Exakt 6.804 Straßen, Plätze, Promenaden, Gassen und Wege gibt es in Wien. Sie alle - von der Abbegasse (14. Bezirk) bis zum Zypressenweg (22.) - sind in einem Konvolut vereint, das diese Woche erschienen ist.

Die 12. Auflage des "Lexikon der Wiener Straßennamen" wurde wieder vom Historiker Peter Autengruber bearbeitet und enthält 704 Verkehrsflächen-Bezeichnungen mehr als die Erstauflage vor mehr als 20 Jahren. Neu hinzugekommen sind unter anderem die Hansi-Dujmic-Gasse (11.), die am Schloss Neugebäude vorbeiführt, der geplante Gunther-Philipp-Weg (3.) oder der Adele-Perlmutter-Platz (2.).

Dr. Peter Autengruber. Der 1958 geborene Historiker, Verlagsangestellte und Lehrbeauftragte gilt als einer der größten Experten für die Benennungen der Wiener Verkehrswege. Er ist auch Mitglied der Historikerkommission für die Erforschung problematischer Namensgebungen.  
- © Georg Hönigsberger

Dr. Peter Autengruber. Der 1958 geborene Historiker, Verlagsangestellte und Lehrbeauftragte gilt als einer der größten Experten für die Benennungen der Wiener Verkehrswege. Er ist auch Mitglied der Historikerkommission für die Erforschung problematischer Namensgebungen. 

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Verloren gegangen sind hingegen zwei Prominente in der Landstraße: Der Bert-Brecht-Platz wird nach Umplanungen nicht mehr gebaut, stattdessen erhält der Schriftsteller einen Park. Anders verhält es sich mit der Teddy-Kollek-Promenade, die der Umplanung ebenfalls zum Opfer gefallen ist. Derzeit ist laut Bezirksvorstehung noch kein Ersatz für den ehemaligen Bürgermeister von Jerusalem vorgesehen.

Die Anschlussgasse in Penzing hat nichts mit dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland zu tun. 
- © Georg Hönigsberger

Die Anschlussgasse in Penzing hat nichts mit dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland zu tun.

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Blumen und Kohlen

Neben Persönlichkeiten mit Wienbezug werden auch andere Kriterien für Verkehrsflächennamen herangezogen. So gibt es den nach der Blume benannten Rosenhof (22.). Alte Flurnamen wurden unter anderem für In der Wiesen (23.) oder An der Kuhtrift (10.) verwendet. Der Kohlmarkt (1.) hat nichts mit dem Gemüse zu tun, sondern erinnert an die einst hier beheimateten Kohlenhändler. Die Traviatagasse, 23, ist eines von vielen Beispielen, die die Liebe Wiens zur Musik bezeugen.

Ab 1770 wurden die Conscriptionsnummern zur Identifikation der Häuser eingeführt. 
- © Georg Hönigsberger

Ab 1770 wurden die Conscriptionsnummern zur Identifikation der Häuser eingeführt.

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Mond, Mondschein und Mondstein

Dass es nicht immer einfach ist, Straßennamen sofort zu durchschauen, zeigt das Beispiel Mond: Der Mondweg in Penzing ist nach unseren ewigen Begleiter am Firmament benannt, die Mondsteinstraße in Floridsdorf hingegen nach einem schimmernden Feldspat. Die Mondscheingasse in Neubau wiederum erhielt ihre Bezeichnung nach einem einst dort befindlichen Gasthaus ("Zum Goldenen Mondschein"). Das gilt auch für die Wolf-in-der-Au-Brücke in Penzing, die dem Wirtshaus "Zum Wolfen in der Au" ihren Namen verdankt.

Die gassenweise Nummerierung der Häuser wurde ab 1862 umgesetzt. Im 3. Bezirk waren die Tafeln grün umrandet. 
- © Georg Hönigsberger

Die gassenweise Nummerierung der Häuser wurde ab 1862 umgesetzt. Im 3. Bezirk waren die Tafeln grün umrandet.

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Wer auf Schildern steht, ist tot

Wer sich Gedanken macht, wo denn noch ein Platzerl für seinen eigenen Namen auf einem Straßenschild frei wäre, dem muss man sagen: Gemach, gemach. "Für eine Benennung muss man ein Jahr tot sein", erklärt Autengruber. "Lebendbenennungen, die es früher durchaus gab, sind seit 1894 abgeschafft", sagt der Autor. Natürlich gab es auch hier Ausnahmen, etwa das Kaiserhaus oder den Wiener Bürgermeister Karl Lueger, nach dem zu Lebzeiten der heutige Rathausplatz benannt worden war.

Kaiser Joseph II. ließ die Namen der Straßen und Gassen jeweils am Beginn und am Ende der Verkehrsflächen aufmalen. 
- © Georg Hönigsberger

Kaiser Joseph II. ließ die Namen der Straßen und Gassen jeweils am Beginn und am Ende der Verkehrsflächen aufmalen.

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Familienbande

Davor hatte vor allem der Leopoldstädter Bezirksvorsteher Konrad Ley seinen Spaß an der Freud‘: Er ließ im 19. Jahrhundert Gassen nach seiner Frau (Josefinengasse), seinem Sohn (Konradgasse) und weiteren Frauen aus seinem Verwandten- und Bekanntenkreis benennen. Einige davon wurden mittlerweile mit neuen Namen versehen. Ley selbst ist postum die Leystraße in der Brigittenau gewidmet worden.

