In den psychisch belastenden Zeiten der Corona-Pandemie war und ist in Wien Hilfe nur ein paar Nummern entfernt. Unter 01/31330 bieten die Psychosozialen Dienste Wien schnelle und kostenlose psychiatrische Soforthilfe. An 01/4000-53000 wiederum kann man sich mit jeglichen Sorgen in Verbindung mit dem Virus wenden. Die "Wiener Zeitung" hat mit dem Chefarzt der Psychosozialen Dienste, Georg Psota, gesprochen und dabei den psychischen Folgen der Corona-Krise für die Wienerinnen und Wiener auf den Zahn gefühlt.

"Wiener Zeitung":Hat Corona die Extreme der Gesellschaft negativ verstärkt? Man kann den Eindruck gewinnen, zurückhaltende Menschen sind einsam geworden, während jene, die an sich schon genug zu tun hatten, jetzt in Richtung Überforderung gehen.

Georg Psota: Ja, die Pandemie wirkt wie eine Art Vergrößerungsglas. Die jeweilige Problematik wird größer: Die soziale Isolation nimmt zu und ebenso die Problematik der Verdichtung im Wohnraum. Wobei es hier vor allem auch eine soziale Kluft gibt.

Inwieweit?

Nehmen wir eine kinderreiche Familie, die auf engem Raum lebt und nicht wohlhabend in einem Zweifamilienhaus. Wenn da Schulen und Kindergärten zusperren, haben es die besonders schwierig. Dazu stellt sich in einigen Fällen noch die Frage, wie man das mit dem Homeoffice macht. Also diese Familien sind in der Pandemie besonders drangekommen; oder auch die Alleinerzieher. Das 70-jährige wohlsituierte Ehepaar hat wohl auch mit Problemen zu kämpfen, das steht aber in keinem Vergleich zur alleinerziehenden Kassiererin mit zwei Kindern, von denen eines in die Schule und das andere in den Kindergarten geht. Das sind ganz andere Belastungsmomente.

Werden diese Probleme langfristig bleiben?

Das wird ganz darauf ankommen, wie wir unsere Sozialpolitik gestalten. Wie immer nach Krisen muss man auf die soziale Entwicklung schauen, die sich abgespielt hat. Erst vor kurzem hat wieder eine Studie gezeigt, dass auf der einen Seite die Superreichen während der Pandemie noch gewaltig dazugewonnen haben. Dieser Zuwachs muss ja irgendwo fehlen. Wenn ich auf der anderen Seite dauernd um meine Existenz fürchten muss, dann ist das ein permanenter zusätzlicher Stresslevel. Das hat alles psychosoziale Auswirkungen. Wir haben hier einen sozialen Auftrag und wie wir damit umgehen, wird ein wesentlicher Punkt für die Zukunft sein. Man muss das, was auseinandergedriftet ist, wieder ein bisschen ausgleichen. Es gibt ja Möglichkeiten, jene, die es härter erwischt hat, mehr zu fördern.

Während der Pandemie ist in Wien die psychiatrische Hilfe für Kinder und Jugendliche ausgebaut worden. Sind die besonders betroffen?

Ja.

Warum eigentlich?

Die meisten sind doch unglaublich gut vernetzt, sodass oft der Eindruck entsteht, die würden rund um die Uhr kommunizieren. Am mangelnden sozialen Austausch kann das dann nicht liegen, oder? Auch wenn er chattet und SMS verschickt, so braucht der Mensch doch mehr. Der Bedarf nach realen und unmittelbaren sozialen Kontakten ist etwas Wichtiges. Der körperliche Kontakt, einander zu spüren, ist dieser Altersgruppe sehr abgegangen. Viele haben ihre Langzeitkontakte und ihre Berührungskontakte eingeschränkt. Etliche waren sehr vorsichtig und wollten - vor allem noch in Zeiten der Nicht-Impfung - zu Hause bleiben. Aber das ist nicht das einzige Problem.

Was noch?

