Katarzyna Kopera kennt das Klacken. Sie weiß, wie es klingt, wenn eine Kabine verriegelt und die Anzeige auf Rot dreht. Sie hört genau, wie es raschelt und rumpelt zwischen den Fließenwänden, bis es schließlich zu plätschern beginnt. Und gerade hat sie ein Ohr auf die Besucherin in Kabine 12, die eben ihren Gehstock und Einkaufstrolley vor der Kabinentür abgestellt hat. Zweimal pro Woche duscht die Frau hier. Immer in der 12. Wie üblich hat Kopera sie auch an diesem Nachmittag gleich beim Eingang empfangen. Sie hat ihr den Trolley abgenommen, sie mit kleinen Trippelschritten zur gewohnten Kabine begleitet und dabei ein paar leise Worte gewechselt. "Ich sprech‘ kein Bulgarisch, sie kein Deutsch. Aber mit Polnisch und ein bisschen Russisch geht’s irgendwie", sagt Kopera.

Im Erdgeschoß eines mehrstöckigen Wohnhauses in der Friedrich-Kaiser-Gasse in Ottakring schlüpft die 44-Jährige vier Mal pro Woche in ihre Dienstkleidung. Die kleine Frau mit den Lachfältchen um die wachen Augen trägt dann ein weißes MA44-Kurzarm-Shirt, dazu Shorts und Badeschlapfen. Genau richtig für ihren immerfeuchten Arbeitsplatz, wo das Tageslicht kaum durch die Milchglasfenster schimmert und wo es still ist, wenn es nicht gerade in einer Kabine pritschelt - oder, wenn gelacht wird, vorne an der Kassa. Dort nämlich, im engen Kammerl, neben Mikrowelle und Kaffeemaschine, da steht Kopera und empfängt die Besucher im letzten Brausebad Wiens.

Tornados im Brausebad

Wiens letztes Tröpferlbad in der Friedrich-Kaiser-Gasse in Ottakring verzeichnete im Jahr 2021 mehr als 5.000 Besuche. - © Stefan Schauhuber
Wiens letztes Tröpferlbad in der Friedrich-Kaiser-Gasse in Ottakring verzeichnete im Jahr 2021 mehr als 5.000 Besuche. - © Stefan Schauhuber

"Zu uns kommen auch Tornados. Zack, zack, fertig", sagt Kopera und meint die Bauarbeiter, die direkt von der Baustelle zu ihr ins Bad kommen, um sich schnell den Staub abzuwaschen und den Schweiß. Überhaupt kämen ganz unterschiedliche Leute ins Volksbad. Viele, weil sie zu Hause keine Dusche haben - und das sind weit mehr, als man denken würde, sagt Kopera. Rund 17.500 Substandard-Unterkünfte, also Wohnungen ohne WC oder Wasserentnahmestelle, gab es im Jahr 2020 noch in Wien, belegt die Statistik. Es würden aber auch Leute ins Bad kommen, bei denen gerade umgebaut oder die Gastherme getauscht wird. Leute mit Gipsbein, die zu Hause nicht in die Badewanne kraxeln können. Oder solche, die vorübergehend im Rollstuhl sitzen. Aber es kommen auch Schüler aus der benachbarten Schule nach dem Turnen. Auch Touristen standen schon unter heißem Wiener Hochquellwasser. "Die googeln, wo wir zu finden sind", sagt Kopera. Klar, es kämen auch Besucher, die im Park ums Eck schlafen und auf die Dusche am nächsten Morgen warten.

An der Kassa hat Katarzyna Kopera immer Zeit für einen kleinen Plausch. - © Stefan Schauhuber
An der Kassa hat Katarzyna Kopera immer Zeit für einen kleinen Plausch. - © Stefan Schauhuber

Natürlich gibt es auch die Stammgäste. Die einen kommen immer am selben Tag, die anderen wollen nur in "ihrer" Kabine duschen. Ein besonderer Stammgast rufe immer an, um Bescheid zu geben, wann er heute kommt - aber auch: warum er ausnahmsweise nicht erscheint. Pensionisten, sagt Kopera, die haben sowieso immer einen Tagesplan. Nicht wenige kämen vor jedem Arzttermin, "damit sie frisch gehen können".

