Es ist ein ungewöhnlicher Ort. Lampen tauchen ihn in ein mattes Licht. In der Luft riecht es nach Formaldehyd. An das Institut für Anatomie und Zellbiologie der Medizinischen Universität Wien in der Währinger Straße verirren sich Lebende nur selten. Und wenn, um hier zu forschen.

Darunter sind auch einige Studierende, die sich in einem Saal rund um einen Tisch sammeln. "Ich hatte anfangs Angst, weil ich nicht wusste, was auf mich zukommt", sagt Medizinstudent Luca, der soeben das heutige Sezierpraktikum wieder verlässt.

Über 1.000 Körper werden jedes Jahr in den Kellern der Anatomie wissenschaftlich untersucht. Nur ein Bruchteil davon - rund 150 bis 200 - landet vor den auszubildenden Studierenden. Nein, Engpass gebe es hier derzeit keinen - auch keinen Überhang, erklärt Wolfgang Weninger, Leiter der Anatomischen Abteilung der Medizinischen Universität Wien, im Gespräch. "Derzeit erhalten wir immer so viele Körperspenden, wie wir auch benötigen."

Gekühlt und seziert

Die "Körperspendelogistik" dahinter sei sehr aufwendig, aber ausgereift: Nach der Überstellung wird der Großteil der Körperspenden gekühlt und wissenschaftlich seziert. Für die studentische Lehre bestimmte werden mit einer dafür vorgesehenen Lösung durchtränkt. Zuerst wird dabei das Blut durch eine Fixierlösung ersetzt - "der Körper wird perfundiert", wie es der Abteilungsleiter im Fachjargon erläutert. Das macht ihn keimfrei und verhindert dessen Zersetzung.

Danach wird er in ein Becken mit einem Gemisch aus Formalaldehyd und Carbol gelegt. Darin schwimmt er, bis er nach frühestens sechs Monaten wieder entnommen wird, um im Seziersaal von Studierenden seziert zu werden. "Fixierte Körper müssen nicht extra gekühlt werden", erklärt der Wissenschafter, der seit dem Jahr 2016 das Institut leitet. "Sie können daher sorgfältig und schichtweise über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren seziert werden."

Augen auf und durch

"Es hat schon sehr intensiv gerochen", erinnert sich Maria heute an jenen Moment, als sie das erste Mal im Seziersaal war. "Doch daran habe ich mich bald gewöhnt." Beim Anblick eines geöffneten Körpers dachte sie sich, sie hätte rohes Fleisch vor sich. Die Haut des Spenders war grau, der Kopf verhüllt. Dass die Leichen präpariert waren, war für sie nicht weiter schlimm. "Frisch gebrachte Tote" auf der Pathologie waren es für sie hingegen schon, da einige nicht viel älter als sie selbst waren. Übel sei ihr beim Anblick jedoch nie geworden.

Für eine Körperspende entscheiden sich Personen häufig im Alter von 65 Jahren, weiß Wolfgang Weninger. Mehr als die Hälfte davon sind Frauen. An die Anatomie überstellte Spenden werden untersucht. Es wird auch beachtet, in welchem Zustand sich die Personen vor dem Tod befunden haben. Wenn sie infektiös waren, etwa an Covid-19 erkrankt, werden sie sofort ausgesondert und kremiert, um die Gefahr einer Ansteckung zu verringern.

Bereits zu Lebzeiten müssen Personen festlegen, ob sie ihren Körper der Anatomie zur Verfügung stellen wollen. "Wir schließen mit ihnen einen Vertrag ab", sagt Wolfgang Weninger. "Das wird in unserer Kartei detailliert festgehalten." Ist der Vertragspartner der MedUni verstorben, organisiert das Institut die Abholung des Körpers.

Das Wort Leiche nehmen weder der Facharzt noch Student Luca in den Mund. Denn jeder Körper, der in den Kellern des Instituts liegt, verdiene einen respektvollen und wertschätzenden Umgang.

Nach seiner Verwendung wird er - maximal drei Jahre nach dem Tod - kremiert. Die Asche wird auf einem Areal am Wiener Zentralfriedhof zur letzten Ruhe gebettet. Dort können Angehörige Abschied nehmen. Tafeln erinnern dort an die Verstorbenen. Doch nicht nur am Zentralfriedhof, auch am Anatomischen Institut werde an sie gedacht, etwa in Form von regelmäßig stattfindenden Gedenkveranstaltungen und ökumenischen Gottesdiensten.

Für Wolfgang Weninger sind die Rahmenbedingungen am Anatomischen Institut ideal. "Wir sind eine der wenigen Unis, an denen Studierende über eineinhalb Jahre selbstständig sezieren und sich aktiv an die Strukturen des Körpers mit ihrer enormen Variationsbreite herantasten können." Digitale und virtuelle Lernprogramme gebe es zwar mittlerweile viele. Sie werden in Wien auch unterstützend eingesetzt.

Tigerbalsam und Maske

Aber um Details zu verstehen, brauche es eine echte Dreidimensionalität und eine Realität, die weder von Handy, Tablet noch Laptop wiedergegeben werden könne. Auch Studien zu neuen operativen und konservativen Diagnose- und Behandlungsmethoden erfordern eine kontinuierliche Verfügbarkeit von Körperspenden. "Zum Beispiel werden etwa ultraschallgestützte Infiltrationsmethoden entwickelt oder moderne Bildgebungstechniken evaluiert", sagt der Mediziner.

Um den Geruch im Seziersaal zu ertragen, schmiert Luca oft Tigerbalsam in die Innenseite der Maske. Das mache aber nicht nur er, sondern auch seinen Kolleginnen, verrät der Medizinstudent, der "auf der Anatomie viel Erfahrung" sammle, obwohl es anfangs wie ein "Sprung ins kalte Wasser" gewesen sei. Die Arbeit an den der Wissenschaft gespendeten Körpern sei eine gute Vorbereitung auf seinen späteren Beruf als Arzt, so Luca. "Jedes Mal taste ich mich langsam im Körper heran."

Doch nicht nur für die Studenten, auch für die Wissenschaft selbst sind die Körperspenden in der Anatomie ein Segen. Denn sie können hier geöffnet und direkt darin nachgesehen werden, ob etwa die in der Magnetresonanz dargestellte Strukturen echt sind, oder wo injizierte Medikamente tatsächlich gelandet sind. Gewebe können etwa entnommen und histologisch oder molekularpathologisch untersucht werden. "Nur die reale und praktische Anatomie ermöglicht es, räumliche und funktionale Zusammenhänge gut zu verstehen, zu lehren und zu erforschen", sagt Institutschef Weninger. Geforscht und geübt werde hier "in einem Setting wie am lebenden Objekt".

Neues Leben am Campus

Ab dem Jahr 2025 wird dem Institut neues Leben eingehaucht: Gemeinsam mit anderen Einrichtungen der Medizinischen Universität übersiedelt es im 9. Bezirk zum derzeit in Bau befindlichen Campus in der Mariannengasse, wo Ärzte und Studierende bessere Rahmenbedingungen für die digitale und reale Lehre und Forschung vorfinden sollen.

Bis dahin will Luca aber bereits den Studienabschluss vor Augen haben. "Auch ich würde einmal meinen Körper der Anatomie zur Verfügung stellen", erzählt der 25-Jährige abschließend und überzeugt. "Auch die nächste Generation soll etwas von mir haben."