegründet. Sie ist so die älteste noch bestehende Tageszeitung der Welt.

Vor Covid und nur ausnahmsweise nahm der Bundespräsident auch kleine Gäste zum Spontanbesuch hinter seine Tapetentür mit. Sie fanden einen geordneten Schreibtisch vor. - © csei
Vor Covid und nur ausnahmsweise nahm der Bundespräsident auch kleine Gäste zum Spontanbesuch hinter seine Tapetentür mit. Sie fanden einen geordneten Schreibtisch vor. - © csei

Wie alle Habsburger nach ihm und manche auch vor dem "Fotzenpoldl" baute er ein Stück Hofburg an. Keine Herrscherin oder Herrscher bewohnten Gemächer des jeweiligen Vorgängers. Maria Theresia zog zwar Schönbrunn der Stadt vor, fand aber schließlich Gefallen an Leopolds Trakt. Mit zunehmendem Alter etwas füllig geworden, war für sie eine Rampe wichtig. Sie erlaubte die Vorfahrt mit der Kutsche von der heutigen Bellaria aus ohne Stufen direkt bis zu ihrem Schlafzimmer. Es ist der Raum mit der Tapetentür. Hier soll die Monarchin 1780 mit 63 Jahren verstorben sein.

Die Rampe bis zur Beletage des Gebäudes ist längst abgetragen. 1850 entstand ein halbrunder Vorbau als Eingang der heutigen Präsidentschaftskanzlei am Ballhausplatz 1. Der heißt seither "Bellariator".

Van der Bellen und seine Vorgänger haben versucht, es sich in den Räumen halbwegs zurechtzumachen. In Maria Theresias Schlafgemach wurde wenig geändert. Das Kunstwerk der astronomischen Standuhr neben der Tapetentür blieb unverrückt. Sie läuft "verkehrt herum". Denn die Herrscherin wollte von ihrem Bett aus die Uhrzeit in einem Spiegel ablesen können - ohne sich durch zu viel Bewegung anzustrengen. Darum ist es dort auch niemals so ganz richtig fünf vor zwölf, gleich was in der Republik passiert.

Für Maria Theresia musste man noch einen Leibstuhl herantragen, wenn sie bestimmte Bedürfnisse verspürte. Den braucht der Bundespräsident heute nicht, das bleibt ihm wahrlich erspart. Wie jeder andere Mensch auch, geht er auf ein normales Klo. Das gab es früher weder in der Hofburg noch in Schönbrunn. Erst Kaiser Franz Josef begann das zu ändern. Im Leopoldinischen Trakt befinden sich Sanitärräume nun in jenem Gang, von dem früher die riesigen Öfen wie mit unsichtbarer Hand, von hinten beheizt wurden. Jetzt gibt es Fernwärme und so genug Platz für WCs. Weil es aber weder ein Indoor-Hundeklo gibt noch geben soll, kann man dem Bundespräsidenten auf dem Heldenplatz begegnen, wenn er "First Dog" Juli "äußerln" führt.

Was aber befindet sich nun hinter besagter Tapetentür, durch die der Bundespräsident immer verschwindet? Im Fall von Van der Bellen ist der Raum dahinter auch eine Stätte des Lasters. Das wird offenbar, wenn er hin und wieder seine Glimmstängel am Tisch herumliegen lässt.

Sonst sieht man im Wesentlichen einen geordneten Schreibtisch. Dieser, wie auch der Garnitur mit Tisch und Sesseln, sind im Rokoko-Stil getischlert worden, handelt es sich doch um den ehemaligen Wohnraum des Reformkaisers Josef II. Van der Bellen hat sie mit praktischen, moderneren Möbeln ergänzt.

Zwei große Wandgemälde des Hofmalers Johann Franz Greipel (1720 bis 1792) wurden in ihrer vergessenen Bedeutung vom früheren Bundespräsidenten Adolf Schärf (1890 bis 1965) wieder "entschlüsselt". Sie zeigen eine Opernaufführung. Schärf, ein humanistisch gebildeter Tüftler konnte vier mythologische Figuren darauf zuordnen und mit Hilfe alter Operntextbücher für die Kunstgeschichte wieder bestimmen: Der Maler stellte eine Aufführung von Christoph Willibald Glucks Oper "Il Parnasso confuso" dar. Den Text dieser Komposition hatte der Hofdichter Pietro Antonio Metastasio verfasst.

Noch ein Geheimnis der Räume wurde 1957 gelüftet: Bei Renovierungsarbeiten fanden Fachleute einen Hausaltar. Der war 1782 extra für den Besuch von Papst Pius VI. geschaffen worden. Nach seiner Abreise deckte man ihn ab und vergaß einfach darauf.