Frisch vorfinden sollen die Besucher auch die Duschkabinen. Gemeinsam mit ihrer Kollegin desinfiziert deshalb Kopera jeden Morgen - "vor Dienstbeginn natürlich erstmal einen Kaffee" - das gesamte Bad. Und nach jedem Gast wischt und schrubbt sie die benützte Kabine. In acht Damen und zehn Herren Edelstahlkabinen kann hier geduscht werden. Zusätzlich gibt es eine geräumige Kabine für Menschen im Rollstuhl oder Gäste, die sich beim Duschen auf einen Klappsitz setzen wollen. Wie viele Besucher pro Tag kommen, sei sehr unterschiedlich, sagt Kopera. Mal so, mal so. Aber seit Beginn der Pandemie sei viel mehr los im Brausebad.

5.368 Besuche verzeichnete das Bad im Jahr 2021. Deutlich mehr als in den Jahren davor. Während der Lockdowns, da war in der Friedrich-Kaiser-Gasse sowieso Hochbetrieb. Denn als alle anderen Bäder geschlossen hatten, war das Brausebad, neben nur drei anderen Bädern in ganz Wien, als Teil der Grundversorgung weiter geöffnet. "Da waren bei uns alle Kabinen voll", sagt Kopera. Als im Jahr 1887 das erste Wiener Volksbad aufsperrte, kamen noch deutlich mehr Besucher zum Duschen. Mehr als 75.000 waren es gleich im ersten Betriebsjahr. Damals wurden öffentliche Badeanstalten errichtet, um die allgemeine Hygiene und Gesundheit zu verbessern. In Zeiten von Grippeepidemie und grassierender Tuberkulose waren diese Bäder für Arbeiter oft die einzige Möglichkeit zur Körperpflege. Wollten zu viele Badegäste gleichzeitig duschen, waren die Wasserspeicher schnell überlastet. Dann ließ der Wasserdruck der einzelnen Duschen nach und es tröpfelte nur mehr aus den Brausen. In den sogenannten "Tröpferlbädern" war die Duschzeit deswegen streng auf 30 Minuten begrenzt. Im Brausebad in der Friedrich-Kaiser-Gasse, das erst im Jahr 1977 aufsperrte, hält die Technik und Kunden können bei Kopera für 60 Minuten "Badezeit" bezahlen.

Einmal Duschen und Plaudern

Was man, bitte, eine ganze Stunde lang unter der Dusche machen solle, werde sie oft gefragt. "Zum Genießen braucht man Zeit", sagt sie dann. "Kaffee trinkst du ja auch nicht in einem Schluck." Und bei den älteren Gästen, da dauere es prinzipiell länger. "Reife Damen, nicht alte", sagt Kopera und grinst. Diese schickt sie gern in die größere Kabine gleich bei der Kassa. Wenn es eine Minute still ist oder etwas laut scheppert, dann klopft sie und fragt, ob alles in Ordnung ist oder jemand Hilfe braucht.

Mit jedem Duschgast wechselt Kopera zumindest ein paar Worte. Mit manchen wird auch ausgiebig getratscht. Und ja, das könne schon auch mühsam sein. Bei besonders gesprächigen Besuchern wechselt sie sich deshalb mit ihrer Kollegin ab. "Heut gehört er dir", sagt eine dann zur anderen. "Ich bin immer gleich mit allen per Du, auch wenn es vielleicht nicht korrekt ist", sagt die Brausebadmeisterin. "Wenn du per Sie bleibst, dann halten sich die Kunden auch zurück. Aber wenn du offen bist, hilfsbereit, dann kommen die Menschen von selbst." Weil sie mit allen redet, weiß sie, wer welche Beschwerden hat, auf wen sie besonders Acht geben muss.

Trotzdem ist sie froh, sich den Dienst mit ihrer Kollegin zu teilen. Nicht nur weil lange Arbeitstage mit wenigen Besuchern so kürzer werden, sondern weil bei manchen Gästen nach der heißen Dusche der Kreislauf streikt und man zu zweit besser Erste Hilfe leisten könne, sagt Kopera, die sicherheitshalber auch Kontrollrunden geht. "Die Besucher fühlen sich dann gut aufgehoben. Und ich bin beruhigt." Aber passiert sei Gott sei Dank noch nichts, immer seien sie rechtzeitig da gewesen. Aber letztlich sei sie natürlich keine Pflegerin. "Naja, vielleicht seelisch."

Schon als Kind, erzählt Kopera, die in einer Kleinstadt südlich von Krakau aufwuchs, sei sie immer gerne unter Leuten gewesen. Die Großmutter war Hotelchefin, der Vater Wirt, und die kleine Katarzyna wuselte da wie dort zwischen den Beinen der Gäste herum. Nach der Matura wollte die junge Frau die Welt sehen. Der Plan: in Wien studieren.

