Wie die Ereignisse rund um das Traumajahr 1934 noch heute die Innenpolitik beeinflussen, zeigte die Bestellung von Innenminister Gerhard Karner (ÖVP). Weil der Mostviertler als Bürgermeister seiner Heimatgemeinde Texing eine Gedenkstätte für Diktator Engelbert Dollfuß (1892-1934) betreiben hat lassen, platzten alte politische Wunden zwischen linkem und rechten Lager wieder auf. Vor allem die Sozialdemokraten zeigten sich empört.

Der "kleine" Schutzbündler Karl Münichreiter wurde vom Dollfuß- Regime hochstilisiert. 
- © AktionFreieKunst.com / CC BY-SA 4.0

Der "kleine" Schutzbündler Karl Münichreiter wurde vom Dollfuß- Regime hochstilisiert.

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Inzwischen hat der Minister seine Handlungsweise und Bewertung von Dollfuß als Chef der Austrofaschisten relativiert. Aber der 12. Februar ist dazu angetan, Verbrechen der Ersten Republik wieder in Erinnerung zu rufen. Dollfuß schaltete 1933 das Parlament aus und regierte mit dem "Trick" über Notverordnungen als autoritärer Führer. Die stärkste Partei des Parlaments, die Sozialdemokratie, wurde Schritt für Schritt in die Illegalität gedrängt. Nachfolgende Brutalitäten mitsamt der geplanten Verhängung des Standrechtes hatte Dollfuß länger geplant und angekündigt.

Am 12. Februar 1934 wurde die Sozialdemokratie verboten. Ein dreitägiger Bürgerkrieg brach aus, weil ein Teil des paramilitärischen Armes der "Roten", der "Schutzbund", mit versteckten Waffen vereinzelt den bewaffneten Aufstand versuchte.

Die Aktion scheitere kläglich. Waffen gab es wenige, schlechte und nur veraltete. Die rote Führung ließ ihre Basis im Stich und hatte sich abgesetzt. Die Widerstandsnester waren in jeder Weise chancenlos. Es blieb bei einzelnen brutalen Gemetzeln. Polizei und Bundesheer erstickten ihn zum Teil mit auf Gemeindebauten gerichteten schweren Waffen. Es gab rund 360 Todesopfer im Bundesgebiet - gleich viel auf beiden Seiten, 38 Prozent der Opfer waren "Unbeteiligte". Das alles brachte Dollfuß bis heute die rote Punze des "Arbeitermörders" ein.

Das Regime ging weiter mit aller Härte gegen die Aufständischen vor. Eine Symbolfigur wurde der heute weithin vergessene Karl Münichreiter (1891-1934). Nach ihm ist heute eine Straße in Hietzing benannt. Er war ein kleiner Schustergehilfe. Bei einem erbitterten Scharmützel in der Nähe seiner Werkstatt beim Goldmarkplatz gab es auf beiden Seiten Tote. Da versuchte der Schuster, einen seiner Genossen zu verarzten. Er wurde schwer verletzt und in diesem Zustand verhaftet.

Das Regime fand so einen, an dem ein Exempel statuieren konnte. Der kleine Münichreiter wurde zum großen "Schutzbundführer" hochstilisiert und vom Standgericht zum Tod verurteilt. Tatsächlich war er ein "kleines Licht". Selbst in der Umgebung von Dollfuß gab es deshalb Kritik. Bundespräsident, Kardinal, aber auch der Heilige Stuhl setzten sich für Münichreiter ein. Doch der christliche Justizminister, ein gewisser Kurt Schuschnigg (1897-1977), zeigte sich wenig gnädig und sehr befreit von Nächstenliebe. Er weigerte sich sogar, ein Gnadengesuch an den Bundespräsidenten auch nur weiterzuleiten, "weil ein abschreckendes Beispiel unbedingt notwendig" sei.

Schuschnigg sollte in seiner Laufbahn noch wiederholt den Allmächtigen für seine Sache ins Treffen führen. Der schwerverletzte Münichreiter wurde jedenfalls entgegen allem geltenden Recht mit der Bahre zum Galgen geführt und am 14. Februar gehängt bis um 16.21 Uhr "der Tod eintrat". Er hinterließ Frau und drei Kinder. Leopoldine Münichreiter musste mühsam um die verscharrte Leiche ihres Mannes kämpfen, die zunächst nicht übergeben wurde. Später ließ sie ihn exhumieren und verbrennen. Die Urne ist heute in einem Ehrengrab im Urnenhain der Feuerhalle Simmering beigesetzt.

Münichreiters Frau rettete sich mit ihren Kindern Paul (damals 12 Jahre alt), Karl (10) und Lucie (3) ins Exil nach Moskau. Die Familie stand ab da der KPÖ nahe. Leopoldine starb 1976
83-jährig in Wien. Als letztes Kind verstarb 2011 Lucie Maria Sohr.

Dollfuß wurde noch im Juli 1934 bei einem Putschversuch der Nationalsozialisten im Kanzleramt ermordet. Der Vertreter des christlichen Rechts, Kurt Schuschnigg, folgte ihm als Kanzler. Er kapitulierte 1938 mit dem Appell "Gott schütze Österreich" ohne Widerstand vor Hitler.

Der Historiker Kurt Bauer hat im Zuge eines Forschungsprojektes des Boltzmann-Institutes ein Grundsatzwerk über den Februar ’34 veröffentlicht. Es ist gepaart mit einer Datenbank, in der die Opfer aller Seiten mit Biografien penibel verzeichnet sind.

Erratum: In der ersten Version hieß es, der Innenminister hätte das Museum errichten lassen, das ist unrichtig. Richtig ist, dass es unter ihm als Bürgermeister von der Gemeinde betrieben wurde.