Die öffentliche Panikstimmung ist etwas, das sich auf Jugendliche überträgt. Zuerst kam die Klimakrise, dann mit Corona die Gesundheitskrise und auf die folgt für viele vielleicht auch noch eine finanzielle und existenzielle Krise. Früher hat man sich als Jugendlicher nur gefragt: "Was kostet die Welt?" und - überspitzt formuliert - eine Gaude gehabt. Die Zukunftssorgen waren vergleichsweise geringer. Die Jugendlichen sind zudem aus dem Rhythmus gekommen. Man darf nicht unterschätzen, wie sehr der Schulbesuch Struktur ins Leben bringt. Struktur ist etwas, das uns allen guttut und etwas, das wir sicher zwischen 14 und 18 auch noch wesentlich mehr brauchen als später. Sehen Sie sich nur junge Studentinnen und Studenten an. Viele von denen tun sich sehr schwer; man möchte fast sagen, sie scheitern, weil nach der Schule auf einmal nur mehr wenig vorgegeben ist. Da sollen sie auf einmal alles selber einstellen und gestalten. Das möchte man zwar, das ist schließlich Freiheit, trotzdem steht der Verlust der Struktur dabei oft im Raum.

"Die Pandemie wirkt wie ein Vergrößerungsglas: Die jeweilige Problematik wird größer", meint Georg Psota. - © feelimage / Matern
"Die Pandemie wirkt wie ein Vergrößerungsglas: Die jeweilige Problematik wird größer", meint Georg Psota. - © feelimage / Matern

Sie sind auch Leiter des psychosozialen Krisenstabs der Stadt Wien. Haben Sie schon Zukunftspläne, oder sind Sie noch im Notfallmodus?

Also was den Blick auf die Zukunft betrifft: Wir haben schon vor eineinhalb Jahren empfohlen, das Soziale nicht aus dem Auge zu verlieren. Wir haben die Corona-Sorgenhotline für ein wichtiges Instrument gehalten und die hat sich auch sehr bewährt. In dieser Art von Krisenmodus sind wir jetzt nicht mehr. Trotzdem beschäftigt uns derzeit primär, was die nächsten Wochen sein wird, bis die Omikron-Welle vorbei ist. Verschiedene Arten der Spaltung und der Spannung sind jetzt sehr intensiv.

Was kann man gegen die Spaltung der Gesellschaft in Geimpfte und Ungeimpfte unternehmen?

Da gibt es keine einfache Antwort. Es geht darum, umzuformulieren. Es sind ja nicht die Menschen unser Feind, sondern das Virus ist unser Feind. Es geht darum, dass man diese Feindseligkeit wieder sein lässt. Man muss den Menschen auch die Angst vor der Impfung nehmen. Da sollte uns etwas einfallen und da wird uns auch etwas einfallen.

Gibt es bei psychischen Problemen einen Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften?

Menschen, die nicht geimpft sind, haben sicher ein höheres Ausmaß an Spannung. Wie sollen die auch mit der Situation umgehen, wenn sie zum Beispiel wirklich glauben, dass sie über Nanopartikel gechipt werden; dass sie dann nur noch ferngesteuert werden, oder Ähnliches? Wenn ich so etwas wirklich glaube, dann muss es mir ja schlecht gehen. Auf der anderen Seite: Keine Impfung ist immer nur ein Spaß. Aber wenn ich die einmal hinter mir habe, dann ist das schon eine Beruhigung; nicht nur gegenüber mir selbst, sondern auch gegenüber anderen.

Wie hat die Corona-Pandemie rückblickend den Psychozialen Dienst Wien beeinflusst?

Es gab einen ganzen Reigen an Veränderungen. Gott sei Dank haben viele schon verdrängt, was sich alles in den vergangenen zwei Jahren abgespielt hat. Es gab Zeiten, in denen sich die Menschen gar nicht getraut haben, zu uns zu kommen. Während des Lockdowns waren viele Ordinationen geschlossen, die Angst, sich anzustecken, war viel präsenter. Leute wollten nicht in die Räumlichkeiten unseres Zentrums kommen und auch vor Hausbesuchen herrschte Vorsicht.

Ist es dadurch später zu verstärkten Konsultationen gekommen?