Die längste und die kürzeste Gasse

Umbenennungen gab es immer wieder. "Als 1918 die Republik ausgerufen wurde, verschwanden viele Habsburger aus dem Stadtbild", sagt Autengruber. Das wiederholte sich 1934, "als die Austrofaschisten Straßen, Gemeindebauten und Denkmäler radikal umbenannt haben". Nach dem Anschluss an Nazi-Deutschland 1938 war vor allem Adolf Hitler prominent in Wien vertreten. So hieß die heutige Ketzergasse (23.) damals Adolf-Hitler-Straße. Die Ketzergasse ist mit 5,3 Kilometern die längste Gasse Wiens. Die kürzeste ist nicht mehr die Irisgasse (1.) mit 17 Metern, sondern die 2014 benannte Tethysgasse (2.) zwischen Prater Straße und Afrikanergasse mit (je nach Messweise) elf oder 14 Metern.

Kormoran und Ostmark

Relikte aus der Nazi-Zeit sind, man glaubt es kaum, im Wiener Straßenbild nach wie vor vorhanden. Zum Beispiel die 1942 benannte Kormorangasse in Floridsdorf. "Da hat man nach 1945 von einer Umbenennung abgesehen, weil es sich um einen Vogel handelt und es keinen direkten Bezug zum Nationalsozialismus gibt", erklärt Autengruber. Nichts zu tun mit dem Nationalsozialismus haben die Anschlussgasse (14., siehe Grafik) und die Ostmarkgasse (21.) die im Jahr 1900 nach dem historischen Ursprung Österreichs benannt wurde.

"I wer narrisch"

In Wien wurden militärische Erfolge (Heldenplatz, 1., Siegesplatz, 22) gefeiert, aber wirklich gern hat man die Erinnerung an den 21. Juni 1978. "Es gibt einen Cordobaplatz in Floridsdorf", sagt Autengruber. "Der ist nach dem Sieg Österreichs über Deutschland bei der Fußball-WM in Argentinien benannt." Der mit seinem "I wer narrisch" bei eben diesem 3:2 Sieg des Nationalteams zur Legende gewordene Radio-Reporter Edi Finger hat auch eine nach ihm benannte Straße (21.). Mit dem Bruno-Pezzey-Weg wird eines der Helden von Cordoba in der Donaustadt gedacht.

Jeder darf Namen vorschlagen

Wer in Wien ein Plätzchen im öffentlichen Raum kennt, das noch nicht mit einem Namensschild versehen wurde und dazu eventuell auch noch einen Benennungsvorschlag parat hat, kann sich direkt an die jeweilige Bezirksvorstehung oder die Kulturabteilung der Stadt (MA 7) wenden. Buchautor Peter Autengruber weist in seinem Lexikon darauf hin, dass es verständlicherweise in den großen Flächenbezirken und Stadterweiterungsgebieten einfacher ist, unbenannte Verkehrsflächen zu finden. In den inneren Bezirken können aber auch Verkehrsinseln und dergleichen herangezogen werden. Wichtig ist der Wien-Bezug des neuen Namens, aber auch die Erkennbarkeit und Unterscheidbarkeit von bestehenden Straßennamen.

Sollte der Bezirk den Beschluss für eine Namensgebung fassen, wird dieser an die MA 7 weitergeleitet, die den Vorschlag prüft. Die endgültige Entscheidung fällt im Kulturausschuss des Gemeinderates. Letztverantwortlich ist die zuständige Stadträtin.

Geschichte der Hausnummern

An Wiener Häusern prangen mitunter ganz unterschiedlich aussehende Namensschilder. Das hängt mit der historischen Entwicklung zusammen.

Die erste generelle Nummerierung der Häuser der Stadt und der Vorstädte erfolgte 1770. Diese Conscriptionsnummern sind heute noch an einigen Stellen zu sehen, wie etwa in der Kundmanngasse 29 in Erdberg. 1782 ordnete Kaiser Joseph II. an, die Straßennamen jeweils am Beginn und am Ende der Verkehrsfläche an eine Mauer zu malen, wie etwa in der Blutgasse in der Innenstadt. Das neuere Schild in der Kundmanngasse zeigt auch deutlich, wie ab 1862 die gassenweise, an heutige Verhältnisse erinnernde, Nummerierung umgesetzt wurde.

Ein bunter Haufen

Um die Straßen der 1850 eingemeindeten Vorstädte (2. bis 9. Bezirk) besser unterscheiden zu können, wurden die Ränder der Namensschilder unterschiedlich eingefärbt. Im 1. Bezirk waren alle Tafeln viereckig, weiß und rot umrandet. Die andern Bezirke: 2: violett, 3: grün, 4: rosa, 5: schwarz, 6: gelb, 7: blau, 8: grau und 9: braun. Je nachdem ob sie vom Stephansplatz gesehen Radial- oder Quergassen waren, bekamen sie rechteckige beziehungsweise ovale Tafeln, wie heute noch vielerorts zu sehen ist.

Nach der Eingemeindung der Vororte (1890/1892, Bezirke 10 bis 19) wurden deren Tafeln, wie jene der Innenstadt, rot umrandet. 1981 wurden die Straßenschilder standardisiert. Seit 1993 gibt es Zusatzschilder mit Informationen zu den jeweiligen Bezeichnungen.