Mit 21 Jahren verließ sie Polen, schrieb sich an der Universität ein und machte einen Deutschkurs. Doch es sei sich einfach nicht ausgegangen mit dem Geld, erzählt Kopera. Sie komme eben nicht aus einer reichen Familie. Aber wer weiß, ob das Wirtschaftsstudium das Richtige gewesen wäre, denn irgendwie, wollte sie immer Menschen helfen - und hätte deswegen als Heimhilfe angefangen, aber zwei Jahre Ausbildung, auch das war nicht möglich. Vor mittlerweile sechs Jahren begann sie also in der Friedrich-Kaiser-Gasse und fühlt sich gleich "wie ein Fisch im Wasser."

Im Bad wie zuhause

"2.70, bitte", sagt Koperas Kollegin durch die Sprechöffnung und schickt den Besucher in eine Kabine im Männer-Bereich. Der Gast klemmt sich sein Plastiksackerl unter den Arm, legt Münzen auf den Tresen und verschwindet Richtung Dusche. "Du, der hat mir jetzt zu wenig gegeben", sagt die Kollegin. "Komm gehen wir zu zweit", sagt Kopera und ruft in den Fließengang: "Chef, Chef, da fehlen 50 Cent!" Die Damen eilen dem Besucher hinterher und wenige Worte später landet eine Münze in der Kassa. Um Profit geht es beim Betrieb des Brausebades ohnehin nicht. Dass der Eintritt ins Brausebad nur knapp drei Euro kostet, wäre ohne Zuschüsse und Synergieeffekte mit einem anderen Bad nicht möglich, so die Wiener Bäder. Rund zehn Euro müsste man heute bereits bezahlen. Knapp die Hälfte der Besucher duscht im Brausebad sowieso gratis, weil sie nur eine kleine Pension beziehen oder von der Mindestsicherung leben müssen. Reich werde man auch mit der Arbeit im Bad nicht, aber was heiße das schon, sagt Kopera. "Ich glaube, ich habe meinen Platz gefunden auf dieser Erde. Das, was ich gebe, kommt zurück. Das reicht mir."

Ihre Familie in Polen, die sehe das anders, die würde ihren Job im Bad nicht verstehen, diese Welt nicht kennen. "Ich bin anders als meine Eltern oder mein Bruder", sagt Kopera. "Ich führe zwei verschiedene Leben. Eines in Wien und eines in Polen. In Polen bin ich ein anderer Mensch, da bin ich nicht so offen." In ihrer Geburtsstadt führt der ältere Bruder eine Konditorei und jeder kennt die Familie. Da sei sie immer die Schwester des bekannten Bruders und bringe kaum ein Wort heraus, wenn sie angesprochen wird.

"Hier in Wien, in der großen Stadt, da schauen die Menschen nicht auf mich, kennen mich nicht, da bin ich inkognito." Anders im Bad, da kennt man "die Kathi". Kürzlich rief die Tochter eines Stammgastes an. Sie wollte dieser "Kathi", von der ihr Vater immerzu erzählte, sagen, dass dieser verstorben sei. Und: Sie wollte sich bedanken.

Sich mit den Besuchern auszutauschen, das mache Kopera Freude, aus den Begegnungen ziehe sie Kraft. An besondere Stammgäste denkt sie gar außerhalb ihres Dienstes. Um sie darüber zu informieren, dass sich COVID-Beschränkungen wieder einmal geändert haben, fuhr Kopera immer wieder durch eine Straße in der Nähe des Bades. Sie wusste, dort geht eine ältere Badbesucherin immer spazieren. "Du kannst jetzt wieder kommen!", sagte sie ihr, als sie die Frau tatsächlich traf. Da sei die Freude groß gewesen - und die Dame umgehend wieder im Bad.

Regelmäßige Duschgäste sind heute längst die Ausnahme. Als in der Nachkriegszeit fließendes Wasser und Badezimmer in den Wohnungen zum Standard wurden, kamen immer weniger Wienerinnen und Wiener in die Tröpferlbäder. Eines nach dem anderen wurde geschlossen oder durch den Einbau einer Sauna zu einem Warmbad umfunktioniert. "Ich wünsch‘ mir, dass das unser Bad lange bleibt", sagt Kopera. "Ich weiß, da kommen Leute, die brauchen das, diese Wärme, diese Entspannung. Und ich versuche, ihnen das Gefühl zu geben: ‚Schau her, es ist wie daheim‘."