Auf den ersten Blick verbirgt sich hinter dem Garagentor in der Minciostraße im 15. Bezirk ein nichtssagendes Gebäude mit abgenutzten Fassaden. "Hier soll etwas Großes entstehen", schildert Simon Zöchbauer und rückt lachend seinen Stuhl zurecht. In der Einfahrt der Gebäuderückseite haben seine Kollegin und er angesichts milder Frühlingstemperaturen ihren Bürotisch aufgebaut. Gemeinsam planen sie bei frisch aufgebrühtem Kaffee die nächsten Arbeitsschritte.

Schon länger spielte der 33-jährige Musiker mit dem Gedanken, etwas umzusetzen, was nicht nur ihm, sondern Personen mit ähnlichem Bedarf einen Raum für kreative Entfaltung bietet. Nach einigem Suchen fand er schließlich das ehemalige Altwaren-Depot, wo er seine Konzeptidee optimal umsetzen kann.

"In Wien gibt es so viele großartige Konzerthäuser und Veranstaltungslocations, die ein sorgfältig ausgewähltes Programm bieten - wir wollten etwas gründen, wo alles vor dem Konzert stattfinden kann. Ein Raum für künstlerische Entwicklung, für Proben, um dem Prozess der musikalischen Entwicklung mehr Raum zu geben", erläutert der Musiker und schreitet barfuß vorweg durch die Atelierräume des "minciospace_".

Es geht um interdisziplinäres Schaffen in einem Raum. - © Kristin Butz
Es geht um interdisziplinäres Schaffen in einem Raum. - © Kristin Butz

Aktuell befindet sich das Projekt "minciospace_" im Planungsprozess.

Ab Jänner 2023 beginnt der Hausumbau unter der architektonischen Leitung der Reinberg ZT GmbH, die einen besonderen Fokus auf ökologisches Bauen setzt. Bis dahin werden die verschiedenen Räumlichkeiten vermietet und für eigene Bürozwecke genutzt. Derzeit haben sich fünf Personen eingemietet, darunter eine Elektroakustikerin, zwei bildende Künstler, ein Pianist und ein Medienkünstler. Im Untergeschoß probt der Theaterverein für gewagte Bühnenformen gerade einen Song (Premiere "Das Zigarettenreich": 21. April 2022, WERK X-Petersplatz). "Mir war diese ‚Probierphase‘ sehr wichtig, um etwaige Herausforderungen zu erkennen", so Zöchbauer.

Und es geht um alle Kunstrichtungen. - © Kristin Butz
Und es geht um alle Kunstrichtungen. - © Kristin Butz

"Reparatur der Zukunft"

Auf drei Ebenen und einer Gesamtfläche von rund 750 Quadratmeter soll sich hier eine Community zusammenfinden, die sich aktiv mit global-gesellschaftlichen Herausforderungen auseinandersetzt. "Das Kollektiv nimmt auf, was gerade brennt, nimmt darauf Bezug und formt neue Kunstprojekte. Der Schwerpunkt liegt auf Musik", erläutert Zöchbauer, der selbst Mitglied des Bläserensembles Federspiel ist und gemeinsam mit seiner Frau Julia Lacherstorfer das jährliche Musikfestival "wellenklænge", Lunz am See in Niederösterreich leitet.

Im Obergeschoß wird ein akustisch hochwertiger Konzert- und Aufnahmesaal entstehen. Sechs Musikräume und eine geräumige Küche, die auch als Sozialraum dient, bilden das Erdgeschoß. Im Untergeschoß bietet ein Multifunktionsraum mit einer Größe von 140 Quadratmetern ausreichend Platz für Proben, Konzerte und Aufnahmen. Das Projekt "minciospace_" gewann im Mai 2021 den Ö1-Award "Reparatur der Zukunft" und damit die Teilnahme am Founders Lab, einem Weiterbildungsprogramm der Wirtschaftsagentur Wien für Gründerinnen und Gründer. "Wir wollen, dass sich die Idee der ‚Reparatur der Zukunft‘ in allen Aspekten wiederfindet", so Zöchbauer und verweist auf die Bauwerksstruktur. Diese entspricht den Standards eines Passivhauses, ist frei von fossilen Brennstoffen und nutzt Erdwärme.

Soziale Verantwortung

Auch innerhalb der Team-Kultur und in der Nachbarschaftsumgebung wird auf ein soziales Miteinander geachtet. Wirtschaftliche Fragen (zum Beispiel: Wie kann man den laufenden Betrieb auch finanziell nachhaltig gestalten?) werden intern besprochen und ausgearbeitet. Man ist gerade dabei, einen Verein zu gründen, in dem Experten und Künstler über eine erworbene Mitgliedschaft zusammenarbeiten können. Neben der Einrichtung eines Therapieraums sollen auch Yoga-Kurse für die physisch-gesundheitliche Komponente im Haus angeboten werden.

Zöchbauer reflektiert in seiner Arbeit auch die eigene Rolle im System: "Ich bin als weißer Cis-Mann in Europa geboren, wurde als Kind gefördert und konnte Musiker werden, das sind unfassbare Privilegien und ich sehe es als meine Verantwortung, der Gesellschaft und vor allem der künstlerischen Szene etwas zurückzugeben, etwas zu entwickeln, wo möglichst alle etwas davon haben."