Es ist zu keinem Rebound gekommen, weil wir gesagt haben: "Das drücken wir jetzt durch." Da ist es eben zu telefonischem Kontakt gekommen. So viel telefoniert wie in diesen Zeiten haben wir noch nie. Es hat sich gezeigt, dass unsere Klientel lieber telefonisch behandelt wurde als anders, via Chat beispielsweise.

Werden Sie das so beibehalten?

Wir haben den physischen Kontakt zurückgestellt, das ist aber keine Dauerlösung. In schweren Krisen ist das langfristig zu wenig, jemanden laufend telefonisch zu begleiten. Aber als Zwischenüberbrückung hat es sich als möglich erwiesen.

Hat sich etwas an der Anzahl der Kontakte geändert?

Wir haben es mit wesentlich mehr Menschen zu tun bekommen, vor allem durch unseren sozialpsychiatrischen Notdienst. Das ist das Set, das hinter der Wiener Nummer 31330 steht. Da kann man rund um die Uhr anrufen und, wenn nötig, auch hinkommen und eine psychotherapeutische Einzelleistung bekommen - selbstverständlich kostenlos. Das hat wirklich deutliche zugenommen, weil es auch mehr Menschen betrifft.

Wer landet typischerweise bei Ihnen?

Die Standardklientel sind Menschen, die psychisch schwerer bis schwer krank sind und das über lange Zeit. Die haben oft auch mehrfach die Erfahrung einer stationären Behandlung. Das ist jetzt kein mittelbürgerliches Psychotherapie-Programm.

Und die Menschen, die sich zum ersten Mal bei Ihnen melden, warum rufen die an?

Also, wenn wir jetzt nur die Notrufnummer 01/31330 hernehmen, dann sind das meist leichte Formen des psychischen Bedrängtseins: Störung des Schlafrhythmus, Störung der Befindlichkeit, im Prinzip alles, was unter Depressivität und Ängstlichkeit, zumal Panikattacken, fällt. Das ist die größte Gruppe und das sind auch die, die selbst anrufen. Aber dann gibt es auch solche, die wegen ganz handfester schwerer psychiatrischer Probleme anrufen. Wenn jemand beispielsweise psychotisch oder manisch ist. Da rufen oft Leute aus der sozialen Umgebung an, die Angst um diesen Menschen haben, oder auch vor ihm.

Ab wann sollte jemand zum Hörer greifen und bei Ihnen anrufen?

Wenn man merkt, dass man in seiner Energie angeschlagen ist und das schon seit mindestens zwei Wochen. Gerne auch seit einer Woche. Wenn sich Ängste häufen und man immer knapp an der Panikattacke ist. Und wenn man Schlafstörungen hat. Schlaf ist ein unglaublich feines Messinstrument für unser Befinden. Wenn man zehn Tage hintereinander darum kämpft, schlafen zu können, wenn man aufwacht in der Nacht, verschwitzt ist und dergleichen, dann muss man nicht noch drei Wochen leiden, bis man sich rührt und wissen will, was mit einem los ist.

Die Psychosozialen Dienste Wien bieten ein breites Netz an ambulanten Einrichtungen für eine sozialpsychiatrische Grundversorgung an. Im Mittelpunkt stehen die Behandlung und die Betreuung psychisch kranker Menschen.

Für psychiatrische Krisen steht rund um die Uhr die Notfallnummer 01/31330 zur Verfügung. Mit der von den Psychosozialen Diensten betreuten Corona-Sorgenhotline - 01/4000-53000 - hat die Stadt Wien eine niederschwellige psychosoziale Erst-Anlaufstelle geschaffen. Alle Dienste stehen allen Wienerinnen und Wienern kostenlos zur Verfügung, egal ob jung, alt, selbst betroffen oder angehörig oder auch einfach nur, wenn man an Informationen zu dem Thema interessiert ist.

Georg Psota ist Chefarzt der Psychosozialen Dienste in Wien, und aktuell auch Leiter des Psychosozialen Krisenstabs der Stadt Wien. Von 2013 bis 2016 war er Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP).